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Ein Ort der Emanzipation

BAD MÜNDER. „In 30 Jahren Arbeit mit Migranten erlebe ich das hier zum ersten Mal, dass die Frauen immer mehr werden.“, sagt Anja Zebahl von Competenzwerkstatt Beruf. Die Rede ist von einem Vor-Integrationskurs, der inzwischen 27 Flüchtlingsfrauen zählt. Hinzu kommen zahlreiche Kinder, die mitkommen dürfen.

Nafasgal Akrami (r.) aus Afghanistan lernt im Kurs in Bad Münder Deutsch – aber auch das, was in Deutschland wichtig ist. Fotos: Weißling
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Katharina Weißling Redakteurin zur Autorenseite

Und so wird in dem Kurs nicht nur hochmotiviert gelernt, sondern zwischendurch auch gestillt oder etwas gespielt. Ein kluger Gedanke bei der Konzeption, denn: Unter diesen Bedingungen tun die Frauen mitunter viel dafür, ihn wahrnehmen zu können.

„Wir haben es schon erlebt, dass eine Frau aus Flegessen durch Eis und Schnee mit dem Fahrrad gefahren ist, um hier zu sein“, erzählt Ursula Behrens, die ehemalige Gleichstellungsbeauftragte der Stadt. Eine andere musste zwischendurch abbrechen, weil sie ein Baby bekam. Als das kleine Mädchen sich als zufriedener Vielschläfer entpuppte, bat sie darum, wieder kommen zu dürfen. Sie durfte. „Wenn wir diese Motivation nicht mitnehmen, ist sie irgendwann fort“, sagt Zebahl.

Und so schuf sie zusammen mit der neuen und der alten Gleichstellungsbeauftragen und der Integrationslotsin und Lehrerin Anja Lummer einen Kurs, der offenbar gut zugeschnitten ist auf die Bedürfnisse der Frauen in Bad Münder. Alle Informationen zur Zielgruppe trugen die Gleichstellungsbeauftragten zusammen, Lehrerin Anja Lummer entwickelte einen Lehrplan, der es den Frauen ermöglicht, auf die Bedürfnisse der Frauen einzugehen. Manchmal trugen Integrationslotsen und Nachbarn dazu bei, dass die Hin- und Rückfahrt klappt. Denn in Bad Münder sind die Flüchtlinge bewusst dezentral verteilt.

Eine der Kursteilnehmerinnen ist die Irakerin Amena Aomar, die sich so vorstellt: „Ich habe neun Kinder, die sind jetzt in die Schule gegangen und meine Tochter ist vier Jahre alt und geht in den Kindergarten.“ Sie liest gerne. Gerade ein deutsches Buch und ein Übersetzungsbuch. Viele ihrer Mitstreiterinnen nennen als Hobbies Fahrrad fahren, mit den Kindern spielen, manche auch Schwimmen oder Stricken. Nicht nur Zebahl geht das Herz auf, wenn sie den Kurs besucht, in dem viel gelacht wird und der eine gewisse Leichtigkeit ausstrahlt – trotz allem, was die Frauen vor ihrer Ankunft in Deutschland erlebt haben.

Lehrerin Kummer bewundert den Humor der Frauen und zugleich ihren Ehrgeiz. Denn so sehr in dem Kurs auch Freundschaften entstehen, so wenig lassen sich die Teilnehmerinnen während der Stunden vom Lernen abhalten. „Sie sind sehr neugierig auf deutsche Gewohnheiten und unsere Kultur“, beobachtet sie an den vier Vormittagen pro Woche.

Einige Frauen lernen hier erst richtig lesen und schreiben
In ihren Unterrichtseinheiten, die übrigens wenig reglementiert sind, weil es sich um einen sogenannten Vorintegrationskurs handelt, vermittelt Lummer manche Wörter noch mit Bildern. Einige der Frauen lernen hier erst so richtig lesen und schreiben. Mit den Fortgeschrittenen dekliniert sie alle möglichen Krankheiten durch. Immerhin finden die sich mit ihren Kindern auch immer mal wieder beim Kinderarzt ein. Andere Themen sind Behördengänge oder das, was Bad Münders Integrationslotsen aus ihrer Arbeit berichten. Zebahl lobt die besondere Empathie von Lummer. Im Kurs habe sie mit ihrer Freundlichkeit und der Fähigkeit, gerade das notwendige Alltagswissen zu vermitteln, überzeugt und Sympathien gewonnen. „Wir lieben Anja“, sagen die Flüchtlingsfrauen unisono und freuen sich dabei auch, mit diesen Worten verstanden zu werden.

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