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Was die vermeintlich „tote Sprache“ Latein durchaus attraktiv machen könnte

Doch nicht am Ende

Ganz schön gemein, was da neulich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) über die Lateinlehrer zitiert wurde. Sie würden geplagt sein von dem aufsteigenden Bewusstsein, dass sie, statt dieser im Alltag weitgehend nutzlosen Sprache ebenso „Hirschpaarungslaute oder Klingonisch“ unterrichten könnten. Unter allen unzeitgemäßen Personen – wie etwa die Zirkusclowns – seien sie die unzeitgemäßesten: „professionelle Vertreter institutionalisierter Nutzlosigkeit“.

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Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Ein Rätsel also, warum sie trotzdem noch in jedem gymnasialen Kollegium zu finden sind, oder? Zwei leidenschaftliche Lateinlehrer und Obmänner ihres Faches, Enno Schulz (53) aus Hameln und Dr. Ralf Kirstan (40) aus Rinteln, geben Auskunft.

Beide haben sie den Artikel in der FAZ gelesen. Beide konnten darüber lachen – durchaus auch über einen Absatz, in dem die stärkste Rechtfertigung des Lateinunterrichts, er sei nämlich wichtig für die „humanistische Bildung“, durch eine ironische Formulierung entwertet wird. Natürlich vertreten Enno Schulz und Ralf Kirstan einen humanistischen Bildungsbegriff. Das heißt, einen Begriff von Bildung, der die Entwicklung der gesamten Schüler-Persönlichkeit in den Mittelpunkt stellt und den Schulunterricht nicht darauf beschränken will, nur Fähigkeiten zu vermitteln, die sich im Sinne der Gesellschaft als unmittelbar nützlich erweisen. Dass sie den FAZ-Artikel mit Humor nehmen, es hat damit zu tun, dass sie die Anwürfe gegen ihre „tote Sprache“ nur allzu gut kennen.

„Tatsächlich stelle ich fest, dass die meisten jungen Kollegen in ihren Fächern sehr auf die Optimierung des Nutzens bedacht sind“, sagt Enno Schulz, der am Hamelner Viktoria-Luise-Gymnasium unterrichtet. „Das ist insgesamt eine Ökonomisierung des Unterrichts, die schließlich, meine ich, zur Entpolitisierung führt. Man verliert den Blick für Zusammenhänge außerhalb der Schule. Dazu passt zum Beispiel, dass wir Kollegen kaum über den aktuellen Terroranschlag in Paris gesprochen haben. Alle waren nur mit ihrer Unterrichtsvorbereitung beschäftigt. Der Lehrplan muss erfüllt werden. Der Stoff für das Zentralabitur geht vor.“

Wer mit dem Rintelner Ernestinum-Lehrer Ralf Kirstan über Sinn und Zweck des Lateinischen spricht, der bekommt sowieso schnell einen anderen Blick auf das sogenannte „Nützliche“.

„Was haben wir denn davon, wenn die Schule ein System wird, das nur um sich selbst kreist?“, fragt er. „Ist es nützlich, Dinge allein deshalb zu lernen, weil sie in der nächsten Klausur abgefragt werden? Ist es nützlich, den beruflichen Anwendungsbezug in den Vordergrund zu stellen, obwohl wir doch sehen, wie schnell sich Gesellschaften und Berufsbilder ändern? Und: Ist es etwa unnütz, Goethe oder romantische Dichter zu lesen, Kunstunterricht zu geben, zu philosophieren?“

Ja, Latein werde selten außerhalb von kirchlichen Kreisen gesprochen, ja, es gäbe Übersetzungen aller bedeutenden lateinischen Schriften, und ja, auch an den Universitäten käme man inzwischen weitgehend ohne das Kleine oder Große Latinum aus.

Doch ginge es beim Lateinischen eigentlich gar nicht um einen Fremdsprachenerwerb wie in den anderen schulisch gelehrten Sprachen. „Latein ist eine Art Meta-Sprache“, sagt er. „Es handelt sich dabei um ein streng logisches und zugleich ausgesprochen harmonisches System, seine Gedanken auszudrücken. Aus dem Lateinischen zu übersetzen bedeutet, das lineare Lesen und Nach-Denken zu verlassen, um eine komplexe Struktur zu analysieren. Es ist eine Schulung im abstrakten, analysierenden Denken.“

Enno Schulz sieht das nicht anders. Ähnlich wie bei der Mathematik oder Programmiersprachen trage das Erlernen der lateinischen Sprache zur „Entschleunigung“ bei. „Den heutigen Schülern kann es nirgends schnell genug gehen“, sagt er. „Überall müssen schnelle Erfolgserlebnisse her. In unserer Schul-Aula hängen Kacheln, auf denen frühere Schülergenerationen ihre Sinnsprüche verewigt haben. Der Jahrgang von 1960 hatte sich den Spruch ,No pain, no gain‘ ausgewählt, ,Ohne Fleiß kein Preis‘.“ Jetzt würde da stehen: „Have fun, be cool.“

