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Digitale Fallenjagd auf tierische Neubürger

Viel her machen sie nicht, die Fotofallen: Ein kleiner Kasten aus Kunststoff, gerade groß genug, um eine einfache Digitalkamera, einen Infrarot- oder Bewegungssensor sowie ein winziges Blitzgerät unterzubringen. Außen tarnfarbig bemalt. Ein schmaler Gurt zur Befestigung an einem Baumstamm oder Holzpfahl. Fertig.

Autor:

Michael Werk

Eine ganze Reihe dieser ab rund 150 Euro aufwärts teuren Geräte hat Thomas Brandt, der wissenschaftliche Leiter der ÖSSM, in den vergangenen drei Jahren in den Feuchtwiesen, Erlenbruchwäldern und Mooren rund um das Steinhuder Meer installiert. Stets an solchen Stellen, die aus Sicht des erfahrenen Diplombiologen eine gewisse Chance bieten, dass dort auch tatsächlich Tiere vorbeikommen. Wildwechsel gehören dazu, außerdem Gehölzränder und andere Leitlinien in der Natur, wie etwa am Boden liegende Baumstämme und Grabenufer.

„Am Anfang mussten wir aber trotzdem erst noch einige Erfahrungen mit der neuen Technik sammeln“, räumt er ein. So etwa hinsichtlich der Frage, welche Fotofallen sich für welche Standorte am Besten eignen. Dort, wo die Kameras nach seinen bisherigen Erfahrungen beispielsweise in der offenen Landschaft am häufigsten auslösen, setzt er mittlerweile nur noch solche Geräte ein, bei denen die davor liegende Szenerie des Nachts mit einem für das menschliche Auge unsichtbaren Infrarotblitz ausgeleuchtet wird.

Denn auch wenn die Fotofallen abseits der von den Spaziergängern frequentierten Wege installiert sind, könnte bei Verwendung eines sogenannten Tageslichtblitzes ja doch mal jemand auf die Idee kommen, nach der Ursache für die mitunter mehrmals hintereinander abgegebenen Lichtblitze zu suchen. So aber entfällt dieses Problem.

2 Bilder

Mehr noch: Die Tarnung der unauffällig arbeitenden Geräte ist derart perfekt, dass damit – neben Rehen, Wildschweinen, Füchsen und diversen Vogelarten – auch schon einige „Naturfreunde“ fotografiert wurden, die trotz zahlreicher Verbotsschilder unerlaubterweise querfeldein durch das Naturschutzgebiet marschiert waren. „Diejenigen Personen, die wir auf den Fotos identifizieren können, bekommen dann auch eine Anzeige bei der Polizei“, betont Brandt, der für solche Ignoranz überhaupt kein Verständnis hat.

Dies aber nur am Rande, denn das Interesse des Diplombiologen gilt um einiges mehr der Erforschung der Fauna des Steinhuder Meeres: „Als wir 2009 mit dem Fotofallen-Projekt begonnen haben, wollten wir zunächst kontrollieren, welche Neozooen, also aus anderen Ländern eingewanderte Tierarten, in der Region vorkommen“, erklärt er.

Wie erwartet, liefen den Kameras damals schon nach kurzer Zeit einige Vertreter der aus Ostasien stammenden Marderhunde vor die Linse. Auch die Anwesenheit der ungefähr Mitte des 20. Jahrhunderts in Deutschland eingeführten Waschbären, konnte am Steinhuder Meer bestätigt werden.

Für die Naturschützer ein Nachweis mit Konsequenzen, denn die ursprünglich in Nordamerika verbreiteten Allesfresser sind durchaus in der Lage, auch die auf hohen Bäumen gebauten Horste der Fisch- und Seeadlerbrutpaare zu plündern. Aus diesem Grund wurden von der ÖSSM bereits mehrere Horstbäume durch am Stamm angebrachte, aus einer speziellen Folie bestehende Manschetten gesichert, die von den „Räubern mit der Gangstermaske“ nicht überklettert werden können.

Eine echte Sensation war dann jedoch im Jahr 2010 der erste bildhafte Nachweis eines Fischotters: „Das war natürlich eine Riesenfreude für uns, dass diese Art nach Jahrzehnten endlich wieder am Steinhuder Meer aufgetaucht ist“, erinnert sich Brandt. Mittlerweile ist sein Bestand an Fischotterfotos auf mehr als einhundert Stück angestiegen und die große Marderart am gesamten See bestätigt worden.

