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Norbert Rose kümmert sich um das Asylheim und seine Bewohner – unsere Zeitung hat ihn einen Vormittag lang begleitet

Ein Sozialarbeiter für 70 Flüchtlinge

Rinteln. Dienstagmorgen um 8 Uhr im Büro des Asylbewerberheims im Bahnhofsweg. Sozialarbeiter Norbert Rose (57) verklebt einen Briefumschlag. Der Asylausweis eines Liberianers, der seit Mai in Deutschland, seit Juni in Rinteln ist, soll verlängert werden. Die Angelegenheit auf dem Postweg zu erledigen, erspart dem Liberianer die Busfahrt zur Ausländerbehörde in Stadthagen und damit Kosten in Höhe von 8 Euro; bei einem monatlichen Barbetrag von rund 320 Euro (abzüglich Energiekosten), die einem Asylbewerber zustehen, eine sinnvolle Ersparnis. Zurzeit sucht Rose für den Mann zudem eine Wohnung. In Schaumburg kein leichtes Unterfangen, wenn der Wohnungssuchende schwarz ist. „Offenbar haben da viele Vermieter Vorbehalte“, sagt Rose.

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Der städtische Sozialarbeiter betreut derzeit rund 70 Flüchtlinge. 40 leben im Asylheim im Bahnhofsweg, zehn in Krainhagen, acht im Deckberger Weg, sieben in Bad Eilsen, sechs in Obernkirchen. Letztere sind allesamt in sogenannten Übergangswohnungen. Eine neue, noch unbewohnte Wohnung befindet sich in Rehren.

Bei Übergangswohnungen handelt es sich um von der Schaumburger Kreiswohnungsbaugesellschaft angemietete und nur mit dem Nötigsten ausgestattete Wohnungen: Bad, Küchenzeile, Bett, Tisch, ein paar Stühle, vielleicht noch eine Sofagarnitur. Die Flüchtlinge, die dort untergebracht sind, sollen dem „Leverkusener Modell“ zufolge entweder in privaten Wohnungen, also dezentral, untergebracht werden. Oder sie warten auf ihre Abreise, wenn ihrem Asylantrag nicht stattgegeben wurde.

Um 9.15 Uhr klingelt das Telefon. Das Jugendamt in Stadthagen. Es geht um die „Anträge auf Duldung“ zweier 16-Jähriger, die gerade aus dem Kosovo kommen, aber es fehlen noch die Passfotos. Rose kündigt an, sich später bei den Jungs danach zu erkundigen.

Fünf Minuten später, wieder Telefon. Ein dezentral untergebrachter Iraner (60) hat aufgrund von Diabetes ein Augenleiden und muss in die Augenklinik in Minden. Rose verabredet sich mit ihm für Mittwoch. Unterstützt werde er in diesem Fall von einer jungen in Deutschland aufgewachsenen Iranerin und ihrer Mutter, die sich als kostenlose Dolmetscher angeboten haben.

9.25 Uhr. Erneut klingelt das Telefon. Einer Kollegin vom Landkreis liegt eine Beschwerde eines Vermieters über die Bewohner der Übergangswohnung in Bad Eilsen vor: Ständig übernachteten dort Fremde, jetzt habe es auch noch Ärger gegeben, eine Fenstertür sei zu Bruch gegangen. Rose solle mal das Gespräch suchen.

9.45 Uhr. Diesmal ruft die Grundschule Heeßen an. Zwei Flüchtlingskinder waren seit Freitag nicht in der Schule, unentschuldigt. Es sind Kinder einer Roma-Familie aus Montenegro, ihr Asylantrag wurde abgelehnt, die Ausreise steht kurz bevor. Deshalb wolle Rose die Familie heute ohnehin besuchen.

Um 10 Uhr kommt Hausmeister Alexander Nagel von seinen ersten Erledigungen zurück und setzt frischen Kaffee auf. Nagel ist Aussiedler, aus Kasachstan, er hat deutsche Eltern. Vor 22 Jahren kam er nach Rinteln, seit 22 Jahren arbeitet er hier als Hausmeister. Darüber hinaus organisiert er für neue Bewohner Bettwäsche, Matratzen, Kleidung, Handtücher, und eben die Haushaltsgrundausstattung, erzählt er.

Norbert Rose hustet und steckt sich einen Bonbon in den Mund. „Ich war erkältet und habe noch etwas Husten.“ Wenn er krankheitsbedingt mal ausfällt oder seinen Urlaub nimmt, kümmert sich Hausmeister Nagel ums Gröbste vor Ort. Aber alle sozialen Angelegenheiten übernehme dann die Rintelner Außenstelle des Sozialamts, das generell auch die monatliche Bargeldauszahlung an die Flüchtlinge vornimmt.

