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Ein neuer Kessel für 140 000 Tonnen Müll

Wir machen bei der Filtertechnik für die Müllverbrennungsanlage schon immer mehr, als gesetzlich vorgeschrieben ist. Das gilt auch für die neue Anlage.“ Rainer Müller, kaufmännischer Geschäftsführer der Enertec Hameln GmbH, verweist voller Stolz auf die Emissionsdaten für die Hamelner Anlage, in der Restmüll thermisch verarbeitet und als Fernwärme, Prozesswärme für die Industrie oder den Energieversorgern als Strom angeboten wird. „Bei den Stickoxiden stoßen wir weniger als 50 Prozent der erlaubten Menge aus, bei Quecksilber und den hochgiftigen Dioxinen und Furanen liegt der Wert sogar unterhalb von fünf Prozent.“ Das seien Werte, die auch mit der neuen vierten Verbrennungslinie, wie sie von Fachleuten genannt wird, erreicht werden sollen.

Autor:

Wolfhard F. Truchseß

Am morgigen Donnerstag sieht die 80-Millionen-Investition ihrer Einweihung entgegen, an der auch der niedersächsische Wirtschaftsminister Jörg Bode teilnehmen wird. Mehr als ein Drittel der Investitionssumme von 80 Millionen Euro wurde mit 28 Millionen Euro Auftragsleistung in der Region vergeben. Die Bauleistung wurde von einem Unternehmen aus Hannover, die Gebäudetechnik von einer Hamelner Firma erbracht und die Rauchgasreinigungsanlage im Wert von 12 Millionen Euro in Stadthagen hergestellt.

Riesig steht der neu errichtete massige Klotz inzwischen auf dem Gelände der MVA hinter den bisherigen Müllverbrennungskesseln und ist von außen doch kaum zu erkennen. Auch von der Straße nach Hastenbeck aus ist nur wenig zu sehen, denn hochgewachsenes Grün verbirgt die neue Anlage mit Müllbunker, Kessel, Rauchgasreinigung und Turbine vor Blicken von außerhalb. Dabei hat Enertec hier rein gar nichts zu verbergen oder zu verheimlichen. Denn mit der thermischen Verwertung von Restmüll erfüllt die Anlage einen gesetzlichen Auftrag: Die Lagerung derartiger Abfälle auf Deponien ist seit dem Jahr 2005 verboten.

140 000 Tonnen Restabfälle sollen künftig pro Jahr energetisch verwertet und zur Erzeugung von Strom und Wärme eingesetzt werden, wobei der Energiegehalt des zu verbrennenden Mülls etwa dem von Braunkohle entspricht. Da nach erfolgreicher Inbetriebnahme der neuen Anlagenkomponenten der fast 30 Jahre und damit älteste Kessel der MVA am Standort Afferde stillgelegt wurde, verfügt die Enertec heute über eine Verbrennungsleistung von jährlich 300 000 Tonnen Restmüll, wie Müller und sein Kollege, der technische Geschäftsführer der Enertec, Frank Ehlers, gemeinsam erklären. Die Kapazitätserweiterung sei erforderlich gewesen, „um für die in der Region anfallenden Abfallmengen eine sichere und umweltverträgliche Entsorgung gewährleisten zu können“, erläutert Müller. Darüber hinaus diene das Projekt der langfristigen Sicherung der Fernwärmeerzeugung in Hameln, damit „den Kunden auch zukünftig eine gesicherte Wärmeversorgung zu günstigen Konditionen angeboten werden kann“.

Der Brennstoff für die MVA stammt im Wesentlichen aus einem Umkreis von 100 Kilometern, also auch aus den Landkreisen Schaumburg, Holzminden, Hildesheim und der Region Hannover. Grafik: wal

Dass Enertec in Deutschland zu den günstigsten Fernwärmeversorgern gehört, belegt Müller mit einem, wie er sagt, unabhängigen Preisvergleich, der im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Fernwärme erstellt worden sei. „Danach liegt die Enertec auf Platz 17 von insgesamt 166 verglichenen Fernwärmeversorgungsunternehmen.“

Die Geschichte des Standorts reicht zurück bis ins Jahr 1912 und wird deshalb in zwei Jahren sein 100-jähriges Bestehen feiern. Damals wurde begonnen, Kohle zu verstromen. 1952 wurde eine Anlage zur Kraft-Wärme-Kopplung errichtet und das Fernwärmenetz in der Altstadt und Afferde aufgebaut, das einschließlich der Dampfleitungen inzwischen 62 Kilometer umfasst. Erst im Jahr 1977 begann parallel zur Verbrennung von Kohle, sie wurde bis 1983 beibehalten, die thermische Verwertung von Abfällen – gegen den vielfältigen Protest aus der Bevölkerung, die Mülltourismus und eine Belastung für Mensch und Umwelt durch die Abgase der ungeliebten Anlage befürchtete. Noch vor Beginn der Altholzverwertung in einem eigenen Kessel im Jahr 1998 wurde fünf Jahre zuvor die Rauchgasreinigung installiert. Mit ihrer Einrichtung wurden die Filterwerte entscheidend verbessert.

