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Zum 40. Todestag des Schaumburg-Lippischen NS-Regierungschefs Karl Dreier

Ein „anständiger“ Nazi?

Er war der ranghöchste Hitler-Gefolgsmann des Schaumburger Landes, und während seiner zwölfjährigen Amtszeit wurden in seinem Verantwortungsbereich zahllose Verbrechen begangen. Trotzdem galt Karl Dreier bis in die jüngste Vergangenheit hinein als „anständiger“ Nationalsozialist. Der Ex-Regierungschef des Landes Schaumburg-Lippe sei eine Ausnahmeerscheinung unter den NS-Führern gewesen, heißt es in der Urteilsbegründung der Entnazifizierungsbehörden. Dank Dreier habe sich die hiesige Region ein gewisses Sonderdasein als „Friedensinsel“ inmitten des Unrechtsystems bewahrt. Die Folge: Der vor 40 Jahren verstorbene Sohn eines fürstlichen Kammerdieners wurde in Kategorie IV („Mitläufer“) eingestuft.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Dreier selbst war ohnehin der Meinung, zeit seines Lebens nur Gutes gewollt und getan zu haben. 1898 in Bückeburg geboren, hatte er sich als damals 16-jähriger Schüler des Adolfinums 1914 sofort bei Kriegsausbruch zum Fronteinsatz gemeldet. Nach dem als schmählich empfundenen Versailler Friedensdiktat vier Jahre später fand er – wie viele junge Männer seiner Generation – nur schwer ins bürgerliche Leben zurück. Nach etlichen Gelegenheitsjobs hielt er sich ab Mitte der 1920er Jahre als radelnder Handelsvertreter über Wasser. Schon vorher war er auf einen gewissen Adolf Hitler aufmerksam geworden. 1928 trat er der NSDAP bei und begann, unterstützt vom Bückeburger Wäschereibesitzer Friedrich Eggers, die bis dato bedeutungslose NSDAP-Ortsgruppe seiner Heimatstadt auf Vordermann zu bringen.

Im Herbst 1931 machte ihn die damals noch kleine Schar heimischer Hitler-Anhänger zum Bezirksleiter Schaumburg, und zwei Jahre später stieg er auf Weisung der neuen NS-Machthaber zum Regierungschef des Freistaates Schaumburg-Lippe auf. Sein offizieller Titel war „Landespräsident“. Im Vorgriff auf eine groß angelegte Gebietsreform, die einen Zusammenschluss aller Staaten, Provinzen und Kreise diesseits und jenseits der Mittelweser vorsah, wurde ihm später zusätzlich der Posten des stellvertretenden Regierungspräsidenten von Ostwestfalen mit Dienstsitz in Minden übertragen.

Besonders stolz war Dreier auf seine zahlreichen, während des Ersten Weltkriegs erworbenen Orden und Auszeichnungen, darunter EK II, Ehrenkreuz der Frontkämpfer, Kriegsverdienstkreuz 2. und 1. Klasse mit Schwertern und königlich-holländischer Oranje-Orden. Die Auszeichnungen seien ihm schließlich nicht umsonst an die Brust geheftet worden, ließ Dreier seine Ankläger nach 1945 trotzig-selbstbewusst wissen. Im Gegensatz zu seinen besserwisserischen Kritikern habe er sich stets für das Wohl des Vaterlandes und der ihm anvertrauten Volksgenossen eingesetzt.

2 Bilder

Die Wirklichkeit sah anders aus. Eine vor fünf Jahren von dem Historiker und Journalisten Frank Werner vorgelegte Forschungsarbeit zeichnet ein weniger schmeichelhaftes Bild (siehe Quellenhinweis). Anders als in etlichen früheren Abhandlungen dargestellt, wurde die nach der Machübernahme Hitlers 1933 in Gang gesetzte Verfolgungspraxis auch von der Dreier-Regierung gnadenlos durchgezogen. Zu den Opfern zählten neben SPD- und KPD-Funktionären vor allem Lehrer, Polizisten und Richter. Auf der NSDAP-Kreistagung am 8. Juli 1933 in Stadthagen konnte der Landespräsident bereits große Erfolge vermelden: „Die gesteckten Ziele sind restlos erreicht“. Vor allem innerhalb der „marxistischen Beamtenschaft“ habe man konsequent aufgeräumt. „Lehrer, die untragbar waren, weil sie nicht die Gewähr für eine deutsche Erziehung der Jugend gaben, wurden beseitigt“.

Mit der gleichen kompromisslosen Härte ging es anschließend auch gegen Volksfeinde und rassisch Minderwertige weiter. Damit waren nicht zuletzt Bibelforscher, Freimaurer, Zigeuner und Juden gemeint. Dass die Rolle Dreiers bei den Aktionen bis in die jüngste Vergangenheit hinein unterschätzt wurde, hat laut Werner vor allem mit dessen leutseligem Gehabe und dem jovialen, kumpelhaften Auftreten in der Öffentlichkeit zu tun. Scharfe Hetz- und Hasstiraden waren nicht Dreiers Ding. Die Einpeitscher- und Bullterrier-Rolle überließ er Eiferern wie dem Schriftleiter der Parteizeitung „Schaumburg“, Adolf Manns, Rassenfanatikern wie Bückeburgs Bürgermeister Albert Friehe und rabiaten Schlägertypen wie Rintelns Kreisleiter Berthold Volkmar. Er selbst redete lieber über Volksgemeinschaft, soldatische Tugenden oder die Bedrohung der Welt durch den Bolschewismus.

