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„Imperium. Konflikt. Mythos“: Am 16. Mai werden die Sonderschauen zum 2000. Jahrestag der Varusschlacht eröffnet

Ein Thema. Drei Schauplätze. Drei Ausstellungen.

War sie ein Ereignis welthistorischer Bedeutung, wie einige meinen? Gar prägend für die weitere Entwicklung Europas, wie andere sagen? Der Urknall in der Geschichte der Deutschen, wie hunderttausendfach gedruckt zu lesen war? Solche Gesichtspunkte werden seit etwa fünf Jahrhunderten engagiert, wenn nicht hitzig diskutiert. Erweisen sich die im Wortgefecht mitunter wie Waffen benutzten Argumente des Öfteren als stumpf, so ist zumindest die Zahl der Beteiligten Legion. Womit wir mitten im Thema sind: Im September jährt sich zum 2000. Mal ein Ereignis, das vielen noch als „Schlacht im Teutoburger Wald“ oder als „Hermannsschlacht“ bekannt ist, das heute jedoch zumeist als „Varusschlacht“ bezeichnet wird.

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Autor

Thomas Meinecke Redakteur zur Autorenseite

Kaum vernehmbar ist der historische Nachhall, der aus den Wäldern Germaniens zu uns hinüber klingt. Drei römische Legionen, drei Reiterstaffeln und sechs Kohorten seien vernichtet worden, heißt es. Geschlagen von barbarischen – also stotternden – Einheimischen, allesamt „geborene Lügner“, unter Führung eines Mannes, der dem einen als „Verschwörer“, dem anderen als „Befreier Germaniens“ gilt. Die Nachrichtenlage ist dünn, und die Übermittler der Nachrichten stammen ausschließlich aus den Reihen des Besiegten.

Wie konnte es zu der Niederlage für die Weltmacht Rom kommen? Antworten, Annäherungen versucht ein Ausstellungsprojekt, welches vom 16. Mai bis zum 25. Oktober unter dem Titel „Imperium. Konflikt. Mythos. 2000 Jahre Varusschlacht.“ länderübergreifend an Originalschauplätzen in drei Orten zu sehen sein wird: Haltern am See, Kalkriese und Detmold.

Diese Seite soll Sie, liebe Leserin, lieber Leser, über diese größte archäologische Ausstellung, die seit langem in Deutschland zu sehen sein wird, informieren und Ihnen Appetit machen auf eine mit erlesenen Zutaten zubereitete Portion Heimatkunde im weitesten Sinne. Auf zwei weiteren Seiten, die im Abstand von jeweils einigen Wochen an dieser Stelle erscheinen werden, erfahren Sie dann mehr über die historischen Hintergründe dieses Ereignisses und über den aktuellen Stand der Forschung.

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„Imperium“ – Mitten in Germanien war die

Verwaltungszentrale

Die Lage ihres Verwaltungszentrums im noch nicht von ihnen eroberten Teil Germaniens hatten die Römer klug gewählt. Ihre Rückzugslinie auf der für sie sicheren, westlichen Seite des Rheins lag nur drei Tagesmärsche entfernt. Der Stützpunkt mit seinen annähernd 6000 Soldaten ließ sich mit Schiffen über die Lippe bequem versorgen. Haltern am See: Die dort 1816 entdeckten und seit 1899 systematisch erforschten römischen Militäranlagen gehören zu den am besten erkundeten Komplexen des „Imperium Romanum“ zur Zeit des Kaisers Augustus – für das Verständnis der Vorgänge innerhalb Germaniens auch zu den wichtigsten.

Viele unterschiedliche militärische Anlagen sind bislang rund um Haltern entdeckt worden. Einige weisen mehrere Bauphasen auf, darunter ein über Jahre hinweg besetztes, mit doppeltem Grabensystem und massiver Mauer gesichertes Standlager. Zum Halterner Gesamtensemble gehören auch mehrere wohl nur kurz benutzte Marschlager, eine Schiffsanlagestelle samt Bootshaus mit acht Schiffshelingen, zwei Gräberfelder und ein umfangreicher Töpfereibezirk.