Eine Wohnung wird als Lager genutzt

Ein Mann mittleren Alters kommt zur Tür rein, fragt nach Herrn Rose und stellt sich als Schausteller vor. Er suche ein „ruhiges Plätzchen“ und habe gehört, dass das Haus im Deckberger Weg 4a zu vermieten sei. „Nein, das nutzen wir derzeit als Lager“, erklärt Rose und verabschiedet den Mann. Ob die Stadt nicht anderen Platz zur Verfügung stellen könne, auf dem Baubetriebshof etwa, will unsere Zeitung von Rose wissen. Schließlich sucht der Landkreis bis Juni händeringend nach Unterkünften für weitere 260 Flüchtlinge. Aber bislang, sagt Rose, habe sich seitens der Stadt kein geeigneter Lagerraum finden lassen.

Durch die vom Büro aus einsehbare Haustür des Wohnheims schiebt ein Bewohner eine Schubkarre. „Es gibt einen Reinigungsdienst für das Haus, den die Bewohner selbst leisten“, erklärt Rose. Und der sei so beliebt, dass es gar nicht möglich sei, alle Bewohner so oft einzuteilen, wie sie es gerne hätten.

1,05 Euro verdienen sich die Flüchtlinge dadurch dazu. „Aber auch sonst sind die Leute hier sehr hilfsbereit“, merkt Nagel an. Ein junger Somalier betritt schüchtern das Büro und erklärt Rose in gebrochenem Englisch, dass seine schwangere Freundin krank sei und Hilfe brauche. Als sich herausstellt, dass die Frau im Heim ist, stutzt Rose. Eigentlich dürfe sie gar nicht hier sein, da sie in Bad Dürkheim untergebracht ist. Rose wolle später mit ihr persönlich sprechen.

10.15 Uhr. Rose setzt sich in seinen Opel, fährt in den Deckberger Weg zu den beiden 16-Jährigen, um nach den Passfotos zu fragen. Das Haus, ein Schlichtbau, könnte mal wieder einen neuen Anstrich vertragen. Die Wohnungstür steht offen, auf dem Sofa im Wohnraum sitzt ein älterer Roma, den Rose noch von früher kennt; vor Jahren wurde sein Sohn bei einem Streit in Rinteln erstochen. Nur einer der beiden Jungs ist da, versteht aber kein Deutsch. Der schwangeren Schwester erklärt Rose, dass das Amt dringend die Passfotos benötigt. Dann geht‘s weiter nach Krainhagen. Dort klingelt Rose bei einer Wohnung, in der zurzeit sechs junge Marokkaner untergebracht sind. Einer öffnet die Tür, ein anderer steht im Flur und lächelt. Aber der, den Rose sucht, um ihn an seinen Leistungsbescheid zu erinnern, damit sein Deutsch- oder Integrationskurs bezahlt werden kann, ist gerade nicht da.

Im Obergeschoss wohnt eine Flüchtlingsfamilie aus Syrien. Ein kleines Kind macht die Tür auf, zwei Frauen, Großmutter und Mutter, folgen. Es liegt ein behördliches Problem vor, das Rose so auch noch nicht erlebt habe. Allen wurde der Aufenthalt gewährt, nur nicht dem jungen Vater, der ebenfalls gerade nicht da ist. Er solle sich bitte bei ihm melden, lässt Rose ausrichten.

10.45 Uhr in Bad Eilsen in der so gut wie leer stehenden Wohnung der Roma-Familie. Warum die Kinder seit Freitag nicht in der Schule gewesen seien, will Rose wissen. „Bauchschmerzen“, sagt die Mutter. Im Laufe des Gesprächs stellt sich heraus, dass die Kinder recht quietschvergnügt zu sein scheinen, sie spielen, und die Eltern gingen davon aus, dass sie bereits am Donnerstag die Rückreise antreten würden, und zeigen Rose die bereits gepackten Koffer. Rose vermutet ein Missverständnis, verspricht Klärung und weist die Eltern auf die Schulpflicht für Kinder hin.

11.20 Uhr in einer anderen Wohnung in Bad Eilsen, wo besagte Scheibe zu Bruch gegangen sein soll. „Ja“, sagt der marokkanische Bewohner, um die 40, „Ärger, Ärger.“ Er habe wohl getrunken, sich am Telefon mit seiner Mutter gestritten und sei dann etwas ausgerastet. „Und wer bezahlt das jetzt?“, fragt Rose bestimmt. „Das ist viel Geld, ,money‘!“ Und dass hier ständig andere Leute übernachteten, gehe auch nicht. Der Mann gelobt Besserung.

Vor der Tür schüttelt Rose den Kopf. „Ich kann verstehen, dass der Vermieter sauer ist.“ Da finde sich mal ein Vermieter, der bereit ist, seine Wohnung an den Landkreis für die Unterbringung von Asylbewerbern zu finden, und dann so was. Aber das sei zum Glück die Ausnahme.

