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Ein Hund im Klassenraum? Völlig normal!

Konzentriert sitzen die Schüler der Klasse 6A der Stadtschule Rodenberg über den Mathe-Arbeitsblättern, die ihre Klassenlehrerin Petra Frief gerade ausgeteilt hat. Es herrscht Ruhe im Klassenraum. Wenn gesprochen wird, dann mit der Flüsterstimme. Nur eine läuft völlig entspannt zwischen den Stuhlreihen hindurch: Loba, die dreijährige Mischlingshündin der Lehrerin. Für die Schüler und Schülerinnen ist das nichts Außergewöhnliches, sie sind die Anwesenheit des Tieres gewohnt. Denn Loba ist der offizielle Schulhund der Stadtschule und nimmt regelmäßig am Unterricht der Klasse teil.

Autor:

Jessica Rodenbeck

„Von dem Konzept eines Schulhundes hörte ich zum ersten Mal während meines Studiums“, erzählt Petra Frief. „Schon damals war ich von der Idee begeistert. Ich hätte es selbst super gefunden, wenn mich in meiner Schulzeit ein Hund begleitet hätte.“ Vor drei Jahren entschloss sie sich schließlich dazu, ihren Plan in die Tat umzusetzen. „Natürlich muss man sich schon im Vorfeld Gedanken machen, welcher Hund für diese Aufgabe geeignet sein könnte“, sagt sie. Ihre Wahl fiel auf eine Sibirian-Husky-Mischlingshündin. Loba war die kleinste und ruhigste Hündin des Wurfes und entwickelte sich in den nächsten Jahren genau so, wie ihre Besitzerin es sich immer gewünscht hatte. „Von Anfang an hatte sie ein sehr gutes Verhältnis zu Kindern und ging sehr zurückhaltend und vorsichtig mit ihnen um“, sagt sie. Nach und nach nahm sie Loba auch mal als Besuchshund mit in ihre Klassen, um den Hund an die Situation zu gewöhnen.

Die jetzige Klasse von Petra Frief, die 6A der IGS, ist die erste, in die Loba regelmäßig mit in den Unterricht kommt. „Normalerweise nehme ich sie zweimal pro Woche mit“, sagt sie. Für die Schüler sind diese Tage immer etwas ganz Besonderes. „Das Arbeiten fällt mir dann einfach leichter. Der Hund macht mich fröhlich“, beschreibt der elfjährige Kai Pfingsten den Unterschied. Und auch am Lautstärkepegel kann man erkennen, ob Loba da ist oder nicht, versichert die gleichalte Katharina Martin. „Wenn es in der Klasse laut ist und ich selbst auch Krach mache, werde ich ganz schnell wieder leise, weil mir Loba leidtut“, erklärt sie.

Ein Schulhund hat aber noch weitere positive Effekte. „Loba fördert das Selbstwertgefühl der Schüler“, erklärt Frief. „Hunde behandeln alle Kinder vorbehaltlos und richten sich nicht nach menschlichen Bewertungen“, verdeutlicht sie. Dadurch vermittele sie den Schülern Zuneigung, Sicherheit, Geborgenheit und Wärme. „Besonders deutlich wird dies, wenn es in einer Klasse einen Außenseiter gibt. Die Kinder erkennen sehr schnell, dass Loba diesen Schüler genauso behandelt, wie alle anderen auch.“

Bevor sie Loba traf, hatte Franziska Haftmann (11, links), Angst vor Hunden. Mittlerweile hat sie den Schulhund genauso ins Herz geschlossen wie ihre Freundin Lenja Hiller (11).

Durch Lobas Anwesenheit ist auch die Stimmung im Klassenzimmer sehr positiv. „Es passieren dann auch mal lustige Sachen, sodass wir alle zusammen lachen müssen“, verrät der zwölfjährige Timon Escher. So machte es sich die Hündin im letzten Winter zur Aufgabe heruntergefallene Handschuhe aufzuheben und zur Lehrerin zu bringen. „Manchmal macht sie das auch mit heruntergefallenem Papier“, fügt er hinzu.

Die positive Wirkung, die ein Hund im Klassenzimmer hat, hat der österreichische Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal sogar wissenschaftlich nachgewiesen. Er filmte eine Wiener Volksschulklasse mit zehn- bis zwölfjährigen Schülern im Unterricht. Vier Wochen lang im Beisein eines Hundes, vier Wochen ohne Hund. Sein Ergebnis: Im Beisein des Hundes gab es deutlich weniger aggressive Auseinandersetzungen zwischen den Schülern und gleichzeitig eine höhere Aufmerksamkeit für die Lehrer.

Den Schülern und Schülerinnen in der Rodenberger Klasse sind solche Untersuchungen jedoch nicht wichtig. Sie spüren ja, dass Loba ihnen gut tut. „Wenn man sich den ganzen Tag konzentrieren muss, ist es schön, sie zwischendurch zu streicheln“, findet die elfjährige Emma Schäffer.