Wann genau die Römer ihren Stützpunkt auszubauen begannen, ist eine offene Frage: vielleicht schon 7 v. Chr., vielleicht auch erst um die Zeitenwende. Sicherlich war er bis zur Varusschlacht im Jahr 9 n. Chr. dauerhaft besetzt. Indizien lassen vermuten, dass der zunächst militärisch genutzte Ort mit der Zeit zunehmend eine auch zivile Nutzung erfuhr. Es gibt andere Hinweise, denen zufolge der Platz nach Angriffen von Einheimischen, die der Varusschlacht folgten, abermals von Römern besiedelt worden ist.

Vor diesem Hintergrund wird sich das LWL-Römermuseum dem „Imperium“ auf dem Höhepunkt seiner Macht zuwenden, der Kunst, Kultur und Propaganda zur Zeit des Kaisers Augustus. Die politischen und militärischen Folgen der Varusschlacht für die antike Welt im Allgemeinen und die römische Außenpolitik im Besonderen werden dabei ebenso nachgezeichnet wie der Lebensweg des Feldherrn, nach dem die Schlacht benannt ist: Publius Quinctilius Varus.

Diese Sonderausstellung wird in der Seestadthalle, Lippspieker 25, in Haltern am See gezeigt, und zwar Di.–Fr., 9–18 Uhr, Sa. 10–20 Uhr sowie So. 10–18 Uhr. Lohnend ist zudem der Besuch des LWL-Römermuseums (Weseler Straße 100) selbst, in dem Artefakte aus sämtlichen fünf bisher entlang der Lippe entdeckten Römerlagern gezeigt werden: Holsterhausen, Haltern, Beckinghausen, Oberaden und Anreppen.

„Konflikt“ – Überreste einer großen Schlacht

am Großen Moor

Drei olivengroße Bleiklumpen, die 1987 am Rande des großen Moores bei Kalkriese entdeckt worden sind, haben den Anlass für eine der umfangreichsten archäologischen Untersuchungen gegeben, zu denen es in den vergangenen Jahrzehnten in Niedersachsen gekommen ist. Es handelte sich um „Schleuderbleie“, also Geschosse, wie sie einst von Teilstreitkräften der römischen Armee verwendet worden sind. Nach vielen Münzfunden in den Jahrhunderten zuvor war dieser Waffenfund der erste Beweis dafür, dass sich an diesem Ort auch römische Truppen aufgehalten hatten, denn die Einheimischen haben die Schleuder als Waffe nicht benutzt.

Mehr als 5000 Fundstücke haben Archäologen seither aus dem Boden geholt, dazu im Boden viele „Befunde“ entdeckt, also Gräben, Gruben und andere Spuren. Hinzu kommen mehr als 1600 römische Münzen aus Gold, Silber und Kupfer. Es fanden sich Überreste römischer Waffen und militärischer Ausrüstung in Hülle und Fülle: Geschirr, Gegenstände des Alltags, Bekleidung, Zaumzeug, medizinisches Gerät und vieles andere mehr. Zu den Befunden gehören die Reste einer Wallanlage sowie bis heute acht Gruben mit bestatteten Menschen- und Tierknochen.

Funde und Befunde beweisen eindeutig, dass bei Kalkriese kurz nach der Zeitenwende römisches Militär in intensive Kämpfe verwickelt war. Das genaue Jahr, in dem die Auseinandersetzung stattgefunden hat, lässt sich nicht exakt eingrenzen. Allerdings spricht in der Gesamtabwägung die Summe aller Indizien für das Jahr 9 nach Christi Geburt – und das mit einem sehr hohen Grad an Wahrscheinlichkeit, den alle anderen als Ort der Varusschlacht diskutierten Plätze nicht annähernd aufweisen können.

Vor dem Hintergrund des dort belegten Kampfgeschehens wird die Einrichtung „Museum und Park Kalkriese“ mit dem Thema „Konflikt“ die Zeit zwischen der Varusschlacht bis zum 5. Jahrhundert danach beleuchten, als die ersten germanischen Königreiche auf römischem Territorium entstanden. Die Ausstellung wird den Weg der Germanen an die Spitze der Macht im alten Europa nachzeichnen. Warum gerade Krieg für sie das Erfolgsrezept war, ist nur zu begreifen, wenn man wesentliche Grundzüge der germanischen Gesellschaft versteht.

