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Dr. Karl Oetker – vor 120 Jahren starb einer der bedeutendsten heimischen Politiker

Ein Großer aus dem Auetal

Der Nachruf fiel knapp und spröde aus. Der Leichnam des kürzlich in Berlin verstorbenen, aus dem Dorf Rehren stammenden Politikers Dr. Karl Oetker sei nach Rinteln überführt und in der hiesigen Leichenhalle aufgebahrt worden, war am 29. August 1893 in der Schaumburger Zeitung zu lesen. Am nächsten Morgen habe man den in der Reichshauptstadt mit kostbaren Kränzen geschmückten Sarg ins Auetal gebracht und auf dem Friedhof des Kirchspiels Hattendorf beigesetzt. Neben der Familie hätten vor allem alte Nachbarn und Freunde und zahlreiche Einwohner aus der dortigen Gegend teilgenommen. Aus der Kreisstadt Rinteln sei nur der Gymnasiallehrer und NLP-Ortsvorsitzende Prof. Alfred Berlit anwesend gewesen und habe am Grabe des nationalliberalen Parteifreundes einen Kranz niedergelegt. Von den übrigen heimischen Repräsentanten aus Politik und Verwaltung habe sich, obwohl die Stadtverwaltung Rinteln rechtzeitig Bescheid gesagt habe, keiner sehen lassen. Nach Einschätzung der Zeitung hatte das „mit der nicht sonderlich großen Popularität“ Karl Oetkers zu tun. „In seiner engeren Heimat hat er eine wenig einflussreiche Rolle gespielt“. Der Verstorbene habe „nicht solche Bedeutung wie sein älterer Bruder“ gehabt.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

In der Tat sind Wirken und Karriere Karl Oetkers ohne die Mitarbeit und die Vorleistungen seines älteren, zwölf Jahre vor ihm in Kassel zu Grabe getragenen Bruders Friedrich (1809 bis 1881) nicht vorstellbar. Trotzdem ist die laut Zeitung damals hierzulande vorherrschende Meinung, der Jüngere habe „eine wenig einflussreiche Rolle gespielt“, heutzutage schwer nachvollziehbar. Schließlich war Karl Oetker bis zu seinem Ableben der einflussreichste Politiker der hiesigen Region. Seit 1881 hatte er mehr als zwölf Jahre lang dem preußischen Landtag angehört; und von 1884 bis 1890 war er darüber hinaus Abgeordneter des deutschen Reichstags gewesen.

Dass dieses Engagement von den Zeitgenossen nicht recht wahrgenommen und gewürdigt wurde, hat vermutlich mit dem weniger ausgeprägten Stellenwert von Wahlen und Volksvertretung im kaiserlichen Deutschland zu tun. So war Oetkers Reichstags-Wahlkreis nach der Einverleibung Hessens durch die Preußen im Jahre 1866 aus drei sehr verschiedenen und zudem weit verstreut und entfernt voneinander liegenden Landstrichen zusammengewürfelt worden. Neben seinem Stammland Grafschaft Schaumburg hatte der Mann aus dem Auetal auch die Belange der Kreise Hofgeismar (gut 20 Kilometer nordnordwestlich von Kassel) und Wolfhagen (im äußersten Westen des Naturparks Habichtswald) zu vertreten. Das Einzige, was die drei Gegenden gemein hatten, war ihre verwaltungsmäßige Anbindung an den zur Provinz Hessen-Nassau gehörenden Regierungsbezirk Kassel. Oetker selbst wohnte und lebte seit Langem in Berlin. Kein Wunder, dass er nicht überall in seinem Stimmbezirk als volksnaher und fürsorglicher Interessenvertreter wahrgenommen wurde.

