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Dieser Dezember bricht Wetterrekorde

Weserbergland. Eiskalte Finger, blaue Lippen, klappernde Zähne sprechen eine deutliche Sprache: Dieser Winter ist kalt. Die Folgen bekommen alle zu spüren, am eigenen Leib, nicht nur wegen der unterkühlten Körperregionen, sondern auch wegen der steigenden Heizkosten. Reinhard Zakrzewski geht es da nicht anders. Doch stärker als deren Folgen bewegen ihn persönlich die Kälte und Wetterphänomene als solche. Was viele geahnt haben, kann Zakrzewski, kurz „Zaki“, bestätigen: Dieser Winter, genauer gesagt, der vergangene Dezember hat es in sich und einige Rekorde gebrochen.

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Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite

Die Grafik der Stadtwerke Hameln macht es deutlich und sagt trotzdem noch nicht alles: Es war der kälteste Dezember seit 41 Jahren, seit dem Jahr 1969. „Es war sogar der kälteste seit 1890“, dehnt Zaki den Zeitraum erheblich aus. Und der im Jahr 1890 kälteste Dezember wiederum sei der kälteste seit 1850 gewesen. Der Dezember 2010 war also der zweitkälteste seit immerhin 160 Jahren. An der Wetterstation Hameln/Hastenbeck habe die Durchschnittstemperatur bei minus 3,7 Grad Celsius gelegen. Normal – gemessen an der sogenannten Klimanormalperiode von 1960 bis 1990 – seien 2,4 Grad, so Zaki.

Der Geograf und Meteorologe aus Lüneburg blickt seit 17 Jahren ganz genau auf das Wetter . Vornehmlich auf Schaumburg, aber auch auf Hameln-Pyrmont. Seine Ansprechpartner, die er für seine Veröffentlichungen heranzieht, sitzen unter anderem im Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Andere Quellen sind die historischen Klimareihen, in denen Temperaturen schon aus dem frühen 19. Jahrhundert festgehalten wurden: die Berliner, die Bremer, die Hamburger und die Lüneburger Klimareihe.

Mit einem Rekord allein ist es aber für die Region um Hameln noch nicht genug. Die lange ersehnte weiße Weihnacht ist nicht einfach nur schlicht weiß gewesen, es gab Schnee en masse. „Zwölf bis 14 Zentimeter Schnee an Weihnachten – das ist ein neuer Rekord“, sagt Zaki beim Durchblättern seiner Unterlagen. Er setzt nach, als es um die Schneefalltage im Dezember geht. 19 Stück an der Zahl seien es gewesen – „das hat historische Ausmaße“. Die größten Schneemassen des Dezembers hatte Hameln/Hastenbeck übrigens am Montag, den 20. An dem Tag lagen 25 Zentimeter der weißen Pracht.

Auch der darauffolgende Tag, der 21., lieferte Erwähnenswertes. In Worten: Minus achtzehnkommafünf Grad. Minus 18,5 Grad, regulär in zwei Metern Höhe an der Messstation gemessen. Fünf Zentimeter über dem Boden war’s noch kälter: 20,9 Grad im blauen Bereich eines Quecksilberthermometers. Da gab’s kalte Füße inklusive.

Nicht, dass damit die Liste der Dezember-Rekorde erreicht wäre, nein. „Sie haben noch einen Rekord“, kündigt Zaki an. Einen, der Dunkelheit verheißt, und der einen sogar noch nachträglich depressiv werden lässt, wenn man’s nicht schon war: Gerade mal 7,2 Stunden hat die Sonne im Dezember auf Hameln geschienen. 452 Minuten. Mehr nicht. Damit hat Hameln nur 19 Prozent dessen abbekommen, was üblich ist: „37 Stunden sind normal“, sagt Zaki. Das müsse man sich mal ausrechnen, „das sind gerade mal 0,4 Stunden am Tag“, sagt, rechnet und staunt er selbst über den Durchschnittswert. Allerdings war die Sonne nicht einmal jeden Tag zu sehen, sondern nur an zwölf Tagen. Kein Wunder also, wenn Menschen sich bei so wenig Lichteinfall niedergeschlagen fühlen … Zum Vergleich: In Bückeburg gab es 28 Stunden Sonnenschein. Immerhin hat der Schnee noch einiges an Helligkeit gerettet. Ohne ihn wäre es noch dunkler gewesen.

Die Sonne war also eine „Randerscheinung“, wie Zaki selbst sagt. Stattdessen hatten es die Hamelner mit viel Tiefdruck-Einfluss zu tun, mit Wolken und Nebel, fasst Zaki zusammen, was alle gesehen, aber für sich nicht unbedingt zusammenfassend ausgewertet haben. Nicht nur kaum Sonne, dazu auch noch keine Wärme: An zwei Dritteln der Tage gab’s Dauerfrost, zeigte das Thermometer also nicht einmal mehr als 0 Grad an. Nur zwei Tage waren in Hameln gänzlich frostfrei, und zwar der 11. und der 30. Dezember. Reinhard Zakrzewski blättert weiter durch seine Unterlagen, blättert, blättert und: findet noch einen Rekord. „Das ist eine weitere Besonderheit“, sagt der Wetter-Fan und lässt niemanden dumm sterben: Der Donnerstag, 2. Dezember, geht mit einem „Jahrhundertereignis“ in die Geschichte der Wetteraufzeichnungen ein, nämlich mit dem „massiven Einbruch sibirischer Kaltluft“, die in Bückeburg noch stärker zugeschlagen hat als in Hameln. Mit einer Höchsttemperatur von minus 6,6 Grad wurde in Bückeburg die niedrigste jemals gemessene Höchsttemperatur einer ersten Dezemberdekade gemessen. In Hameln waren es am selben Tag auch nur minus 6,1 Grad. „Normal sind Plusgrade“, sagt der Experte über diese Periode. Die Gründe für die tiefen Temperaturen liegen laut Zakrzewski, der sich dafür aufs PKI beruft, in der gestörten Westwindzirkulation, die seit 2005 festzustellen ist. Die Störung sei eine Folge von offenen Wasserflächen in der Arktis, die der Klimaerwärmung geschuldet seien. Die Arktis sei jetzt quasi offen, und wie in einem Korridor gelangt nun die eisige Luft mit Nord-Süd-Winden zu uns. Sonst hätten die West-Ost-Winde dominiert. Als Ausgleich fließe nun milde Luft nach Norden, was dazu führt, dass in Rejkjavik plus 10 Grad gemessen worden seien, während es hierzulande friert.

Und jetzt? Bleibt’s kalt, wird’s warm, wie wird das Wetter, Zaki? „Die meisten Meteorologen gehen davon aus, dass nach dem extrem kalten Dezember eine Milderung in den nächsten zwei Folgemonaten kommt.“ Na, das klingt doch nach warmen Händen und normalroten Lippen …

Auf, ab, auf, ab, von Konstanz keine Spur. Besonders ins Auge fallen beim Betrachten der Wetteraufzeichnungen bereits die Dezember der Jahre 1981, 1995 und 1996 – der vergangene Dezember aber schlägt dem sprichwörtlichen Fass den Boden aus. Er wartet auf mit mehreren Rekorden.

Sein Blick geht schon wieder nach vorn in wärmere Jahreszeiten und immer gen Himmel. Reinhard Zakrzewski. Er arbeitet in Lüneburg als Meteorologe und liebt Wetter in all seinen Ausprägungen. Foto: privat



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