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Staatsarchiv Bückeburg wird 50: Hort der Kultur, des Geistes und der Wissenschaft

Ein Glücksfall

Nichts ist so gut, als dass es nicht noch verbessert werden könnte“, zieht Stefan Brüdermann, Chef des Bückeburger Staatsarchivs, betont zurückhaltend Bilanz. Dabei kann der promovierte Archivar zum 50. Geburtstag seiner Dienststelle überaus gute und zufriedenstellende Ergebnisse vorweisen.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Während der letzten zwölf Monate wurden 385 Besucher betreut. Darüber hinaus gab es 450 schriftliche Anfragen – Zahlen, die deutlich über den entsprechenden Werten der sechs anderen zum Niedersächsischen Landesarchiv in Hannover gehörenden Staatsarchive liegen. Außer in Bückeburg gibt es derartige Einrichtungen noch in Aurich, Hannover, Oldenburg, Osnabrück, Stade und Wolfenbüttel. In Clausthal ist ein von Hannover aus als Außenstelle verwaltetes „Bergarchiv“ zu Hause.

Die Standorte spiegeln die Vorgeschichte des nach dem Zweiten Weltkrieg auf Weisung der Engländer neu aus der Taufe gehobenen Landes Niedersachsen wider. Die damals aufgelösten, zuvor über Jahrhunderte hinweg eigenständigen Herrschaftsbereiche wollten und sollten ihre Vergangenheit vor Ort bewahren und pflegen können. Für die Unterbringung des auf Papier überlieferten Gedächtnisses der seit alters her „Schaumburg“ genannten Territoriums kam aus damaliger Sicht nur Bückeburg infrage. Die Ex-Residenz gehörte – nicht nur wegen des Verlustes der Funktion als schaumburg-lippische Landeshauptstadt – zu den großen Verlierern der Nachkriegsneuregelungen. Die meisten der von der neuen hannoverschen Landesregierung gemachten Wiedergutmachungszusagen waren nicht oder nur ansatzweise erfüllt worden. Die Versprechungen zwecks Beseitigung des „Mauerblümchendaseins“ müssten endlich eingelöst werden, schallte es noch im Mai 1952 dem mit seinem Kabinett angereisten Ministerpräsidenten Kopf entgegen.

Heute, gut 60 Jahre später, haben sich die Dinge weitgehend eingependelt. Nicht zuletzt die Einrichtung des Staatsarchivs hat sich – auch und vor allem aus Sicht der Ex-Residenzstädter – als Glücksfall erwiesen.

Eine der Kostbarkeiten des Karten- und Urkundenbestands im Staatsarchiv Bückeburg: die Gründungsurkunde des Klosters Möllenbeck.

Erste Überlegungen in diese Richtung hatte es bereits 1947 gegeben. Damals ging es noch vorrangig um den Verbleib des Schriftguts des Landes Schaumburg-Lippe und den Archivalien-Schatz, der bis dato vom und im Fürstenhaus aufbewahrt worden war. Dazu gehörten unter anderem die kostbaren Zeugnisse aus der Ära der alten Grafschaft Schaumburg und die Unterlagen aus der Zeit der schaumburg-lippischen Grafen- und Fürstendynastie.

Als angemessene „Lagerstätte“ dieser Bestände nahm man das so genannte „Kavaliershaus“ an der Ostseite des Schlosshofs ins Visier. Verwirklicht werden konnte der Plan jedoch erst, nachdem das seit 1945 von den Engländern besetzte Gebäude geräumt worden war. Als Letztes zog Anfang der 1960er Jahre der Army-Shop aus. Am 13. Dezember 1963 konnte offiziell Archiv-Eröffnung gefeiert werden. Im Laufe der Zeit trafen auch die lange Zeit in Marburg und später in Hannover aufbewahrten Akten der einst zu Hessen und Preußen gehörenden Teile Schaumburgs ein. Spätestens jetzt war das Haus zum zentralen Erinnerungsort der schaumburgischen Geschichte und zu einem Hort der heimischen Kultur, des Geistes und der Wissenschaft geworden.

