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Doping im Alltag ist richtig gefährlich

Aufmerksamer, ausdauernder und intelligenter muss zuweilen derjenige sein, der im modernen Berufsleben bestehen will. Um mithalten zu können, hilft dabei so mancher seinem Gehirn mit leistungssteigernden Stimulanzien und Medikamenten auf die Sprünge. Beim „Hirn-Doping“ drohen zwar keine Sanktionen; gefährlich ist es dennoch. Die Tendenz, vor allem am Arbeitsplatz nach den hochpotenten Power-Pillen zu greifen, ist steigend.

Lars Lindhorst

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Lars Lindhorst Ressortleiter zur Autorenseite

Aufmerksamer, ausdauernder und intelligenter muss zuweilen derjenige sein, der im modernen Berufsleben bestehen will. Um mithalten zu können, hilft dabei so mancher seinem Gehirn mit leistungssteigernden Stimulanzien und Medikamenten auf die Sprünge. Beim „Hirn-Doping“ drohen zwar keine Sanktionen; gefährlich ist es dennoch. Die Tendenz, vor allem am Arbeitsplatz nach den hochpotenten Power-Pillen zu greifen, ist steigend. Nach Ergebnissen einer repräsentativen Studie der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) haben rund zwei Millionen gesunde Bundesbürger schon einmal Leistung und Laune mit Medikamenten erhöht. Gut zwei Prozent aller aktiv Erwerbstätigen in Deutschland dopen regelmäßig. Vier von zehn Befragten nehmen täglich bis mehrmals im Monat Medikamente ein, um Stress und Anforderungen im Beruf bewältigen zu können und ihre kognitive Leistung zu steigern, wie die Befragung der DAK ergab. Auffallend ist dabei: Während sich Männer eher mit Präparaten zur Leistungssteigerung aufputschen würden, griffen Frauen häufiger zu Mitteln, die depressive Stimmungen und Ängste bekämpfen. Die Studie ergab weiter, dass Beschäftigte mit hohem Stresspotenzial, einem unsicheren Arbeitsplatz oder starker Konkurrenz Doping im Job für vertretbarer halten als Arbeitnehmer mit weniger Leistungsdruck.

Um unser Gehirn zu beeinflussen, steht heute eine ganze Palette von stimulierenden Substanzen in den Arzneischränken zur Verfügung. Anti-Depressiva sollen die Stimmung aufhellen und Antriebsschwäche beheben; Beta-Blocker dämpfen die Nervosität; Pillen gegen Demenz und Aufmerksamkeitsstörungen erhöhen die Konzentrationsfähigkeit. Laut DAK-Bericht gehören das Medikament Ritalin mit seinem Wirkstoff Metyphenidat und das Anti-Demenzmittel Piracetam zu den medikamentösen Spitzenreitern, wenn es darum geht, geistige Höchstleistungen per Tablette abzurufen.

„Die Präparate sind sehr schnell abhängigkeitserzeugend“, warnt Oberarzt Rolf Benzin. Der Psychiater an der Burghof-Klinik in Rinteln und Leiter des Berghauses in Aerzen weist auf das große Suchtpotenzial der leistungssteigernden Medikamente hin. „In vielen Fällen tritt zunächst eine körperliche Abhängigkeit in Erscheinung, später meist auch eine psychische“, sagt Benzin. Insbesondere treffe die Gefahr einer Medikamentenabhängigkeit jedoch bei gesunden Anwendern von leistungssteigernden Mitteln zu. Und häufig müssten Medikamente wie Ritalin in immer höheren Dosen eingenommen werden, um letzten Endes die gewünschte Wirkung der wahrgenommenen Leistungssteigerung zu erzielen. „Abhängigkeiten durch eine ausschließlich therapeutische Medikation bei psychisch Erkrankten sind mir aber nicht bekannt“, weiß Benzin aus seiner langjährigen Erfahrung.

