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Anspruchsvolles Kabarett im „Sumpf“

Ehnert und die Primatisierung von Deutschland

Hameln. Im wilden Komödianten steckt ein weiser Mann. Im neuen Solo brilliert Michael Ehnert an den Kammerspielen Hamburg. Zungenküsse von Stefan Raab? Nicht nur Michael Ehnert bekommt bei der drastisch ausgemalten Vorstellung eine Ganzkörpergänsehaut. Er ereifert sich im neuen Solo „Das Tier in mir – Deutschland primat“ über die Verwilderung von Moral, Sprache und menschlichem Umgang in der Mediengesellschaft. Am Donnerstag, 7. Oktober, ist er ab 20 Uhr zu Gast in der Sumpfblume Hameln (Am Stockhof). Eintrittskarten gibt es jetzt im Vorverkauf (siehe Hinweis „Ticket-Service“).

In Ehnerts Augen verschachern die Leute skrupellos Zivilisationswerte, nur um Geldgewinne zu maximieren. Was sich nach Standpauke anhört, ist auch eine. Doch weiß Ehnert dem Publikum so raffiniert die Leviten zu lesen, dass es ihm begeistert an den Lippen hängt und nach der Kammerspiele-Premiere Ovationen bringt. Die „Primatisierung“ in unserem Land verwandelt den adretten Superkomödianten im grauen Anzug seinerseits in ein zorniges Tier. Die Krawatte fliegt weg. Kaum vermag er den Werwolf in sich mit hastigem Zuknöpfen seines Jacketts zu bändigen. Wütendes Würgen schüttelt ihn, denkt er ans Wort- und Witz-Gestammel in Internet und Fernsehen. Vor blinder Rage rettet den Schauspieler auf Tour über deutsche Bäderdörfer nur der weise Mann in ihm: Aus der Sinnkrise hilft ihm die zittrig gläserne Stimme seines Meisters, der zum Schüler in verschmitzten Zen-Gleichnissen spricht, ihn auf den rechten Weg geleitet. Dessen Rat folgend, holt Ehnert auf leerer Bühne alles aus sich heraus. Den Jungfernflug des Air-Busses A119 nutzt er zur Abrechnung mit der bundesdeutschen Elite von Josef Ackermann bis Joseph Ratzinger.

Martin Blaus Regie strukturiert die glänzende Tour de force durch Licht, lenkt präzise das in Gestik und Tonwechsel ausgearbeitete Spiel. Ehnert ist weit mehr als ein Witzeerzähler: Er ist ein gerissen intelligenter Kabarett-Komödiant.




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