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Die Probe aufs Exempel

Ein Projekttext für die Zeitung – und was 13 Schüler daraus gemacht haben

Was ist Wahrheit, was ist Interpretation, was ist die ganz eigene Sichtweise? In einem Experiment haben wir einen Zeitungsartikel aus der SZLZ 13 Schülern vorgelegt. Die Aufgabe: Einen Text über diesen Artikel schreiben, weitere Vorgaben zu Inhalt oder Form wurden nicht gemacht. Heraus kamen 13 Texte über den Artikel, die sich zum Teil erheblich unterschieden. Die prägnantesten Artikel geben wir hier wieder.

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Autor

Raimund Cremers Redakteur zur Autorenseite

Die Presse, der Journalismus, die Medienwelt – was darf man darunter verstehen? Pressefreiheit, Recherche, Nachrichten, Information und Wahrheit scheinen durch Schlagworte wie Lügenpresse, Fake News und alternative Fakten in Gefahr zu geraten. Unsere Zeitung macht ihr tägliches Tun für einen Monat zum öffentlichen Serienthema: den Journalismus. Heute: „Wir machen die Probe aufs Exempel.“

13 Schülerinnen und Schülern eines der beiden Politik-Leistungskurse des 11. Jahrgangs des Gymnasium Adolfinums in Bückeburg mit ihrem Lehrer, Oberstudienrat Volkmar Heuer-Strathmann, wurden die wichtigsten Infos eines Artikels der dortigen Lokalzeitung vorgelegt, der Anfang Mai für erheblichen Wirbel in Bückeburg gesorgt hat: die offensichtlich grundlose Attacke eines Pärchens auf eine Heeßerin und ihren beiden kleinen Enkel am helllichten Tag in der Fußgängerzone. Auf der Zeitungs-Homepage und bei Facebook erreichte dieser Artikel eine der höchsten Klickraten der vergangenen Monate. Vielfach äußerten die Leser in Kommentaren ihr Unverständnis.

Das ist der Text, der den Schülern vorgelegt wurde.

Information

Das wurde den Schülern vorgelegt, damit sie ihre eigenen Artikel verfassen können:
In Bückeburg, Mittwoch, 3. Mai, gegen 17 Uhr in der Fußgängerzone Lange Straße. Heeßerin geht mit ihren beiden Enkeln, drei Monate und eineinhalb Jahre, beide sitzen im Kinderwagen, die Fußgängerzone hinunter. In Höhe der Eisdiele wird sie unvermittelt von einer Frau von links angeblafft: „Du Schlampe, Du wartest!“ Frau geht die Straße querend weiter und stürzt dabei über den Kinderwagen. Sie rappelt sich auf, geht auf die Oma mit ihren Enkeln los und versucht, die Frau zu schlagen, die die Schläge abwehrt. Dann entfernt sich die Frau mit ihrem Begleiter in Richtung Braustraße.

Von dort hört Heeßerin die Aussage: „Stech sie ab!“ Das Pärchen kommt auf die Frau zu, die in Richtung des Blumengeschäfts in der unteren Langen Straße flüchtet. Der Mann hat die Hand so in der Hosentasche, dass er dort tatsächlich ein Messer verborgen haben könnte. Frau schlägt und tritt erneut auf die Frau ein. Die Heeßerin: „Ich habe mich richtig bedroht gefühlt. Mein Herz raste.“

Drei Passanten eilen zu Hilfe, verständigen die Polizei, das Pärchen flüchtet unerkannt, Polizei findet bei Nachsuche das Pärchen nicht mehr. Die Oma und ihre beiden Enkel bleiben unverletzt.

Polizei ermittelt wegen der Straftatbestände „Bedrohung“ und „Beleidigung“.

Beschreibung Frau: südländischer Typ, stark geschminkt und deutlich jünger als der Mann, der auf 60-70 Jahre geschätzt wird, 160 Zentimeter groß, schwarze Jeans, blaue Jacke, Turnschuhe, auffällig bunte Mütze. Beschreibung Mann: 60 bis 70 Jahre, Brillenträger, dunkle Jacke, blaue Jeans Baseball-Cap.