Als Konsequenz fordert die ÖSSM, dass die im Steinhuder Meer von Fischern ausgebrachten Fischreusen schnellstmöglich mit Ausstiegshilfen oder sogenannten Otterkreuzen versehen werden, damit Fischotter darin nicht qualvoll umkommen, wenn sie auf der Jagd nach Fischen in die Reusen hineingetaucht sind.

Eine entsprechende Stellungnahme liegt sowohl der zuständigen Naturschutzbehörde der Region Hannover als auch dem Umweltministerium des Landes Niedersachsen vor, die Umsetzung steht indes noch aus.

Die nächste große Sensation gab es dann in der zweiten Hälfte dieses Jahres auf einem Speicherchip zu sehen: eine Wildkatze! Doch obwohl der Diplombiologe davon überzeugt war, dass diese Art schon seit Langem wieder im Umland des Steinhuder Meeres umherstreift, erkannte er sie auf den mit Infrarotblitz gemachten Schwarz-Weiß-Aufnahmen nicht sofort, sondern ging von einer verwilderten Hauskatze aus.

Erst als er einige Zeit später mit einer anderen Fotofalle mittels Tageslichtblitz entstandene Farbfotos auf seinem Computer sichtete und dabei das offenbar selbe Tier erblickte, wurde er stutzig: „Das ist doch eine Wildkatze“, schoss es ihm aufgeregt durch den Kopf. Eine sicherheitshalber hinzugezogene Wildkatzen-Expertin fällte dann das gleiche Urteil, ebenfalls mit Angabe einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent.

Für einen hundertprozentigen wissenschaftlichen Nachweis bedarf es nun noch einer genetischen Bestätigung, wobei die für die Laboruntersuchung benötigten Fellhaare der Katze demnächst durch eine andere Art „Falle“ eingeholt werden sollen: Dort, wo die Aufnahmen gemacht wurden, wird ein in die Erde geschlagener Holzpflock mit einem speziellen Lockstoff bestrichen. Reibt sich eine durch dessen Geruch angezogene Wildkatze an dem rauen Holz, bleiben üblicherweise einige Fellhaare daran hängen, die dann von den ÖSSM-Mitarbeitern eingesammelt und in einem externen Labor analysiert werden können.

Außer für die Entdeckung neuer Arten im Bereich des Steinhuder Meeres sind die flächendeckend im Naturpark verteilten Fotofallen allerdings auch für die Erforschung der Tagesaktivitäten der dort bislang wieder angesiedelten „Europäischen Nerze“ nützlich. Einige der in Kooperation mit dem gemeinnützigen „Verein zur Erhaltung des Europäischen Nerzes – EuroNerz e.V.“ in der Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen unter Berücksichtigung strenger wissenschaftlicher Auflagen gezüchteten Tiere sind zwar mit implantierten Minisendern versehen worden, erläutert Brandt. Da die Sender aber nicht ewig halten, wird man diese Nerze irgendwann nicht mehr mit dem Telemetriegerät orten können.

Mithilfe der Fotofallen werden sich die kleinen Marder danach jedoch mit etwas Glück immer noch beobachten lassen, wenn auch ohne die Möglichkeit, einzelne Individuen zu identifizieren. Wo halten sich die Nerze auf und haben sie Nachwuchs, sind Fragen, die die Naturschützer der ÖSSM in diesem Zusammenhang interessieren.

Die Zeiten, in denen die Mitarbeiter der Ökologische Schutzstation Steinhuder Meer (ÖSSM) bei der Erforschung der im Naturpark lebenden Tierarten ausschließlich auf ihre Beobachtungen mit Fernglas und Spektiv sowie auf ihre Künste als Spurenleser angewiesen waren, sind vorbei. Mit vollautomatisch arbeitenden Fotofallen machen die Naturschützer heute Jagd auf seltene Tiere, denen sie wegen deren heimlicher Lebensweise ohne den Einsatz dieser modernen Technik kaum auf die Schliche kommen würden.

2010 für den Naturschützer Thomas Brandt eine große Sensation: Erstmalig konnte nach Jahrzehnten der Abstinenz wieder ein Fischotter am Steinhuder Meer nachgewiesen werden – mit Hilfe einer der Fotofallen.

Fotos: ÖSSM (2), wk (1)




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