Keine Zeit für nötige Hintergrundrecherchen

Manche Flüchtlinge erledigen alles selbstständig, sobald sie einmal eine eigene Wohnung haben, erzählt Rose. Aber das hängt auch von den Sprachkenntnissen ab. Wenn kaum Deutschkenntnisse vorhanden sind, nehmen sie Roses Unterstützung weiter in Anspruch: Wenn es um die medizinische Versorgung oder Kindergeld geht, oder Behördengänge erledigt werden müssen.

In den 90ern, erzählt der 57-Jährige, habe er noch eine Kollegin gehabt. Damals gab es aber auch noch mehr Flüchtlinge und Unterkünfte: in der Waldkaterallee, in Uchtdorf, Am Thie, „da haben wir die Arbeit untereinander aufgeteilt“. Seit 2000 arbeitet er allein. Zwei Mitarbeiterinnen der Arbeiterwohlfahrt kümmern sich um die im Norden des Landkreises untergebrachten Flüchtlinge.

Manchmal ist es schwer, allein zu arbeiten, sagt Rose, da man sich mit niemandem auf Augenhöhe austauschen kann. Außerdem bleibe schon lange keine Zeit mehr, Hintergrundinformationen, etwa über die politische und wirtschaftliche Lage in den Herkunftsländern der Flüchtlinge, zu recherchieren oder sich genau in die aktuelle Rechtslage in Asylfragen einzulesen.

Ein Flüchtlingspaar aus Algerien etwa hat einen vierjährigen Sohn mit einem Cochleaimplantat, einer Hörprothese für Gehörlose, deren Hörnerv noch funktioniert. Damit das Kind noch eine Chance hat, Sprechen und Hören zu lernen, müsse es dringend in einen Sprachheilkindergarten, bevor es zu alt ist, erzählt Rose. Aber das wäre mit erheblichen Kosten verbunden. Wie dieses Problem gelöst werden kann, weiß er selbst noch nicht. Dazu komme die tägliche Fahrerei nach Obernkirchen, Eilsen oder ins Auetal. „Das ist unheimlich zeitaufwendig“, so Rose.

Anfang der Woche machte ein Zeitungsbericht der Berliner Tageszeitung „taz“ Schlagzeilen mit einem Bericht über die akute Zunahme an Übergriffen und Anschlägen auf Asylbewerberheime. Demnach zählte das Bundeskriminalamt 2013 mehr als doppelt so viele eindeutig als rechtsextrem eingestufte Übergriffe (58) als noch 2012 (24).

„Toi, toi, toi!“, sagt Norbert Rose. In den über 20 Jahren hier habe es so gut wie nichts in dieser Art gegeben, und für die Zwischenfälle, die es gab, habe es keine fremdenfeindlichen Belege gegeben. Andererseits: Einmal seien im Heim der Waldkaterallee kleine Löcher in den Fenstern entdeckt worden, entstanden vermutlich durch Schüsse eines Luftgewehrs. „Aber vielleicht war es auch ein Dummejungenstreich“, gibt Rose zu bedenken. „Aber Anfang der 90er herrschte ja eine ganz andere Stimmung“, sagt er mit Blick auf die Pogrome von Rostock-Lichtenhagen, Solingen und Mölln. In dieser Zeit sei auch mal ein riesiger Stein durch die Glastür des Wohnheims im Bahnhofsweg geflogen. Von wem und mit welchem Motiv der Stein geworfen wurde, konnte nie ermittelt werden. Die Stadt reagierte damals mit Sicherheitsfolien für die bis heute noch größtenteils einfach verglasten Fensterscheiben. „In den 90er Jahren hatten wir und die Bewohner alle Angst.“

12.15 Uhr. Wieder im Bahnhofsweg. „Hallo Chef“, sagt ein Bewohner vor dem Heimeingang freundlich. „Das ist mein Chef“, sagt er lachend zu seiner Freundin. „Alles gut?“, erkundigt sich Rose. Die Hälfte der Flüchtlinge verlässt Schaumburg und geht in die größeren Städte, wenn sie das Bleiberecht erhalten. Gerade für ungelernte Kräfte gebe es dort zumindest mehr Chancen als auf dem Land. Allein zu einem Iraker, der bereits vor rund 20 Jahren nach Deutschland kam, habe sich eine echte Freundschaft entwickelt.

„Mittagspause, wie man sie kennt, mache ich nicht“, sagt Rose und verweist auf ein paar Stullen in Brotpapier auf seinem mit Unterlagen übersäten Schreibtisch. „Die esse ich so nebenbei, wenn ich zum Beispiel gerade am Computer arbeite.“

Am Nachmittag wird Rose mit dem somalischen Paar sprechen, eine Hebamme für die schwangere Roma organisieren, seine Postfächer bei Stadtverwaltung und Sozialamt leeren, die Jahresabrechnung für 2013 in Angriff nehmen und eine Anfrage des Niedersächsischen Städtetages nach dezentraler Unterbringung beantworten. So weit zumindest der Plan, der aber jederzeit von Telefon oder einem der 40 Heimbewohner durchkreuzt werden kann.




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