Nach der Veröffentlichung gab es folgende Kommentare auf Facebook:

„Wie kann man nur so krank sein.“

„Wie unentdeckt davongeschlichen? Zu Boden schlagen und draufsetzen, bis die Polizei kommt... so ein Dreckspack gehört festgenommen...“

„Das Problem ist.... wehrt man sich, wird man zum
Täter …“

„Notwehr... Außerdem trägt man zur Fassung der Täter bei… denke, da gibt es mildernde Umstände...“

„Der Oberhammer, an einem Mittwoch um 1700loc in unserer Fußgängerzone!“

Nachmeldung am Samstag, 12. Mai: Aufgrund mehrerer übereinstimmender Zeugenaussagen ist eine mutmaßliche Tatverdächtige ermittelt worden. Sie ist zu dem Vorfall noch nicht gehört worden. Die Identität des Begleiters ist noch unbekannt. Die Polizei erwartet von der Anhörung der Frau entsprechende Hinweise.

Vorgaben wurden den Schülern keine gemacht: Jeder konnte so schreiben, wie es ihm in den Sinn kam. Journalistische Stilformen wie Meldung, Bericht, Feature oder Kommentar wurden gemischt, oft kam die eigene Meinung mehr als deutlich zutage. Deutlich wurde aber auch, dass die Fakten nicht immer korrekt wiedergegeben wurden. Die Artikel wurden mit „Mordversuch“, „Fast abgestochen“, „Knapp überlebt“ oder aber „Überfall – was steckt dahinter?“ betitelt. Im Nachfolgenden ein Ausschnitt der prägnantesten Artikel – ungekürzt:

Angriff auf Passantin in der Fußgängerzone Bückeburg:
Am Mittwoch, 3. Mai, gegen 17 Uhr, ereignete sich innerhalb der Fußgängerzone Bückeburg ein unüblicher Vorfall. Eine Heeßerin ging mit ihren beiden Enkeln, welche im Kinderwagen saßen, die Fußgängerzone hinunter. Auf Höhe der Eisdiele wurde die Großmutter von einer jüngeren Frau zuerst verbal angegangen aber nach einem Wortwechsel schließlich attackiert. Anschließend verließ die Frau den Tatort mit ihrem Begleiter. Laut der Aussage des Opfers sollte dann die Frau zu ihrem Begleiter gesagt haben, dass er sie abstechen solle. Danach näherten sich die Beiden wieder dem Opfer, und die Frau attackierte die Großmutter erneut. Aufgrund dreier Passanten, welche zu Hilfe kamen, wurde der Vorfall beendet, da die Frau mit ihrem Begleiter den Tatort verlassen hatte. Die Enkel und die Großmutter blieben unverletzt. Nach einer Beschreibung der Tatverdächtigen konnte am Samstag, 12 Mai, die mutmaßliche Täterin aufgefasst werden. In den folgenden Tagen soll die Frau bezüglich des Vorfalls befragt werden. Ihr Begleiter konnte noch nicht gefasst werden.“

Angriff auf Passantin
In der Bückeburger Innenstadt ereignete sich am 3. Mai ein Angriff auf eine Passantin. Dieses sorgte für helle Aufregung in den Sozialen Netzwerken. Doch man sollte nie vorschnell urteilen man weiß nie, was dieser Tat vorausgegangen ist. Diese Tat ist nicht erklärbar, doch man kann nicht ohne gesicherte Erkenntnisse urteilen, weshalb man sich jetzt noch mit Kommentaren zurückhalten sollte.“

