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Doppelpässe im Dunkeln

Es ist ein ungewohntes Gefühl. Irgendwie fühle ich mich total hilflos. Wie soll ich einen Doppelpass spielen, wenn ich den Ball nicht sehe? Und wie soll ich ein Tor schießen, wenn ich nicht weiß, wo die Pfosten stehen? Meine Augen sind verbunden. Ich sehe nichts. Gar nichts. So, als ob mein Augenlicht völlig erloschen ist. Um mich herum ist es einfach nur schwarz. Tiefschwarz. Wo bin ich? Und wo sind die Spieler, die ich gerade in der Kabine kennengelernt habe? Sie sind zwar da, aber trotzdem weg. Sie sind für mich unsichtbar.

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Andreas Rosslan Sportreporter zur Autorenseite

Noch nie war ich vor einem Training so nervös. Warum eigentlich? Irgendwie habe ich ein mulmiges Gefühl im Bauch. Wie fühlt es sich wohl an, die Welt so zu erfahren, wie sie Blinden begegnet? Für mich ist der Selbsttest eine Art Reise ins Ich. Mit dem Auto fahre ich nicht zum Stadion am Millerntor, sondern zur Hamburger Blindenschule am Borgweg. Dort sind die Bundesligakicker des FC St. Pauli zu Hause. Allerdings nicht die Profi-Elf von Kult-Coach Holger Stanislawski, sondern die Blindenfußball-Mannschaft von Marita Otto. „Stani“ und Co. kennt auf dem Kiez jedes Kind. Aber die Namen der blinden St.-Pauli-Kicker sind selbst den treusten Fans bislang noch wenig bekannt. Sie heißen Christian Marx, Andrea Gaedtke, Pia Rink, Serdal Celebi sowie Katja und Michael Löffler, um nur einige zu nennen. Seit zwei Jahren spielen sie in der neu gegründeten Blindenfußball-Bundesliga.

Zuletzt wurde Stuttgart ungeschlagen Meister. Davon können die St. Paulianer nur träumen. Sie gewannen kein einziges Spiel. Marita Otto nimmt die chronische Erfolglosigkeit der Kiez-Kicker mit Galgenhumor: „Willst Du Sankt Pauli oben sehen, musst Du die Tabelle drehen.“ Die 48-Jährige mit den blond gelockten Wuschelhaaren coacht zusammen mit Peter von Postel das Team ihres Bruders Michael und ihrer Schwägerin Katja. Beide sind von Geburt an blind.

Obwohl das Training in ein paar Minuten beginnt, lässt sich Michael beim Umziehen nicht aus der Ruhe bringen. Schwarzes Trikot, schwarze Hose, gelbe Stutzen, gelbe Boker. Wenn der Spieler mit der Rückennummer 12 seine Sachen aus der Sporttasche kramt, sitzt fast jeder Handgriff aus dem Effeff. Die Uhr scheint langsamer zu ticken, wenn er seine Schnürsenkel zubindet. Dann setzt sich Michael den Kopfschutz auf: „Den haben wir aus einem im Baumarkt gekauften Dichtungsschlauch für Heizungsrohre selbst gebastelt. Cool, oder?“ Wer wohl die Urheberrechte dafür hat ...

Obwohl es auch beim Blindenfußball grobe Fouls gibt, die richtig wehtun können, sind schlimme Verletzungen aber eher selten, sagt Michael, der die Blindenfußball-Sparte des Vereins vor vier Jahren mit seiner Frau Katja aus der Taufe gehoben hat. Muskelfaser- und Bänderrisse gibt es. Und ab und zu mal eine blutige Nase, wenn man gegen den Pfosten läuft. Im spärlichen Flutlicht erkenne ich Marita Otto, die im Trainingsanzug schon auf ihre Kicker wartet. Es ist kalt. Nasskalt. Und windig. Die Spieler laufen sich auf der Plastik-Wiese warm. Michael schnappt sich gleich eine Pille und fängt an zu dribbeln. Ihm scheint der etwas kleinere und im Vergleich zum Fußball mit Sehenden deutlich schwerere Ball am Fuß zu kleben. Gesehen hat er ihn noch nie, aber gehört. Der Ball rasselt nämlich, wenn er rollt. Blinde Fußballer spielen nach Gehör. Die Ohren sind ihr Navigationssystem. Wenn sie spüren, dass ein anderer Spieler in der Nähe ist, rufen sie das spanische Wort „voy“ („Ich komme“). Wer das nicht macht, bekommt im Spiel ein Foul für sich und sein Team. Wie beim ganz normalen Fußball gibt es auch bei den Blinden Straf- und Freistöße, gelbe und rote Karten. Nur Abseits gibt es nicht. Die Tore sind nur zwei mal drei Meter groß – wie beim Handball. Das Spielfeld, das an den Seitenlinien durch hüfthohe Banden begrenzt ist, misst 20 mal 40 Meter. Und der Strafstoßpunkt ist nicht elf, sondern acht Meter von der Torlinie entfernt. Ein Team besteht übrigens nicht aus elf Kickern, sondern nur aus vier blinden Feldspielern und einem sehenden Torwart, der zusammen mit dem Trainer an der Seitenlinie und einem weiteren Helfer hinter dem gegnerischen Tor seine Vorderleute dirigiert. Keine Unterschiede gibt es bei der Taktik: „Das Runde muss ins Eckige.“ Dieses Erfolgsrezept von Alt-Bundestrainer Sepp Herberger, der 1954 mit Deutschland Weltmeister wurde, gilt auch für den Blindenfußball.

