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Ein kleines Licht für eine Schattenregion

Es ist eine Geschichte, die mit einem Kleidungsstück, einem Gespräch und einem Aufbruch beginnt. 32 Monate später sitzen zwei Braunschweiger Globetrotter des Herzens, die eigentlich nur einen längeren Urlaub in Nordindien und Nepal geplant hatten, da und erzählen, wie es dazu kam, dass sie eine eigene Hilfsorganisation mit Namen „LiScha Himalya“ gegründet haben. Und wie und warum diese erfolgreich arbeitet.

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Autor

Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite

Kennengelernt habe ich sie in Asien. Irgendwo in Indien, 650 Kilometer von Delhi entfernt, in einem kleinen 50-Seelen-Dorf. Wir wollten damals beide das gleiche: Uns anschauen, wo Himmel und Erde sich die Hände reichen, Jungfernkraniche bestaunen, die aus Kirgisien kommen und hier überwintern. 16 000 Tiere waren es damals, sie standen und stehen für ein gedeihliches Miteinander von Menschen und Tier, es ist ein weltweit einmaliges und zu Herzen gehendes Schauspiel. Sie hat mich angesprochen; nicht, weil ich als Weißer sofort in einem indischen Dorf auffalle, sondern weil ich mein Rinteln-T-Shirt trug. Ihre beste Freundin stamme aus Silixen, Rinteln sei ja auch sehr schön, erzählte sie mir. So kamen wir ins Gespräch, so habe ich Daniela Jährig aus Braunschweig kennengelernt.

Damals, im Februar 2009, hatte sie mit ihrem Mann, Steffen Schöley, gerade ihre Zelte im Norden abgebrochen, beide hatten hier alles aufgegeben. Globetrotter vom Herzen her, das seien sie, hatte sie damals erklärt. Ein Jahr lang wollten sie sich die asiatische Welt anschauen, dafür hatte Steffen seinen Job im Klinikum Braunschweig gekündigt, sie selbst ihre Stelle als Physiotherapeutin bei Peine. 2009 setzten sie sich ins Flugzeug Richtung Nordindien und Nepal.

Und heute?

Heute leben Steffen Schöley und Daniela Jährig die meiste Zeit des Jahres in Nepal, sie sind auf ihrer asiatischen Rundreise dort hängen geblieben. Aus gutem Grund: Hier können sie helfen, hier wollen sie den Ärmsten der Armen das Überleben erleichtern. Dafür haben sie jetzt einen eigenen gemeinnützigen Verein gegründet: „LiScha“ Himalaya“. LiScha steht für Licht und Schatten, die beiden Pole im Leben. „Sinnbild für das Leben in Nepals vergessenen Regionen und unsere Hoffnung, ein kleines Licht in eine der Schattenregionen dieser Welt tragen zu können“, erläutern Jährig und Schöley. 17 Mitglieder aus Klötze, Silixen, Peine, Braunschweig, Hannover, Dresden, Berlin und Guben hat der Verein, „das ist die Deutschland-Seite“, sagt Steffen Schöley. Die meisten der Gründungsmitglieder haben die Welt, ihre Unterschiedlichkeit und die oft großen sozialen Missstände auf ihren Reisen mit eigenen Augen gesehen und waren viel in entlegenen Gebieten unterwegs.

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Alltäglich und normal: Kinderarbeit.

Als sie aufgebrochen sind, um sich Nordindien und Nepal anzusehen, abseits der ausgetretenen Touristenpfade, da haben beide nicht geahnt, dass sie zwei Jahre später eine eigene Hilfsorganisation auf die Beine beiden stellen würden, natürlich nicht, „aber uns war schon klar, dass das irgendwo hinführt“, erzählen Daniela Jährig und Steffen Schöley nach ihrer diesjährigen Rückkehr nach Deutschland. Beide haben erst einmal für eine große Organisation gearbeitet, Eine Zeit, in der sie viele – auch negative – Erfahrungen sammeln konnten, sich aber auch ihr eigener Weg und ihre Visionen von humanitärer Hilfe konkretisierten, die sie nun in ihrer Projektregion umsetzen. Durchaus hilfreich war dabei, dass sie bei ihrer Reise durch Nordindien und Nepal immer wieder längere Zeit mit und in Familien gelebt und gearbeitet und so einen tieferen Einblick in das Leben der Menschen in diesen Regionen erhielten.