Diese Sonderausstellung wird im Museum und Park Kalkriese, Venner Straße 69, in Bramsche-Kalkriese gezeigt, und zwar täglich 9–18 Uhr (Sa. 9–20 Uhr). Lohnend ist zudem der Besuch der neu gestalteten Dauerausstellung des Museums, die nicht nur Artefakte der seit 20 Jahren andauernden Ausgrabung präsentiert, sondern den Betrachter auch mit den umfassenden, fachübergreifenden Methoden der Forscher vertraut macht.

„Mythos“ – Nationales Pathos erstarrt

im bronzenen Guss

Das Schwert in der Rechten entschlossen emporgestreckt, sein Antlitz dem Feind im Südwesten zugewandt, so schaut Hermann seit nahezu 135 Jahren von einer Anhöhe des Teutoburger Waldes. Die 1875 fertiggestellte Kunstfigur misst knapp 27 Meter in der Höhe, sie steht auf einem ebenso hohen Sandsteinsockel. Das Hermannsdenkmal ist heute eines der am meisten besuchten Monumente Deutschlands.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es keinen deutschen Staat, stattdessen viele verschieden große Feudalstaaten. Die Armeen Napoleons hielten diese Territorien besetzt. Einen künstlerischen Reflex auf die politischen Umstände lieferte 1808 Heinrich von Kleist mit seinem als „Fronttheater“ gedachten Drama „Hermannsschlacht“. Ans Nationalgefühl appellierend, wurden dort Römer zu Franzosen, Cherusker zu Preußen. Napoleon wurde in der Völkerschlacht von Leipzig (1813) vertrieben. Als Kleists „Hermannsschlacht“ 1839 uraufgeführt wurde, hatte der Bau des Hermannsdenkmals gerade begonnen. Dann dümpelte das Vorhaben über Jahrzehnte in der Finanzierungsflaute. Die entscheidende Brise pekuniären Rückenwindes kam mit dem Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) und mit der darauf folgenden Reichsgründung. 1875 wurde das Denkmal vollendet. In Kupfer gegossenes Nationalgefühl des jungen Deutschen Reiches – weshalb Hermann seither statt nach Südosten (zu den Römern) nach Südwesten in Richtung der Franzosen blickt.

Was die Erbauer des Denkmals nicht ahnen konnten: Sie schufen es ausgerechnet an einem Platz, an dem lange vorher eine mächtige Burganlage errichtet worden war, die – germanische? – „Grotenburg“. Die etwa elf Hektar große Anlage stammt aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. war vermutlich von einer etwa vier Meter mächtigen Mauer aus groben Steinblöcken umgeben. Mehrere Ausgrabungen vor etwa 100 Jahren brachten nur spärlichen Erkenntnisgewinn, vor allem, weil der Bau des Denkmals weite Bereiche des Fundplatzes zerstört, beschädigt oder versiegelt hatte.

Den „Mythos“ der Varusschlacht wird das Lippische Landesmuseum in einer Sonderausstellung ausführlich beleuchten. Dabei spannt sich ein Bogen von der römischen Geschichtsschreibung bis zur modernen Forschung. Es wird deutlich, welche Auswirkungen die Schlacht auf die europäische Geschichte hatte. Der Alltag der Germanen wird ebenso erfahrbar wie der Blick, mit dem die Römer die Urbevölkerung sahen. Wie aus dem zu „Hermann“ eingedeutschten Cheruskerfürsten eine der wichtigsten Symbolfiguren der Deutschen werden konnte, dokumentieren Exponate aus 500 Jahren deutscher und europäischer Kunst-, Literatur- und Musikgeschichte.

Diese Sonderausstellung wird im Lippischen Landesmuseum, Ameide 4, in Detmold gezeigt, und zwar Di.–Fr., 9–18 Uhr, Sa. 10–20 Uhr sowie So. 10–18 Uhr. Lohnend sind zudem Abstecher zu Hermannsdenkmal und Grotenburg in Detmold-Hidessen.

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