Doping im Alltag: Ritalin soll leistungssteigernd wirken – ist aber äußerst gefährlich. Foto: Wikimedia

Ritalin gehört zu den Stimulanzien, die wegen ihres Wirkstoffs Metylphenidat auch als „Psycho-Droge“ bezeichnet wird und eine ähnliche Wirkung hat wie Kokain. Deshalb fällt das Medikament in Deutschland auch unter das Betäubungsmittelgesetz; die Beschaffung von Ritalin ohne ärztliche Verordnung ist illegal. Ursprünglich vorgesehen als Heilmittel für hyperaktive Kinder weisen medizinische Fachliteratur und Beipackzettel zudem erhebliche Nebenwirkungen des konzentrationsfördernden Mittels aus. Und die sind nicht ohne: Schlaflosigkeit, Magenbeschwerden, Depressionen und Herz-Kreislaufstörungen sind die angegebenen Gefahren. Ohne ärztliches Rezept sollte das Medikament in Deutschland deswegen nicht erhältlich sein. Gesunde Menschen können nicht einfach so, ohne Diagnose, an die ADHS-Arznei gelangen. Ein Trugschluss, wie Andrea Lemke berichtet: „Nach deutschem Recht gibt es diese Medikamente in den Apotheken zwar nur auf Verschreibung“, sagt die Hamelner Pharmazeutin. Von anderen Medikamenten, wie zum Beispiel potenzsteigernden Präparaten, wisse sie allerdings, dass es insbesondere Internet-Apotheken mit den geltenden Vorschriften nicht so genau nehmen – vor allem dann nicht, wenn sich der Sitz der Online-Apotheke im Ausland und unter abweichend geltendem Recht befinde. Für Hirn-Doping-Substanzen sei der Umweg des Erwerbs über das Internet wie bei Viagra-Präparaten deshalb auch „nicht auszuschließen“.

Neben Ritalin steht das Demenz-Mittel Piracetam ganz oben auf der Beliebtheitsskala des Hirn-Dopings. Der Wirkstoff gegen Alzheimer soll eine Verbesserung des Denkvermögens und der Merkfähigkeit hervorrufen. Besorgniserregend, was die Untersuchung der DAK zum Vorschein brachte: Denn auf nur 2,7 Prozent der Rezepte von den befragten Personen stand als Grund für die Verschreibung Demenz als Diagnose. Laut Krankenkasse hätten etwa 83 Prozent der Berufstätigen das Mittel wegen „anderer zulassungsüberschreitender Diagnosen“ verordnet bekommen. In erster Linie zählten zu diesen Diagnosen Stress, Konzentrationsmangel und Erschöpfungszustände.

Die Medizin-Ethikerin Davinia Talbot erforschte an der Universität Münster in einem interdisziplinären Projekt die Wirksamkeit von solchen Medikamenten. Eine dauerhafte Wirksamkeit der „Neuro-Enhancer“ hätte nicht nachgewiesen werden können, so die Wissenschaftlerin. Harte Mittel zur kognitiven Leistungssteigerung einzusetzen, sei aus diesem Grund ein großes Risiko. „Das ist ein gefährliches Selbstexperiment, die Langzeitfolgen sind kaum abzuschätzen“, wird Talbot im „Handelsblatt“ zitiert. Noch klarer formuliert es der US-amerikanische Medizin-Anthropologe Prof. Nicolas Langlitz jüngst in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: Vermeintliches „Enhancement“ könnte sich auch kontraproduktiv auswirken, so der Wissenschaftler. Was Hirn-Doping-Substanzen tatsächlich steigern würden, sei Wachheit und Konzentrationsfähigkeit. Da aber wacher nicht automatisch bedeute, auch klüger zu sein, könne es Mittel zur Steigerung der kognitiven Leistung überhaupt nicht geben, meint der Anthropologe. „Menschen mit überdurchschnittlicher kognitiver Leistungsfähigkeit hingegen schneiden in Tests häufig schlechter ab als in nüchternem Zustand“, lautet Langlitz’ Urteil.