Es war ein weiter Weg, bis LiScha Himalaya e.V. gegründet werden konnte und jetzt eine kleine Region im Süden von Nepal im Bezirk Makwanpur unterstützt, aber es ging und geht voran. In kleinen Schritten, aber ungemein hilfreich ist die gute Aufteilung: Hier die Mitglieder in Deutschland, die vor allem um Spenden werben, um Mittel, die in der Provinz, in der rund 7000 Menschen leben, eingesetzt werden können, dort die beiden, die vor Ort dafür Sorge tragen, dass das eingesammelte Geld sinnvoll genutzt wird. Und womit andere Organisationen sofort geworben hätten, was ganz klar in den ersten zehn Minuten in einem Pressegespräch thematisiert worden wäre, das erfährt man im Dialog mit Daniela Jährig und Steffen Schöley erst nach 90 Minuten: Fast nebenbei erzählen sie, dass sie selbst aus diesem Spendenpool nicht einen Cent erhalten: Sie arbeiten „nebenbei“ als Touristenführer in Tibet, so verdienen sie ihr Geld.

Vier Projekte haben sie auf die Beine gestellt, und wenn sie vom letzten erzählen, dann ergibt sich unverhofft der Blick auf eine Wirklichkeit, die weit entfernt ist von unserem westlichen Wohlfahrtsstandard. Dann erzählen die beiden von einem kleinen Mädchen, das sich beim Wasserholen schwer an einem Finger verletzt und eigentlich die nächste Krankenstation aufsuchen müsste. Nur: Dafür müsste sie erst einmal vier Stunden gehen, um an die nächste Straße zu kommen, von dort wären es noch 70 Kilometer. Eine Weltreise für Menschen, die oftmals ihr ganzes Leben nicht einmal das Dorf verlassen. Wenn die beiden dem Mädchen die ärztliche Versorgung nicht ermöglicht hätten, führen Verletzungen, wie diese, nicht selten zu Wundbrand, Amputation oder gar Tod. Daher soll ihr viertes Projekt nicht nur eine ärztliche Versorgung vor Ort sichern, sondern auch in die Ausbildung von Krankenschwestern münden. Jüngst haben die beiden an einem Wochenende ein Gesundheits-Camp durchgeführt, vor allem für Frauen und ihre Probleme. Es war ein Erfolg, ein großer sogar: 500 Frauen haben sich auf den zum Teil weiten Weg ins Health Camp gemacht. 90 Prozent wurden medikamentös behandelt und die zehn dringendsten Fälle wurden im Krankenhaus operiert. „Wir haben uns dem allgegenwärtigen und in ländlichen Regionen verschwiegenen Thema ,Gebärmuttervorfall‘ und Zysten gewidmet“, erzählt Daniela Jährig: Gerade der Gebärmuttervorfall sei hier weitverbreitet und habe zum Teil schwere Verlaufsformen. Da die Frauen nie zum Arzt gehen oder gehen konnten, würden viele von ihnen seit Jahren darunter leiden, mit zum Teil heftigsten Schmerzen und Entzündungen. Noch keine der Frauen in der Projektregion war jemals zuvor bei einer Gynäkologin, für viele war es zudem das erste Mal, dass sie überhaupt bei einem Arzt waren.

Aber was wissen wir im Westen schon über Nepal? Es ist ein Land voller Kontraste, voller Vielfalt und Schönheit und mit Menschen, die, eingebettet in ihre uralte Kultur, täglich versuchen, ihrem oft schweren Leben mit einem Lächeln zu begegnen. Trotz der wunderschönen Natur, der Beliebtheit unter den Bergsteigern, Globetrottern und Kulturreisenden, bleibe die traurige Tatsache, dass Nepal zu den ärmsten Ländern der Welt zähle, erzählen die beiden LiScha-Initiatoren bei einem Kaffee in Rinteln.