Die Judenverfolgung stellte Dreier bis zuletzt als übereifriges, eigenmächtiges Vorpreschen der Gestapo-Leitstellen dar. Von den Plänen der Reichsregierung in puncto „Endlösung“ habe er keine Ahnung gehabt. „Bei allen diesen Maßnahmen ist mir nie entfernt der Gedanke gekommen, dass es sich hier um Maßnahmen mit verbrecherischem Charakter handeln könne“, gab er nach 1945 zu Protokoll. Nach den Untersuchungsergebnissen Werners war das eine Lüge. Dreiers regelmäßige Teilnahme an den Reichsleiter-Führungstagungen und vor allem sein enger Draht zu dem als Insider des Völkermords ausgewiesenen Gauleiter Meyer ließen darauf schließen, dass der Landespräsident besser und früher als alle anderen heimischen NS-Funktionäre über den Holocaust informiert gewesen ist.

Kurz vor dem Einmarsch der Alliierten scheint sich bei Dreier dann doch ein mulmiges Gefühl eingestellt zu haben. Jedenfalls ging er, zusammen mit Bückeburgs Bürgermeister Friehe, auf Tauchstation. Am 17. Mai 1945 wurden die beiden mit ihren Familien von den Engländern in einer einsam in der Lüneburger Heide gelegenen Jagdhütte aufgespürt.

Nach über zwei Jahren Internierungslager und einem Jahr Arbeitsdienst auf dem von der Royal Air Force angelegten Flugplatz in Achum war Dreier ab Anfang 1949 wieder ein freier Mann. Seine bis zum Bundesgerichtshof vorgetragenen Klagen auf Festsetzung von Versorgungsbezügen aus seiner Beamtentätigkeit als Landespräsident scheiterten. Wirtschaftlich und zunehmend auch gesundheitlich ging es stetig bergab. Die Notlage seines Mandanten habe „inzwischen ein solches Ausmaß angenommen, dass er völlig am Ende seiner körperlichen und finanziellen Kräfte ist“, beschrieb Dreiers Anwalt 1954 die Situation. Besonders schwer dürften dem einst stattlichen und tatkräftigen Mann der frühe Tod seines Sohnes Arnold und das Dahinsiechen seiner gelähmten und 1968 verstorbenen Ehefrau Herta zugesetzt haben.

Besser sah es anfangs um das öffentliche Ansehen des Ex-Landespräsidenten in seiner Heimatstadt aus. Als Vorstandsmitglied des Vereins der ehemaligen Jäger und Schützen war er gern gesehener Gast bei örtlichen Traditionsveranstaltungen. Auch die Bundeswehr lud ihn zunächst regelmäßig zu ihren Festivitäten ein. Das begann sich im Laufe der 1960er zu ändern. Die Honoratioren gingen zunehmend auf Distanz. Vom Tode des Ex-Landespräsidenten am 14. September 1974 nahm in Bückeburg keiner Notiz. Befreundet blieb Dreier mit Albert Friehe und mehr noch mit dessen Ehefrau, mit der er nach dem Tod des Ex-Bürgermeisters zusammenlebte.

Seine nach 1945 immer wieder vorgetragene und heftig verteidigte Meinung, im Dritten Reich sei – entgegen landläufigen Behauptungen – alles gar nicht so schlimm gewesen, stellte Dreier – zumindest in der Öffentlichkeit – nie in Frage. Nicht ohne Bitterkeit und Häme kommentierte er den raschen Sinneswandel der Deutschen nach dem Einzug der Siegermächte: „Gestern haben sie noch Heil Hitler geschrien und heute jubeln sie für einen Dreckjudaslohn den sogenannten Befreiern zu. Man muss sich fragen: Ist das noch das Volk, das 5 ½ Jahre der ganzen Welt getrotzt hat“.

Quellenhinweis: Wer tiefer in die Geschichte einsteigen will, dem sei der Beitrag „Schon die Bezeichnung Nazi lehne ich ab“ des Historikers und Dewezet-Chefredakteurs Frank Werner empfohlen (erschienen in dem 2009 von der Schaumburger Landschaft herausgegebenen Buch „Schaumburger Nationalsozialisten“, ISBN 978-3-89534-737-5).

Bei solchen Anlässen fühlte sich Karl Dreier (M.) besonders wohl: Erinnerungsfotos vom Gautreffen (Bild links).

Tiefer Fall nach dem Zusammenbruch: Dreier in Häftlingskleidung im Internierungslager.




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