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Wie der Oldendorfer Carnevals Club mit Jecken aus Aschersleben Freundschaft schloss

Diese Ost-West-Feier war einmalig

Hessisch Oldendorf/Aschersleben. Im Herbst 1989, als es laut Wilhelm Lutter in der DDR rumorte, an den Fall der Mauer aber nicht zu denken war, beschließt der Oldendorfer Carnevals Club (OCC) von 1972, Kontakte zu einem Verein in der DDR zu knüpfen. „Leider konnten wir auf der Landkarte kein zweites Oldendorf finden“, erzählt der damalige OCC-Präsident.

Hessisch Oldendorf/Aschersleben. Im Herbst 1989, als es laut Wilhelm Lutter in der DDR rumorte, an den Fall der Mauer aber nicht zu denken war, beschließt der Oldendorfer Carnevals Club (OCC) von 1972, Kontakte zu einem Verein in der DDR zu knüpfen. „Leider konnten wir auf der Landkarte kein zweites Oldendorf finden“, erzählt der damalige OCC-Präsident.
 Im Oktober macht Elferratsmitglied Klaus Gutsmann, für die neue Session auserkorener Prinz, die Bekanntschaft eines Ascherslebeners und fragt ihn, ob er nicht einen ostdeutschen Karnevalsverein kenne? „Der hat sofort vom Ascherslebener Carnevals Club ACC Union geschwärmt“, so Gutsmann. Telefonisch versucht er, Kontakt mit ACC-Präsident Karl Rücker aufzunehmen. „Das war schwierig, nur abends stand die Leitung“, erinnert er sich. Doch irgendwann klappt es. Rücker organisiert ein Treffen, zu dem Gutsmann ins Harzvorland fährt. Er verspricht, die Aktiven zum Karneval nach Hessisch Oldendorf zu holen. In einem Brief schreibt Lutter, dass der OCC mit dem ACC freundschaftliche Beziehungen eingehen und ihn zum Prinzenball einladen möchte. Keine Woche später schickt Rücker die Zusage, gesteht, dass man nicht geglaubt habe, dass ein Besuch im Westen möglich sei, und fügt hinzu, alle seien Feuer und Flamme.
 Ein Bus voller Ascherslebener reist im Januar 1990 zum Prinzenball an, dessen Programm im Zeichen des Mauerfalls steht: „DDR-Rothaut“ Günther Bausbach steigt in die Bütt und die „OCC-Diplomaten“ erleben noch einmal die Öffnung des Brandenburger Tores. „Diese Ost-West-Feier war einmalig“, lobt Gutsmann und liest aus seiner Prinzenrede vor: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall, in Deutschland gab’s den Mauerfall. Und zwischen Hessisch Oldendorf und Aschersleben, soll’s auch beim Karneval kein Grenz’ mehr geben.“ Bereits im Februar fahren 50 OCC-Jecken nach Aschersleben. Als „bewegend und aufregend“ bezeichnet „Diplomat“ Peter Zimmer diese für ihn erste Reise in den Osten Deutschlands „mit Kontrolle an der Grenze, vorbei an grauen Häusern mit vielen Satellitenschüsseln“. Er sagt: „Wir sind sehr herzlich aufgenommen worden, es war einfach toll.“ Unter dem Motto „Carneval grenzenlos“ geht die Prunksitzung im Kreiskulturhaus über die Bühne. „Der Abend ging mit Rambazamba los, es herrschte richtig Aufbruchstimmung, und es war, als würden wir uns seit 20 Jahren kennen“, erklärt Gutsmann.
 Weil die SED den Kirchen öffentliche Veranstaltungen untersagt hatte, wurde der ACC 1969 vom CDU-Kreisverband gegründet, gestalteten sich Feiern laut Rücker fast als reine Gemeindefeste. Nach Jahren des Schweigens können die Ascherslebener endlich über diejenigen herziehen, die dem Volk über Jahrzehnte einen Maulkorb verpassten. „Den Humor haben wir nie verloren, sonst hätten wir die schlimmen Jahre nicht überstehen können“, meinen ACC-Mitglieder und ergänzen: „Wir wären von der Stasi vom Rednerpult weg mitgenommen worden, wenn wir auch nur Ansätze unserer heutigen Büttenreden gebracht hätten.“
 Für ein Ende der Prunksitzung sorgt die Polizeistunde: „Wer da gerade auf der Toilette war, kam nicht in den Saal zurück, weil alle Türen abgeschlossen waren“, berichtet Zimmer und fährt fort: „Als meine Frau und ich zu unserer Unterkunft zurückkehrten, hatten die Vermieter geschlachtet und luden uns noch in der Nacht zum Schlachteessen ein.“ Nach dem Wiedersehen beim OCC-Prinzenball 1991 fließen vor der Heimreise sogar Tränen – „doch wir verabschiedeten uns in der Gewissheit: Uns trennt keiner mehr!“, steht in der Ascherslebener Narrenblatt-Sonderausgabe vom November 2009. Und weiter heißt es: „Wir bedanken uns beim OCC, dass ihr uns damals die Partnerschaft angeboten habt. Was aber noch schöner ist, dass darüber hinaus wahre Freundschaften entstanden sind.“ Erstmals werden in der Session 2013/2014 keine gegenseitigen Besuche mehr abgestattet. „In beiden Vereinen hat sich personell einiges getan, manche, die den freundschaftlichen Austausch angeschoben haben, sind inzwischen auch gestorben“, betont der amtierende OCC-Präsident Martin Knief und fügt hinzu: „Die neuen Vorstände müssen sich erst einarbeiten, dann werden die Fahrten sicher wieder reaktiviert.“ Am 9. November hat Wilhelm Lutter bei Karl Rücker angerufen. „25 Jahre Mauerfall – da haben wir natürlich noch mal zurückgeblickt.“ Von Annette Hensel

2 Bilder
Wilhelm Lutter mit Orden vom Ascherslebener Carnevals Club.



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