Natürlich konnte Petra Frief ihre Hündin nicht einfach so mit in den Unterricht nehmen. Sie besuchte vorher ein Seminar bei der Landesschulbehörde und bat natürlich auch alle Beteiligten um ihr Einverständnis. Gespräche mit den Eltern der Kinder gehörten genauso dazu wie das Einholen einer Erlaubnis der Gesamtkonferenz. Und natürlich fragte sie auch die betroffenen Schüler nach ihrer Meinung.

Nur eine einzige Schülerin, die elfjährige Franziska Haftmann, war zunächst gegen den Schulhund. „Bevor ich Loba kennengelernt habe, hatte ich Angst vor Hunden, weil ich einmal gebissen wurde“, erzählt sie. Deshalb war sie auch gar nicht begeistert, als ihre Lehrerin einen Schulhund mit in das Klassenzimmer bringen wollte. Doch alle anderen Schüler waren dafür und so stimmte Franziska zu, es zumindest auszuprobieren. „Ich habe ihr versprochen, dass sie nicht mit dem Hund in Kontakt kommt, wenn sie es nicht möchte“, beschreibt Frief ihr Herangehen an das Problem. Doch schon innerhalb weniger Tage gewann die Hündin das Vertrauen der zuvor ängstlichen Schülerin. Heute freut sich Franziska richtig, wenn Loba mit dabei ist, und opfert sogar ihre Pause, um gemeinsam mit der Lehrerin und Loba Gassi zu gehen.

Doch auch der Hund muss sich natürlich mit seiner Rolle wohlfühlen. „Loba hat direkt vor der Tafel ihre Decke liegen und die Schüler wissen genau, dass das ihre Ruhezone ist“, sagt Frief. Wenn die Hündin dort liegt, sollte sie weder angesprochen noch angefasst werden. Das ist eine von zehn Regeln, die die Klasse im Umgang mit Loba aufgestellt hat. „Sollte es Loba dennoch einmal zuviel werden, kann sie sich auch auf den Flur zurückziehen.“ Denn die Tür des Klassenzimmers stehe häufig offen. „Es kommt dann auch vor, dass Loba einfach mal eine andere Klasse besucht“, gibt Frief zu. Doch auch das ist in der Stadtschule Rodenberg kein Problem. „Ich habe Loba allen Kollegen vorgestellt“, sagt Frief. Und da die Hündin auch im Lehrerzimmer ihren festen Platz hat, wissen die meisten eh mit ihr umzugehen.

Trotz aller Rücksichtnahme ist ein Schultag auch für die Hündin anstrengend. „Wenn wir nach Hause kommen, geht sie nur noch ganz kurz auf die Wiese und schläft dann erst einmal.“ Vielleicht kommt das aber auch vom vielen Spielen, denn manchmal dürfen Schüler, die ihre Aufgaben schnell und gut erledigt haben, auf dem Flur mit Loba Ball spielen. „Da macht es gleich viel mehr Spaß aufzupassen“, versichert die elfjährige Johanna Haxhiv.

Petra Frief, die zusätzlich Beratungslehrerin ist, möchte die Anwesenheit ihres Hundes auch bei dieser Tätigkeit nicht mehr missen. „Wenn in solch einem Gespräch eine Schülerin anfängt, zu weinen, geht Loba ganz von alleine hin, und bietet dem Kind an, sie zu streicheln“, sagt sie, selbst beeindruckt. Zudem falle es vielen Kindern leichter, sich zu öffnen, wenn die Hündin im Raum ist. Sie nehme bei den Gesprächen eine Brückenfunktion ein und wirke als Vermittlerin zwischen Kind und Beraterin. „Viele Kinder sagen auch, dass es ihnen einfach nur gut tut, sie zu sehen.“

Natürlich hat es sich an der Rodenberger Schule mittlerweile unter den übrigen Schülern herum gesprochen, wie toll der Unterricht ist, wenn Loba mit im Raum ist. „Wenn ich mal Vertretung habe, werde ich oft schon vorher gefragt, ob ich sie mitbringen kann“, erzählt Frief. Manchmal erfüllt sie den Schülern diesen Wunsch. „Aber nur, wenn es Loba gut geht und ich das Gefühl habe, dass es ihr nicht zuviel wird.“ Denn nur wenn die Hündin zufrieden ist, kann sie das auch an die Kinder in ihrer Umgebung weitergeben.

Hunde werden oft als die besten Freunde des Menschen bezeichnet. Doch können sie auch beim Lernen helfen? Die Stadtschule Rodenberg hat es ausprobiert: Seit etwas mehr als einem Jahr ist Schulhund Loba fester Bestandteil einer Klasse. Und nicht nur die Schülerinnen und Schüler sind sich sicher: Mit Hund ist Schule einfach schöner.




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