Besonders die Frauen und Mädchen seien am stärksten den Auswirkungen der Armut und Instabilität des Landes ausgesetzt, sie würden am meisten innerhalb der Gesellschaft diskriminiert. Bildung bleibt ihnen häufig versagt. Für die Mädchen ist der Zugang zu Bildung aber die einzige Chance auf ein hoffnungsvolleres, selbstbestimmteres Leben. Mädchenbildung ist ein wichtiger Schritt zu einer gerechteren und sozialeren Gesellschaft. Hier setzt das erste Projekt an, das die beiden Braunschweiger ins Leben riefen: Direktpatenschaften für Mädchen, mit 20 Euro im Monat werden Schulgebühren, Schuluniform und Schulmaterialien bezahlt. Insgesamt 45 Patenschaften haben Daniela Jährig und Steffen Schöley bislang eingesammelt: „Für Mädchen, die jetzt alle zur Schule gehen.“

Aber was heißt schon Schule? Im Dorf Silinge, für das die beiden sich besonders einsetzen, quetschen sich fast 600 Schüler in acht Klassenräumen. Um zu den hinteren Plätzen zu gelangen, müssen die Schüler über die Bänke steigen. Eine Tafel haben nur wenige Räume. Das gesamte Gebäude ist baufällig und die Sorge vor dem nächsten Monsun, vor der nächsten Regenzeit, steht dem Direktor der Schule ins Gesicht geschrieben. Das Dach ist alt und undicht, überall regnet es herein. Nur drei Toiletten gibt es für all die Schüler, viel zu wenig und in katastrophalem Zustand. „Nach einigen Gesprächen und Besuchen und der ernüchternden Tatsache, dass sich ohne Hilfe an dieser Situation nichts ändern wird, haben wir beschlossen, den Kindern von Silinge eine neue Schule zu bauen“, erzählen die beiden.

Dafür gibt es Projekt Nummer zwei, dafür gibt es die Steinpatenschaft: Jede Steinpatenschaft entspricht einer Spende von zwei Euro und je mehr Steinpaten sie finden, desto schneller können sie gemeinsam mit den Dorfbewohnern den Kindern eine neue Schule bauen.

Ehrgeizig ist das dritte Projekt: Es soll nicht weniger als die Chance auf ein regelmäßiges Einkommen bedeuten. Denn Nepals Bevölkerung besteht zu über 80 Prozent aus Bauern und Tagelöhnern. Der Alltag dieser Menschen sieht oft traurig aus, zumeist sind sie gezwungen, niederste Arbeiten unter schlechtesten Bedingungen zu verrichten, die Unfall- Krankheits- und auch Selbstmordzahlen sind hoch. In der Projektregion stellt Bienenzucht neben der Landwirtschaft eine gute Möglichkeit dar, den Lebensunterhalt einer Familie nachhaltig zu sichern. Eine gute Infrastruktur zum Absatz des Honigs ist bereits vorhanden, unter anderem durch ein existierendes Netz von Kooperativen. Für die Familie mangelt es jedoch meist schon an den finanziellen Mitteln für die Anschaffung eines Bienenkorbs. Hier greift das Projekt: Mit einer Spende von 75 Euro kann einer Familie ein Bienenkorb und damit Zukunft geschenkt werden, bislang haben sich 31 Spender dafür gefunden. „Und die Schule wird auch gebaut“, sagen Daniela Jährig und Steffen Schöley beim Besuch in Rinteln und erzählen noch kurz von der medialen Aufmerksamkeit, die ihr Gesundheitscamp nach sich gezogen hat: Das ist wichtig, denn damit werde es auch für den Staat ein bisschen schwerer, wegzuschauen und das Thema auszublenden und sich selbst aus der Verantwortung zu entlassen.

Ein Ziel haben die beiden auch für ihre Region: Sich selbst überflüssig zu machen; dafür zu sorgen, dass ihre Hilfe nicht mehr benötigt wird. Das wäre der schönste Moment, wenn sie merken würden, wir werden nicht mehr gebraucht.

Bis dahin sind sie auch nicht ausgewandert, sie haben nur in Nepal noch was zu tun.

Kontakt: Das Spendenkonto für „LiScha Himalaya e.V.“ hat die Nummer 190 00 90 71, die BLZ ist 180 500 00 bei der Sparkasse Spree-Neiße. Weitere Infos gibt es im Internet unter www.lischa-himalaya.org.




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