Latein zu lernen bedeute unter anderem, seine Problemlösungskompetenz zu schulen und dabei hartnäckig bleiben zu können. „Außerdem steht das Lateinische ja nicht in einem inhaltlich leeren Raum“, so Enno Schulz. In seinem Unterricht diskutiert man unbedingt auch über die Ovidsche Kunst der Liebe oder über Cesars politischen Pragmatismus. Zudem, davon spricht auch Ralf Kirstan, sei es einfach spannend, nach und nach zu begreifen, wie Sprachen sich entwickeln, aus welchen historischen Gründen heraus sich das Lateinische als eine nahezu unveränderliche Schriftsprache etablierte, während parallel dazu die lebendigen romanischen Umgangs-Sprachen entstanden, die gleichwohl untrennbar mit dem Lateinischen verbunden blieben.

Ralf Kirstan erzählt, wie sensationell es damals für ihn war, als er, der aus einer Nicht-Akademikerfamilie stammt, sich in der 9. Klasse dazu entschloss, Latein als Wahl-Pflichtfach zu wählen. „Ich war ungeheuer stolz darauf, in so ein aufs Denken ausgerichtetes Fach einzusteigen. Und zugleich hatte ich sogar einen ganz konkreten Nutzen davon, weil ich mich nämlich für die Ahnenforschung zu interessieren begann und in alten Kirchenbüchern mit den lateinischen Urkunden klarkam.“ Dass er später neben Latein auch Geschichte studierte, hat unmittelbar mit seinem eigenen Lateinunterricht zu tun. Außerdem lockte ihn die Herausforderung, aus dem Deutschen ins Lateinische zu übersetzen. In Fortbildungen sprach er sogar lateinisch. „Das ist ein vollkommen anderes Herangehen, als sonst Fremdsprachen zu sprechen oder gar in der Muttersprache zu reden“, erklärt er. „Oft ist es so, dass die Gedanken erst beim Sprechen entstehen und man Denken und Sprechen kaum auseinanderhalten kann. Auf Lateinisch etwas auszudrücken dagegen geht nur mit strenger Zügelung. Man muss sich genau im Klaren darüber sein, was man sagen will und die Gedanken dann in die beste Form bringen.“ Unglaublich fast, dass erst unter Kaiser Wilhelm II. der lateinische Abituraufsatz und die mündliche Prüfung auf Latein abgeschafft wurden.

Enno Schulz hätte mit solchen Anforderungen sicher auch heute keine Probleme. Er ist begeisterter Mitarbeiter am lateinischen Wikipedia, ein Ableger des weltweiten Online-Lexikons, auf dessen Seiten längst an die hunderttausend Artikel in lateinischer Sprache stehen und wo auch alle inhaltlichen Diskussionen auf Latein geführt werden. Besonders heftig geht es dann zu, wenn lateinische Ausdrücke für moderne Dinge und Phänomene „erfunden“ werden müssen. Zu gern wäre Enno Schulz zu einem Treffen der „Vicipaedia Latina“-Mitarbeiter nach Rom mitgefahren und hätte ausprobiert, ob er auch mündlich mithalten könnte.

Sollte Latein denn wieder „lebendig“ werden? Eine echte Fremdsprache, in der man sich unterhält, publiziert, Dolmetscher ausbildet? „Nun, das hätte seinen Reiz“, so Enno Schulz. „Manchmal geht mir die Dominanz des Englischen richtig auf die Nerven.“ Auch Ralf Kirstan könnte diese Idee Spaß machen. „Allerdings würde es dann gar nicht lange dauern, und das klassische Latein wäre so verwandelt, wie es sich ja auch in den vergangenen Jahrhunderten gewandelt hat“, wendet er ein. „Italienisch, Spanisch, Rumänisch, die romanischen Sprachen insgesamt sind aus dem lebendig gesprochenen Latein entstanden. Keine gesprochene Sprache bleibt, wie sie ist.“

Nach „institutionalisierter Nutzlosigkeit“ klingt nichts von dem, was die beiden Lateinlehrer zur Verteidigung ihres Berufes sagen. „Es sei denn, man wollte tatsächlich ,Menschenbildung‘ durch reine ,Ausbildung‘ ersetzen“, so Ralf Kirstan und Enno Schulz. Und ganz so ist es ja nicht. „Wir verstehen uns als eine Schule, in der die ganzheitliche Entwicklung von Schülerinnen und Schülern im Vordergrund des pädagogischen Handelns steht“, heißt es in den Leitlinien des Viktoria-Luise-Gymnasiums. Und sowohl am Ernestinum als auch in Hameln kommen pro Jahr immer wieder mehrere Lateinklassen zustande.

In keinem Urlaubsland spricht man Latein. Die alte Gelehrtensprache gilt als „tote Sprache“. Enno Schulz und Ralf Kirstan sind Lehrer und unterrichten Latein – trotz allem. Manches Urteil über Latein nehmen sie mit Humor. Mit dem Erlernen von Lateinvokabeln steht nicht nur der Erwerb von Sprachkompetenz im Vordergrund, sagen sie.




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