Kostete die Erneuerung des ersten Müllkessels mit der Vergrößerung des Müllbunkers und der Umgestaltung der Müllannahme in der Zeit von Januar 2004 bis August 2006 noch rund 40 Millionen Euro, wurden jetzt für die Neuerrichtung der vierten Verbrennungslinie 80 Millionen Euro investiert und damit der alte Müllkessel 2 überflüssig gemacht. Dabei verfügt die Rauchgasreinigungsanlage nach Angaben von Frank Ehlers über fünf Stufen mit Katalysatoren zur Zerstörung von Stickoxiden, Dioxinen und Furanen sowie zwei Gewebefilter, mit denen der bei der Verbrennung entstehende Staub aufgefangen werden soll. Er macht etwa fünf Prozent des verbrannten Materials aus und wird in Thüringen in 700 bis 800 Meter Tiefe in alten Salzbergwerken gelagert und dient dabei als geologisches Element zur Stabilisierung der stillgelegten Stollen. Der Rest ist Verbrennungsschlacke, die ebenfalls wirtschaftlich verwertet wird – als Material für den Straßenbau.

Ungern erinnert sich Müller an das Jahr 2002, als er die Geschäftsführung bei Enertec übernommen habe. „Der wirtschaftliche Betrieb war in diesem Jahr kaum darstellbar – es wurden rote Zahlen geschrieben, und wir standen vor der Alternative, die MVA zu schließen oder kräftig zu investieren.“ Zum Glück hätten sich die Gesellschafter der Enertec, eine e.on-Tochter, für den zweiten Weg entschieden. „Sonst hätten innerhalb weniger Jahre die damals 74 Beschäftigten ihren Job verloren. Inzwischen haben wir 101 Mitarbeiter einschließlich sechs Auszubildender“, zieht Müller Bilanz. Und zeigt sich besonders stolz darauf, dass bei Enertec seit kurzer Zeit wieder junge Leute eine Berufsausbildung erhalten.

Die neue Verbrennungslinie, die pro Jahr 60 Megawatt Energie erzeugen soll, hat eine Höhe von 48 Metern, ist sieben Meter breit und 16 Meter tief. Dazu kommt ein am Oberteil des Kessels anschließender querliegender Bau von 31 Meter Länge und einem Volumen von 1085 Kubikmetern – alles gefüllt mit hochkomplexer Technik, um keine Energie verloren gehen zu lassen. Den Wirkungsgrad der Anlage gibt Ehlers im Winter, wenn besonders viel Wärme „verkauft“ wird, mit 80 bis 90 Prozent an. Im Durchschnitt des Jahres rechnet der Techniker mit gut 60 Prozent, was deutlich mehr ist als der höchste Wirkungsgrad von hochmodernen Kohlekraftwerken, die allenfalls knapp 50 Prozent erreichen. Zum Vergleich: Die Müllkessel 1 und 2 haben lediglich eine Wärmeleistung von 30 Megawatt.

Der Brennstoff für die MVA stammt nach Aussage von Müller im Wesentlichen aus einem Umkreis von 100 Kilometern, also auch aus den Landkreisen Schaumburg, Holzminden, Hildesheim und der Region Hannover, die allein mit 40 000 Tonnen Restmüll an der Befeuerung der Anlagen beteiligt ist. Deutschlandweit werden mittlerweile rund 24 Millionen Tonnen Restmüll thermisch verwertet – Hameln hat daran nur einen Anteil von 1,2 Prozent. „Und Müll aus internationalen Quellen verbrennen wir überhaupt nicht“, betont Müller, „auch keinen aus Italien!“ Lediglich der Altholzkessel erhalte etwa 20 Prozent des Nachschubs aus den Niederlanden. „Die sind wesentlich weiter mit der Aufbereitung und Aussortierung.“ Es gebe inzwischen aber einen deutlichen Anstieg der Altholzbelieferung aus der Region.




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