Hinzu kam, dass sein älterer Bruder Friedrich noch in einer anderen, historisch äußerst dramatischen und die Deutschen damals überall heftig bewegenden Situation aktiv geworden war. Sein mutiges Eintreten für ein geeintes Vaterland seit Anfang der 1830er Jahre und sein Kampf gegen die Macht und Selbstherrlichkeit der Fürsten im Vorfeld der 1848er Revolution hatten ihn zu einem populären Volkstribun und Freiheitskämpfer werden lassen. Diese Zeit neigte sich beim Auftauchen des jüngeren Bruders Karl auf der politischen Bühne bereits dem Ende entgegen. Die Verwirklichung des Einheitsstaates war auf dem Weg. Die politischen Auseinandersetzungen wurden, wenn auch nach den Vorgaben und Vorstellungen der wiedererstarkten Fürsten, mehr und mehr in den Parlamenten ausgetragen. Anders gesagt: Karl Oetker fiel die Rolle zu, das liberale Vermächtnis des Bruders – so gut es ging – in die neue Zeit einzubringen.

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  • Karls älterer Bruder und Gesinnungsgefährte Dr. Friedrich Oetker (1809 bis 1881).

Begabung und Gestaltungswille waren den Brüdern sozusagen in die Wiege gelegt. Die Familie stammte ursprünglich aus Wiedensahl. Irgendwann hatte die Not mehrere Söhne und Töchter über die Grenzen ihres damals zum Königreich Hannover gehörenden Heimatdorfs hinaus ins benachbarte Ausland getrieben. Einige landeten in der hessischen Grafschaft Schaumburg. Der berühmteste der Sippe, der Puddingfabrikant August Oetker, kam in Obernkirchen zur Welt. Der Vater von Friedrich und Karl war Bauer und Müller in Rehren im Auetal.

In puncto Beruf und Politik waren die zwei ein Herz und eine Seele. Beide machten in Rinteln Abitur und studierten anschließend Rechtswissenschaften. Als der Jüngere wegen der aufrührerischen Aktivitäten des älteren Bruders nicht in den juristischen Vorbereitungsdienst zugelassen wurde, schlug er die akademische Laufbahn ein und arbeitete anfangs als Privatdozent an der juristischen Fakultät in Göttingen. Mit großer Energie und Beharrlichkeit hielt er dem nach wie vor von der Obrigkeit verfolgten Friedrich den Rücken frei. Er übernahm dessen Verteidigung und sorgte dafür, dass dessen Ausweisung aus dem Kurfürstentum Hessen rückgängig gemacht wurde. Zeitweise betrieben beide in Kassel eine gemeinsame Anwaltskanzlei und setzten sich von dort aus beharrlich und mit Erfolg für den Ausbau des Rechtsstaats und die Festschreibung der freiheitlich-demokratischen Grundrechte.

Der bis dato eingeschränkte Bewegungsspielraum der Brüder lockerte sich ein wenig, als Hessen 1866 von Preußen einverleibt und der bis dato selbstherrlich residierende Landesherr Friedrich Wilhelm I. entmachtet worden war. Bei der Einbindung des Landes im Vorfeld der Reichsgründung soll Friedrich Oetker zu Bismarcks wichtigsten Beratern und Ansprechpartnern gehört haben. Auch Karl galt bis zur Abberufung des Reichskanzlers durch den Kaiser als dessen enger Vertrauter.

„Er gehörte zu denjenigen Mitgliedern der Nationalliberalen Partei, welche mit dem Fürsten Bismarck freundschaftlich verkehrten“, heißt es in dem anfangs erwähnten Nachruf der Schaumburger Zeitung. „Der durch seinen lang wallenden grauen Bart und seine große, auch durch die Jahre nicht gebeugte Gestalt auffallende Vertreter von Rinteln hatte im Abgeordnetenhause seinen Platz in der nächsten Nähe der Ministerbank, und oft konnte man ihn mit dem an der Ecke derselben sitzenden Ministerpräsidenten Fürst Bismarck Bemerkungen austauschen sehen.“

In den letzten Monaten vor seinem Tode wurde es um Karl Oetker immer stiller. Aus gesundheitlichen Gründen konnte er nur noch selten im Plenum auftreten und reden. Heute ist der große, aufrechte Mann aus dem Auetal, der nach dem Tod in seine Heimat zurückkehrte, weitgehend in Vergessenheit geraten.

Der Politiker und Schriftsteller Karl Oetker (1822-1893) starb vor 120 Jahren.gp (4)

Wer mehr über das Leben und Wirken der Oetker-Brüder erfahren möchte, dem sei ein Besuch im Auetaler Heimatmuseum in Hattendorf empfohlen.



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