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Ulrike Enders’ Figur am Wilhelmsplatz

Ein Mahnmal mit Fußpilz-Risiko: der „Balkenmann“

Hameln. Sie stehen im Bürgergarten, an der Weser, in der Fußgängerzone: Skulpturen gibt es in Hameln nahezu überall. Woher kommen sie? Weshalb zieren sie den jeweiligen Standort? Und wie lange schon? Julia Marre hat sich umgesehen. Die Ergebnisse dieser Spurensuche stellen wir in loser Folge vor. Heute: Ulrike Enders’ „Balkenmann“.

Lange hat Ulrike Enders einen Wunsch gehegt. „Einmal in meinem Leben wollte ich eine Skulptur auf die Straße stellen dürfen“, sagt die Künstlerin. Erfüllt hat sich das längst. Sogar 25 Mal. Und mit dem „Balkenmann“ steht eines ihrer Werke im öffentlichen Raum mitten auf dem Hamelner Wilhelmsplatz. Dabei war ursprünglich der St.-Maur-Platz als Standort im Gespräch, wie die Dewezet am 24. September 1986 berichtete.

Fast ebenso lange befindet sich der „Balkenmann“ im städtischen Besitz: Am 6. November 1986 hat die Künstlerin ihre Holzskulptur an die Stadt übergeben. Gemeinsam mit Friedrich Heißmeyer, Moritz Bormann und Cornelia Lengfeld hatte sie am Bildhauer-Symposium der Stadt teilgenommen. Es war 1986 zum Tag der Niedersachsen initiiert worden. Seither hat sich einiges ereignet. Der „Balkenmann“ steht nicht nur vor seinem 25. Geburtstag, sondern auch an Krücken. Er wird doch wohl nicht etwa altersschwach sein?

„Er war umgefallen, weil das Holz unten faul war“, erklärt die Künstlerin. Durch wuchernde Pflanzen hätte sich Feuchtigkeit im Holz gesammelt. Der „Balkenmann“ bekam nasse Füße. Seit einem Jahr steht er wieder auf festen Beinen. „Warum wird Geld für Kunst ausgegeben, wenn man sie dann verfallen lässt?“, fragt die Künstlerin. Eine Skulpturpatenschaft, durch die die Verwaltung wenigstens informiert wird, wenn etwas am Kunstwerk nicht intakt ist, würde sie sich wünschen. „In Hannover passe ich auf mein Zeug auf“, sagt sie. So steht ihre Figur mit Regenschirm direkt am Kröpcke. „Die wird schon mal mit Filmstift beschmiert und mit Reklame beklebt. Aber seit ich im Kulturamt Bescheid gesagt habe, ist sie sauber“, so Ulrike Enders.

2 Bilder

Doch nicht der Wildwuchs an seinen Holzfüßen ist der Grund, weshalb der „Balkenmann“ so einen ernsten Gesichtsausdruck hat. „Er ist ein Mahnmal“, erklärt die Künstlerin. Anfang der 70er Jahre wohnte sie in Hameln. „Damals wurde für einen Kaufhausbau in der Innenstadt viel alte Bausubstanz abgerissen“, erinnert sie sich. An deren Stelle wurde ein Neubau aus Beton errichtet. „Ich fand das ziemlich grausig und war wütend, denn Hamelns historische Innenstadt ist so gut erhalten gewesen!“ In ihrem rund drei Meter hohen Kunstwerk wollte Ulrike Enders diesen Ärger zum Ausdruck bringen. Aufgrund der Aussage kam natürlich nur Holz als Material infrage – auch wenn Stein oder Bronze gerade im Außenbereich langlebiger und pflegeleichter sind. Alte Fachwerkbalken aus Eiche hat die Künstlerin mit Ketten- und Kreissäge bearbeitet. „Auf dem Bauhof gab es damals jede Menge davon“, sagt sie.

Einige der Balken, die möglicherweise bis zu 600 Jahre alt sind, bearbeitete Enders im Bürgergarten. Vor den Augen der Passanten. Und mit deren Fragen und Kommentaren im Ohr. „Man kommt sich bei der Arbeit draußen immer ein wenig vor wie ein Streetworker – weil einige Menschen, die sonst niemanden haben, einen Gesprächspartner suchen.“

Bis der Ausdruck im hölzernen Gesicht stimmte, hat Ulrike Enders an ihrem „Balkenmann“ geschnitzt. Dass er nur einen Arm trägt, ist Absicht. „Ich bin nicht verpflichtet, Figuren komplett zu gestalten“, sagt sie.

In vielen deutschen Städten hat Ulrike Enders mit ihren Skulpturen Spuren hinterlassen: Hamburg-Harburg zählt ebenso dazu wie Dorsten, Uslar, Bad Eilsen oder Lingen. In Hannover ist sie „die einzige Künstlerin neben Niki de Saint-Phalle“, von der „ziemlich viele“ Skulpturen das Stadtbild prägen. Die Arbeit an der Kunst, die für den öffentlichen Raum bestimmt ist, bereite ihr immer sehr viel Spaß, sagt Ulrike Enders. Sie hat sich vorgenommen, ihren „Balkenmann“ bald mal wieder zu besuchen.

In Online-Dossier „Der Skulptur auf der Spur“ lesen Sie alle bislang veröffentlichen Texte der Reihe.

Daran, dass in den 70er Jahren historische Gebäude in der Hamelner Innenstadt abgerissen wurden, erinnert der „Balkenmann“. Er ist aus Fachwerkbalken gefertigt. Fotos: Dana/ Wal




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