Einige Minuten beobachte ich das Training von außen, dann will ich es wissen. Ich streife mir die Augenbinde über. Ab jetzt bin ich blind. Ich sehe keine Farben und Formen mehr. Der Tag wird zur Nacht. Die Bälle werden zu rasselnden Geräuschen, die Spieler zu Stimmen. Ich versuche, mich ohne meine Augen in einer für mich unbekannten Welt zurechtzufinden, die mir eigentlich vertraut sein müsste. Es fällt mir schwer, mich im Dunkeln zurechtzufinden. „Hier, hier, hier“, ruft Peter von Postel. Ich versuche, seiner Stimme zu folgen – Schritt für Schritt. Der Coach jagt mich in Zeitlupe kreuz und quer über den Platz. Schon nach wenigen Minuten habe ich komplett die Orientierung verloren: „Wo bin ich?“ Plötzlich klopft es. Tok, tok, tok. Ich bleibe stehen. Direkt vor der Bande, die ich mit meinen Fingern spüren kann. Sie gibt mir das Gefühl von Sicherheit, das ist mir schon nach dieser simplen Übung ohne Ball klar.

Der Coach ruft „Andreas!“ – ich bin gemeint – , dann höre ich einen Schuss. Der scheppernde Ball rollt im Schneckentempo in meine Richtung. Wo er genau ist, kann ich nur erahnen. Watschelnd wie ein Pinguin gehe ich ihm mit trippelnden Schritten und ausgestreckten Armen vorsichtig entgegen. Ich kann das Rasseln kaum hören, weil mich der Verkehrslärm der nahen Straße nicht nur ablenkt, sondern nervt. Auch das immer lauter werdende Tatütata eines Martinshorns irritiert mich.

Weil die Pille inzwischen irgendwo lautlos auf dem Spielfeld liegt, bin ich auf fremde Hilfe angewiesen. „Vor, vor, vor“, ruft Peter, „und jetzt links“. Wie hilflos würden wohl Schweinsteiger, Podolski, Özil und Co. mit verbundenen Augen über den Rasen stolpern? Ich stelle mich jedenfalls richtig doof an. „Mein Gott, wo ist denn der Ball?“ Da, jetzt spüre ich ihn. Eine perfekte Ballannahme sieht bestimmt anders aus. „Sehr gut!“ Das Lob des Trainers macht mir Mut, nachdem ich mich zuvor oft wie ein orientierungsloser Brummkreisel um die eigene Achse gedreht hatte. Anstrengend ist die Trainingseinheit nicht. Trotzdem wische ich mir die kalten Schweißperlen von der Stirn. Auf das abschließende Trainingsspielchen freue ich mich wie ein kleiner Junge. Die Aufstellung ist simpel: einer rechts, einer links und zwei hintereinander in der Mitte. Ich laufe auf der linken Seite rauf und runter. Ballkontakte habe ich zunächst nicht. Doch dann bekomme ich auf Zuruf einen Pass direkt in die Füße gespielt. „Geh, geh, geh“, ruft mir der Coach zu, „ein Spieler vor Dir“. Ich stoppe. Ich höre: „Voy, voy, voy!“ So ein Mist, mir kommt ein Verteidiger in die Quere. Es ist Christian. Wie ich es in diesem Augenblick schaffe, ihn zu tunneln, ist mir ein Rätsel. Mein Pass kommt irgendwie zu Michael, der frei vorm Tor steht. „Heiß!“ Doch er schießt knapp am Pfosten vorbei.

Das Spiel ist schon zu Ende, bevor es richtig begonnen hat. Ich bin glücklich. Aber auch etwas enttäuscht, weil ich die Kugel kein einziges Mal in die Maschen bugsiert habe.

Die letzte Gelegenheit dazu bekomme ich direkt vor dem Abpfiff. Es ist mein erster Strafstoß mit verbundenen Augen. Ich höre, wie jemand an den Torpfosten klopft: erst rechts, dann links. Dann schiebe ich den Ball genau in die Mitte. Zu genau. Die Torhüterin muss sich noch nicht einmal bewegen, um meinen kläglichen Rückpass zu parieren. Wahrscheinlich hätte ich ohne Augenbinde sogar vorbeigeschossen …

Wie fühlt es sich an, blind Fußball zu spielen? Als Sportjournalist wollte ich es wissen, am eigenen Leib erfahren – und habe bei den sehbehinderten Bundesligakickern des FC St. Pauli mittrainiert. Wer nur kurz die Augen schließt und ein paar Schritte geht, merkt, wie schwer es ist, sich zu orientieren, ohne zu sehen. Und so auch noch Fußball spielen …

Schuss mit verbundenen Augen: Ich, Andreas Rosslan, habe im Selbstversuch mit den blinden Fußballern des FC St. Pauli trainiert.Foto: nls



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