Mord in der Bückeburger Fußgängerzone durch Zivilcourage verhindert:
Mit den Worten „Du Schlampe, Du wartest“ wurde am 3. Mai, gegen 17 Uhr in der Fußgängerzone Lange Straße in Bückeburg eine ältere Dame, die mit ihren Enkeln unterwegs war, aufgehalten. Ohne jeglichen Grund beleidigte eine junge südländlich aussehende, stark geschminkte Frau die Frau und versuchte diese, mit Schlägen auf den Boden zu zwingen. Nachdem die ältere Dame jedoch die Schläge abwehrte, entfernte sich die junge Frau mit einem Begleiter in Richtung Braustraße. Unruhig und vermutlich sehr schockiert, ging die ältere Dame mit ihren Enkeln weiter, bis sie die Aussage „Stech sie ab!“ vernahm. Unter Todesangst versuchte die ältere Dame, in Richtung des Blumengeschäftes zu flüchten. Die Frau holte sie jedoch ein und schlug und trat mehrmals schonungslos auf die hilflose ältere Dame ein. Der Begleiter der Angreiferin hielt seine Hände in der Hosentasche verborgen, sodass die Frau annahm, dass dieser dort ein Messer aufbewahrte.

Zu Hilfe kamen der von Panik ergriffenen, alten Frau drei Passanten, die das aggressive Paar von der Frau trennen und einen Mord verhindern konnten. Das kampfbereite Paar flüchtete, bevor die Polizei sie festnehmen konnte. „Ich habe mich richtig bedroht gefühlt. Mein Herz raste.“, gab die Frau nach dem Angriff an. Am 12. Mai nahm die Polizei die mutmaßliche Täterin fest. Die Identität des Begleiters ist noch unbekannt.

Der Angriff stellt die Sicherheit der Bückeburger Fußgängerzone infrage. Ist die Polizeiarbeit gescheitert und nichts ahnende Fußgänger bekommen nur noch schnellen Schutz durch Zivilcourage?

Immer mehr Gewalt auch gegen unschuldige Bürger?
Auch in der Kleinstadt Bückeburg ereignete sich am Mittwoch, 3. Mai, gegen circa 17 Uhr ein beängstigender „Angriff“ auf eine ältere Dame mit ihren beiden kleinen Enkeln und einer Karre und das mitten in der Fußgängerzone. Eine Frau, südländischen Typs, relativ stark geschminkt, ca 1,60 groß und einer auffällig bunten Mütze, kam mit ihrem begleitenden Mann der deutlich älter, um die 60 bis 70 geschätzt wurde, von der Seite auf die unschuldige und nichts ahnende alte Dame zu und blaffte sie an: „Du Schlampe, du wartest“. Woraufhin diese weiterging und über den Kinderwagen fiel, sich wieder aufrappelte und weiter ging. Da dies ihr aber wohl noch nicht reichte, schlug sie auf die Dame ein, die aber abwehrte. Schon erleichtert hörte die ältere Dame von weiter weg doch wieder die Aussage: „Stech sie ab“. Erschreckend überzeugend kam das Pärchen zurück auf die Dame zu, welche sich in Richtung eines Geschäfts in Sicherheit bringen wollte. Während also wieder auf die wehrlose Dame eingeschlagen wurde, kamen ihr endlich welche zu Hilfe, und das Pärchen flüchtet. Aufgrund dieses erschreckende Ereignis stellen sich den Bürgern viele Fragen. Denn wie kann es sein, dass man so unbeteiligt so angegriffen wird? Und vor allem kann man sich alleine noch sicher fühlen? Es gibt ja schließlich gerade auch in Bückeburg statistisch gesehen immer mehr ältere Leute, also was kann getan werden, damit sich auch diese in ihrer gewohnten Umgebung wohlfühlen können und unbeschwert leben können? Jedoch sind auch viele unterstützende, hoffnungsvolle und entsetzte Kommentare auf Facebook zu diesem Vorfall gepostet worden. Aussagen wie: „Wie kann man nur so krank sein.“ Oder „Wie unentdeckt davongeschlichen? Zu Boden schlagen und draufsetzen, bis die Polizei kommt… so ein Dreckspack gehört festgenommen…“ lässt auf die Unterstützung und Hilfsbereitschaft der Bürger untereinander hoffen. Jedoch stellt sich dadurch einmal mehr die Frage, inwiefern man sich noch alleine aus dem Haus trauen kann.“




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