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War der Dichter Jeremias Gotthelf in Pyrmont im türkischen Himmel oder noch auf Erden?

Ein Schweizer Poet verliebt sich in Pyrmont

In der langen Liste der berühmten Persönlichkeiten, die an den Hylligen Born reisten, sucht man einen Namen vergeblich. Das hat damit zu tun, dass Albert Bitzius aus dem Emmental, der Pyrmont als Student besuchte, erst viele Jahre später unter dem Künstlernamen Jeremias Gotthelf (1797-1854) als „Shakespeare des Dorflebens“ in die Literaturgeschichte einging. Er begann erst als Vierzigjähriger zu schreiben und wurde doch zu einem Erzähler „ersten Ranges“ (H. Hesse), dessen Werke in 42 Bänden vorliegen.

Jeremias Gotthelf (Albert Bitzius), Stich nach dem Gemälde von D

Autor:

Titus Malms

Am bekanntesten sind die Bücher geworden, die auch verfilmt wurden: Die beiden „Uli“-Romane und ebenso die dämonisch-mythische Erzäh-lung „Die schwarze Spinne“, die Thomas Mann „wie kaum ein zweites Stück der Weltliteratur“ bewunderte. Gotthelf war ein sozialer Kämpfer von bewusst konservativer Haltung, der die ländlich-lutherische Prägung seiner Heimat gegen das andrängende, ungläubige Städtertum mit gewaltiger Sprachkraft zu verteidigen suchte. „Mein Schreiben ist ein Bahnbrechen, ein wildes Umsichschlagen nach allen Seiten hin gewesen.“ Seine Bücher sind voller Leben, ursprünglicher Fantasie und überlegener Darstellungskunst.

Etwas davon wird auch schon in den Briefen und Aufzeichnungen spürbar, die er als Göttinger Theologiestudiosus 1821 während seiner Reise durch Norddeutschland für seine Angehörigen verfasste. Diese hierzulande bislang unbeachtet gebliebenen (und hier aus Platzgründen gekürzten) Texte liefern uns ein höchst originelles, humorvolles Bild jener Zeit. Der Brief vom 12. August schildert der Stiefschwester die Eindrücke, die er auf seinem Ausflug in das zwanzig(!) Stunden entfernte Pyrmont empfing. Zusammen mit zwei Kommilitonen war er von Göttingen ausgeritten, um den weitberühmten Münchner Schauspieler Eßlair, der am Brunnen gastierte, zu sehen.

„Endlich langten wir in Pyrmont an. Nun ging’s an ein Treiben ohnegleichen, Waschen, Barbieren, Kleider glätten, Anziehen, Raffinieren. Nachdem wir fast zwei Stunden uns so erarbeitet, flogen wir aus, wandelten in den Anlagen herum, die sehr hübsch und an prachtvollen Alleen außerordentlich reich sind. Zu beiden Seiten dieser Alleen findet man alles, was die jetzige Mode Geschmackvolles hat, zum Überfluss und auch das Reichste und Zierlichste, es soll den Boulevards in Paris auffallend ähnlich sein.

Der Schauspieler Ferdinand Eßlair (1772-1840).
  • Der Schauspieler Ferdinand Eßlair (1772-1840).
Die Spieler von Pyrmont, Aquarell von Georg E. Opitz, 1825.
  • Die Spieler von Pyrmont, Aquarell von Georg E. Opitz, 1825.

Die große Allee ist niemals leer von morgens fünf bis um Mitternacht. Als wir gegen Mittag hinkamen, staunten wir vor der Menge geputzter Damen, die wir noch nie in so großer Anzahl und so elegant angezogen gesehen. Wir wussten gar nicht, wohin blicken; ein niedliches Gesicht drängte das andere, wir stießen einander so unaufhörlich an, um einer den anderen aufmerksam zu machen, dass unsere Seiten ganz blau wurden! Von den brillanten Hüten, die man hier trägt, haben wir in Bern keinen Begriff, die Garnitur ist einzig und die Feinheit der Strohhüte unglaublich.

Im Spielsaal saß man ziemlich ruhig um den Tisch herum und sah gelassen dem Verlust zu. Ich habe noch nie mit dem Gelde so gleichgültig verfahren gesehen, zwanzig Louisdors wurden so gelassen verspielt oder gewonnen, als ob es ebenso viele Pfennige wären. Sogar Frauen sah man kommen und per Spaß einige Taler einwerfen.