Die laut Statistik überdurchschnittlich große Besucherzahl seines Hauses führt Brüdermann auf die hohe Informationsdichte, die schnelle Zugriffsmöglichkeit und – last but not least – auf Wissen und Hilfsbereitschaft des zehnköpfigen Stammmitarbeiter-Teams zurück. Wie nötig die persönliche Beratung – trotz oder gerade wegen der zunehmenden Pixelunterstützung – ist, wird allein schon durch die Größe und Vielfalt des Angebots deutlich. Immerhin stehen 4,2 Kilometer Akten, 4100 Urkunden sowie ca. 35 000 Pläne und Karten zur Auswahl.

Was Laien auf den ersten Blick gewaltig erscheinen mag, nimmt sich im Vergleich zu den anderen niedersächsischen Magazinen nahezu bescheiden aus. Der Gesamtbestand aller sieben Archivstandorte liegt bei 90 Kilometer Länge. Trotz dieser mengenmäßigen Überschaubarkeit ist die Bückeburger Sammlung auch bei Profi-Historikern beliebt. „Unser Archiv spiegelt die Geschichte eines kleinen, aber mit allem drum an dran ausgestatteten und bis in die jüngste Vergangenheit hinein selbstständigen Herrschaftsbereichs wider“, beschreibt Brüdermann die Besonderheit des von ihm gehüteten Schatzes. Aufgrund dieser Konzentration ließen sich nahezu alle Zeitepochen, Staatsformen und Themenbereiche durchgängig und in verdichteter Form nachvollziehen. Die Folge: Jede in Bückeburg lagernde Akte wird doppelt so oft vorgelegt und ausgewertet wie die in den anderen niedersächsischen Dienststellen schlummernden Unterlagen.

Das Gros der gegenwärtigen Nutzer (42 Prozent) kommt zwecks Aufarbeitung der Familiengeschichte ins Haus. 32 Prozent sind Heimatkundler, und nur gut 20 Prozent der Besucher arbeiten an historischen Studien oder bereiten wissenschaftliche Veröffentlichungen vor.

Mehr Interesse als bisher würde sich Brüdermann vonseiten der Schulen wünschen. Initiativen wie die Geschichtswerkstatt der örtlichen Herderschule hätten gezeigt, dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit auch und gerade für junge Leute eine höchst gewinnbringende persönliche Erfahrung sei.

Nicht nur vor diesem Hintergrund genießen die Erweiterung und Verbesserung der EDV-gestützten Nutzer-Angebote höchste Priorität. Schon jetzt steht zur Beschleunigung der Recherchearbeit eine ganze Reihe digitaler Hilfsmittel zur Verfügung. Internet-User können sich bereits von zu Hause aus durch Eingabe von Suchbegriffen einen Überblick über den für sie infrage kommenden Aktenbestand verschaffen. Bis auf Weiteres ist jedoch in den meisten Fällen noch ein Besuch auf der Schlossinsel erforderlich.

Die offiziellen Feiern zum 50. Jahrestag der Eröffnung starten mit der von Workshops und Mitmach-Aktionen begleiteten Ausstellung „Skriptorium“, bei der sich vom 27. August an zwei Monate lang alles um das Lesen, Verstehen und Nachformen mittelalterlicher Schriften dreht. Abschluss und Höhepunkt soll ein öffentlicher Festvortrag des Osnabrücker Geschichtsprofessors und Historikers Dr. Thomas Vogtherram 7. November im Schloss sein.

Kontakt: Niedersächsisches Staatsarchiv Bückeburg, Schloss, 31675 Bückeburg, Tel. (05722) 96 77 30, E-Mail poststelle@staatsarchiv-bu.niedersachsen.de. Internet: www.staatsarchive.niedersachsen.de; Online-Recherche: http://www.aidaonline.niedersachsen.de

Öffnungszeiten (neu ab 1. Juli): Montag, Dienstag und Donnerstag 9 bis 16 Uhr; Mittwoch 9 bis 18 Uhr; Freitag 9 bis 13 Uhr.




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