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Ein Hafen für Gedankenschiffe

BAD MÜNDER. Dass sie die wohl größte geschäftliche Chance ihres Lebens voll Uneigennützigkeit hat verstreichen lassen, das sieht die Münderanerin Gabrielle Spaeth, die heute ihren 80. Geburtstag feiert, rückblickend mit Gelassenheit.

Einer ihrer liebsten Plätze: Gabrielle Spaeth am Schreibtisch, ein Buch oder ein Manuskript in Griffweite. Foto: Huppert

Autor

Christoph Huppert Reporter

„Als das Manuskript von „Sophies Welt“ von Jostein Gaarder mit der Bitte um Veröffentlichung auf meinem Schreibtisch landete, fand ich es ungeheuer gut, fürchtete aber, in meinem kleinen Verlag ginge es unter und verwies auf den großen Hanser Verlag“. Das Buch wurde bekanntlich ein Welterfolg.

Das große Lebensthema der 1939 in Hannover geborenen Gabrielle Spaeth aber ist das Universalgenie Gottfried Wilhelm Leibniz. Warum? „Ich wohnte 1939 bis 1943 zwischen Opern- und Künstlerhaus in der Landschaftsstraße Nr. 2 in Hannover. Wenn ich aus dem Haus trat, erblickte ich das Leibniz-Relief am Künstlerhaus. Zwar wusste ich damals noch nichts über Leibniz, aber diese merkwürdige Gestalt in Stein machte Eindruck auf mich.“

„Ich bin bekennender Leibniz-Fan“, lacht sie. Nach dem Konkurs ihres Arbeitgebers, des hannoverschen Schroedel Verlages, wagte sie am 22. Februar 1985 den mutigen Schritt in die Selbstständigkeit, gründete in Bad Münder die Leibniz-Bücherwarte.

„Ich wollte Leibniz von einer anderen Seite zugänglich machen“, so die Verlegerin. Ihre Leibniz-Bücherwarte betrachtet Spaeth dabei als „Landeplatz des schönen Buches“, „Hafen für Gedankenschiffe“ und „Buchbahnhof für Lesereisen“.

Immer wieder haben die von ihr herausgegebenen Bücher den Genius Gottfried Wilhelm Leibniz zum Thema. So entdeckte sie etwa mit der Hamburgerin Barbara Brüning eine Autorin, die in etlichen Schulbuch-Publikationen Kindern den Weg zur Philosophie des großen Denkers geebnet hat.

Mit den Erinnerungen der im vergangenen Jahr verstorbenen Altliberalen Marianne Clemens und deren „Unruhige Zeiten in unserem Lande. Erinnerungen 1912-1948“ landete Spaeth einen weiteren Erfolg.

Elmar Schenkel, mit dessen fiktivem Gespräch zwischen Leibniz und dem Erfinder der „Wahrnehmungsfelder“, dem Soester Hugo Kückelhaus, gelang der agilen Münderanerin ein weiteres anspruchsvolles Buch. „Schon Mitte des 20. Jahrhunderts hat Kükelhaus vor einer Verlagerung des sinnlichen Erlebens ins Virtuelle“ gewarnt. Und er hat Recht behalten“, so Spaeth, „denn uns erscheint gerade heute im digitalen Zeitalter der Fahrplan meist wichtiger als der Zug selbst.“ Mit „Leibniz und die Rosenkreuzer“ soll gegen Ende des Jahres die allerletzte Publikation von Spaeths „Leibniz Bücherwarte“ das Licht der Welt erblicken. „Ich freue mich, dass Elmar Schenkel der Autor ist“, freut sich Spaeth, die kurz nach ihrem 80. Geburtstag am 16. Mai aus ihrer Mansardenwohnung in der Kernstadt ins Seniorendomizil Schloss Hasperde umzieht. „Wenn ich das alles unter Dach und Fach habe, dann gebe ich gerne den Verlag und den Löffel ab.“

Mit sehr viel Enthusiasmus, Zähigkeit und auch unter nicht geringen Entbehrungen hat Gabrielle Spaeth, von der lokalen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, Buch um Buch herausgegeben. Ihre Arbeit hat den Namen Bad Münders in die internationale Welt des Buches hinausgetragen. Mit dieser bewundernswerten Lebensleistung ist Gabrielle Spaeth eine der ganz starken Frauen von Bad Münder.



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