Nach dem Essen wurde Kaffee getrunken vor dem Kaffeehause in der Allee. Da vergaßen wir, Ohren, Mund und Augen offen, sogar das Trinken und Rauchen. So viele hübsche Mädchen und Frauen habe ich noch nie beisammen gesehen: bald kam eine hohe, schlanke Deutsche, bald eine niedliche Französin, dann eine stattliche Engländerin. Die Garderoben waren noch brillanter als am Morgen, das Gewimmel noch viel größer. Wir saßen zwei Stunden lang da, ohne uns zurechtzufinden, ob wir im türkischen Himmel oder noch auf Erden waren. So manche Minute in diesen zwei Stunden, also hundertzwanzigmal wurde ich verliebt, allemal unsterblich.

Den folgenden Morgen wanderten wir im Negligé mit unseren Pfeifen in die Allee schon vor sechs. Bereits war sie angefüllt von Badegästen, die zum Wassertrinken spa-zierten. Die Damen, beinahe alle weiß gekleidet in knappen Spenzern, jede ihr Trinkgläs-chen in der Hand, gefielen uns heute noch besser als gestern und wir erklärten, man könne uns auf der Welt hintun, wo man wollte, wenn wir nur des Morgens in der Pyrmonter Allee frühstücken könnten, so wollten wir es uns gefallen lassen.

Wir fanden auch eine Quäkerkirche, in welcher alle mit gesenktem Haupte, den Kopf bedeckt, die Hände gefaltet, andächtig in großer Stille saßen, bis der Heilige Geist über sie kam; fühlte einer von ihnen sich von demselben be-geistert, so sprang er auf und trug seine Eingebungen vor; es interessierte mich sehr, dieses zu sehn, und ich glaube, wenn sie nicht auseinandergegangen, ich hätte auch mein Scherflein zu ihrer Unterhaltung beigetragen.

Diesen Mittag saßen wir im Freien unter einem Zelte an einer geraden Tafel, von welcher jede Seite hundertzwanzig Gedecke enthielt; es war ein schöner Anblick, wären nur auf dem Tisch bessere Speise und an meiner Seite eines der hübschen Mädchen gewesen, die anderswo die Nebenleute glücklich machten.

Den Nachmittag brachten wir wieder in der Allee zu und ärgerten uns fast zu Tode über einige Schwengels, die bei unseren Mädchen glücklich zu sein schienen. So be-scheiden wir sind, so mussten wir gestehen, dass uns nichts fehlte als die Ehre ihrer Bekanntschaft, um jene auszubeißen. Seltsam ists, dass hinter der großen Menge hübscher Frauen selten ein schöner Mann sich zeigte und wir gewiss Aufsehen erregten; manches schöne Auge konnte sich nicht von uns losreißen.

Nun spielte Eßlair und es lohnte sich, seinetwegen al-lein nach Pyrmont zu kommen. Schon sein Auftreten erregt Staunen, ein außerordentlich starker Mann mit schönen, edlen Zügen, der fähig zu sein scheint, eine ganze Compagnie auf den Armen zu tragen. Dann ist sein Spiel auch einzig: soviel Ruhe, Sicherheit, so wenig eigentliches Komödien spielen, sondern soviel Natur habe ich nie gesehen. Dabei ist sein Organ so trefflich gebildet, dass er gleich ungezwungen weich oder kräftig, leise oder stark sprechen kann, wobei nie ein Wort verloren geht.

Nachdem das Schauspiel zu Ende war, wurde getanzt, da ging das Treiben erst los. Doch brachten wir es nicht dazu, tätig Anteil zu nehmen, wir fürchteten, den guten Eindruck, den wir auf die Mädchen gemacht, durch unser Tanzen wieder auszulöschen. Den folgenden Tag, nachdem wir noch den Morgen in der Allee gewesen, machten wir uns wieder auf die Rückreise, wären aber auf dem Wege noch leichtsinnig genug gewesen, zurückzukehren, wenn wir Geld genug gehabt.“ Später schrieb Gotthelf in Erinnerung an jene Zeit: „Die Gesellschaft und namentlich die weibliche nahm mich mehr in Anspruch als die Wissenschaft. Es war die Rosenzeit meines Lebens.“

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