Was unterscheidet dann das Viagra fürs Hirn vom allgemein akzeptierten Doppel-Espresso oder von der vermeintlich beruhigenden Stress-Zigarette? „Koffein und Nikotin fördern auch das Belohnungssystem im Gehirn und machen genauso abhängig“, sagt Rolf Benzin. „Sie wirken nur nicht so stark. Die Wirkstoffe der Medikamente passen aber um ein Vielfaches effektiver an die Rezeptoren im Gehirn“, so der Oberarzt.

Aus gutem Grund sind die Tabletten verschreibungspflichtig, der Erwerb der Medikamente ohne Rezept überschreitet die Grenze der Legalität. Wer sich einen scharfgebrannten Kaffee aufbrüht, der handelt nicht gesetzeswidrig, sondern erreicht bei übermäßigem Genuss das Gegenteil des Gewünschten: Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit statt Steigerung der Gehirnleistung. Und wer raucht, riskiert Lungenkrebs. Wer erstmal tot ist, der braucht nicht mehr denken, mag man meinen. Paradox ist das, aber immerhin legal. Eine Forschergruppe plädiert im Auftrag der „Europäischen Akademie zur Erforschung von Folgen technischer Entwicklung“ für einen freieren Umgang mit den Muntermacher-Präparaten. Es gebe keine „überzeugenden grundsätzlichen Einwände gegen eine pharmazeutische Verbesserung des Gehirns“, argumentieren sie. Kritiker sehen das anders: Belege zur Wirksamkeit bei Gesunden und zur Sicherheit der Mittel gebe es nicht ausreichend. Und im Gegensatz zu den Forschungsinteressen der Pharmaindustrie, die im Sektor „Neuro-Enhancement“ Milliardengeschäfte wittert, müsse zunächst eine breite Diskussion darüber stattfinden, ob die Verwendung der Gehirn-Pille denn ethisch und moralisch verwerflich ist oder nicht.

Ungeachtet dessen empfehlen Fachleute grundsätzlich ausreichende und angemessene Bewegung sowie eine vitaminreiche und ausgewogene Ernährung, um die geistigen Fähigkeiten dauerhaft auf ein hohes Niveau zu bringen – und dort zu halten. Mit einer Tasse Grünem Tee etwa ließe sich eine länger andauernde Konzentrationsfähigkeit erreichen. Und viele natürliche und rezeptfreie Präparate wie Ginseng, Ginkgo und Johanniskraut steigerten ebenfalls die Gehirnleistung ohne größere Risiken von gesundheitsgefährdenden Nebenwirkungen.

Grüner Tee und Johanniskraut statt Kaffee, Kippe oder Pille? „Vorübergehend als Unterstützung sicher eine gute Möglichkeit“, meint die Hamelner Allgemeinmedizinerin Dr. Eva-Maria Kraske. Wichtiger sei die Beachtung eines ganzheitlich gesunden Lebenswandels. „Gesundes Leben heißt ausgeglichene Ernährung, verbunden mit ausreichend Schlaf, frischer Luft und viel Licht und mit entspannender Bewegung“, so Dr. Kraske. Wenn Menschen fortwährend an ihre Leistungsgrenzen stoßen, müsse auch immer wieder für ausreichend Regeneration gesorgt werden. Die Ärztin plädiert deshalb eindeutig für das „kurze Mittagsschläfchen“. „Das entspannt das Gehirn“, sagt sie. „Und sorgt auch dafür, dass man am Abend länger leistungsfähig ist.“

„Höher, schneller und weiter“ –

diese olympischen Ziele haben in den vergangenen Wochen mehr als 2600 Athleten beflügelt, an die Grenzen ihrer körperlichen und psychischen Leistungsfähigkeit zu gehen. Nun sind die Spiele vorüber. Sie wurden von Doping-Skandalen verschont. Im Gegensatz zum Sport ist jedoch die künstliche Leistungssteigerung im Alltag weitverbreitet.




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