weather-image
Juristentag berät über Reform für Familien – es muss nicht alles so bleiben, wie es ist

Ein Kind, drei Eltern

Autor:

Helge Toben

Patchwork-, Regenbogen- oder Pflege-Familien: Immer mehr Kinder wachsen unkonventionell auf. Die Rechtsordnung ist in den vergangenen Jahren nicht immer hinterhergekommen. Der Juristentag fordert eine Reform des Kindschaftsrechts. Familie im dritten Jahrtausend: Paare mit Kindern sind verheiratet oder verpartnert oder keins von beiden. Die Eltern sind hetero, schwul oder lesbisch, sie haben die Kinder in Pflege, adoptiert oder waren selbst beteiligt: als Mutter oder Samenspender. Manchmal bekommen auch Leihmütter die Kinder – im Ausland, denn in Deutschland ist Leihmutterschaft verboten. „Nichtkonventionelle Familienmodelle“ nennen die Fachleute die neuen Familienformen. Sie haben an Bedeutung gewonnen.

Nicht immer hinterhergekommen ist die Rechtsordnung, meinen Experten. Die Zeit ist reif für eine Reform des Kindschaftsrechts, sagt etwa der Marburger Rechtsprofessor Tobias Helms. Die „Herausforderungen durch neue Familienformen“ sind eines der Hauptthemen beim Juristentag in Essen. Helms‘ Vorschläge bilden dabei die Diskussionsgrundlage in der Abteilung „Familienrecht“. Sein Votum ist nicht zu unterschätzen: Schon häufig haben die Juristentage inhaltlich die Weichen gestellt für spätere Gesetzgebungsverfahren.

Was ist etwa, wenn die Eltern das gleiche Geschlecht haben? 2014 lebten laut Statistischem Bundesamt etwa 11 000 minderjährige Kinder bei gleichgeschlechtlichen Paaren. Hat nun ein lesbisches Paar bei eingetragener Lebenspartnerschaft mit Hilfe einer Samenbank ein Kind bekommen, ist derzeit die Stiefkindadoption die einzige Möglichkeit für die Partnerin, rechtlich der andere Elternteil zu werden. „Es besteht die Gefahr, dass das Kind dauerhaft nur einen Elternteil erhält, obwohl es seine Existenz dem gemeinsamen Kinderwunsch beider Frauen zu verdanken hat“, sagt Helms. Er schlägt daher eine Vereinfachung vor. Bei eingetragenen Lebenspartnerschaften soll die Anerkennung der Elternschaft durch die Partnerin ausreichen.

Auch für Stieffamilien schlägt Helms rechtliche Änderungen vor. So sollen Stiefeltern unter bestimmten Voraussetzungen die gleichen Rechte wie die beiden sogenannten rechtlichen Eltern erhalten. Drei Elternteile hätten dann die volle elterliche Sorge. „Alle wären gleichberechtigt“, sagt Helms. „Alle wesentlichen Fragen müssten die drei dann gemeinsam entscheiden.“ Dazu gehörten etwa die Fragen, wo das Kind leben soll, ob es in ein Krisengebiet zu seinen Großeltern reisen darf oder welche Religion es annehmen soll. Für die Entscheidungen des täglichen Lebens solle aber immer der Elternteil zuständig sein, bei dem sich das Kind gerade aufhalte. Voraussetzung für die gemeinsame dreigeteilte Sorge soll nach den Vorstellungen von Helms in der Regel das Einverständnis der beiden rechtlichen Eltern sein.



Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt