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Diese Menschen arbeiten ohne Konkurrenz

Gestärkt vom Mittagessen, setzt sich Wolfgang wieder an seine Werkbank. Für einen Büromöbelhersteller aus der Region montiert er höhenverstellbare Tischbeine. Während der 27-Jährige eine Schraube nach der anderen eindreht, Zahnräder fettet oder Bolzen einsetzt, bündelt Michael (27) für eine Herforder Firma immer fünf kleine Kinderspaten zu einem Paket. Cornelia (41) und Lydia (29) falten Pappschachteln, die sie für ein heimisches Unternehmen mit elektrischen Kleinteilen, Halterungen und einem Schraubensortiment füllen.

Autor:

Christiane Stolte

Gestärkt vom Mittagessen, setzt sich Wolfgang wieder an seine Werkbank. Für einen Büromöbelhersteller aus der Region montiert er höhenverstellbare Tischbeine. Während der 27-Jährige eine Schraube nach der anderen eindreht, Zahnräder fettet oder Bolzen einsetzt, bündelt Michael (27) für eine Herforder Firma immer fünf kleine Kinderspaten zu einem Paket. Cornelia (41) und Lydia (29) falten Pappschachteln, die sie für ein heimisches Unternehmen mit elektrischen Kleinteilen, Halterungen und einem Schraubensortiment füllen. Benno und Roland verkaufen im hauseigenen Kiosk belegte Brötchen, und Lothar nimmt in der Telefonzentrale Anrufe entgegen. Sie alle arbeiten in den neuen Werkstatträumen der Paritätischen Gesellschaft Behindertenhilfe (PGB) in Afferde. 570 Menschen finden bei der Behindertenhilfe in Hameln, abgestimmt auf ihre geistige oder körperliche Behinderung, eine sinnvolle Beschäftigung.

In der Werkstatt „Industrie-Service“ sind Menschen mit psychischem Handicap im Bereich Elektrotechnik, Montage und Verpackung, Digitalisierung, Archivierung sowie Kuvertieren beschäftigt. Die Gerd-Hahlbrock-Werkstatt für Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung ist spezialisiert auf Montage und Verpackung, Holz- und Textilbearbeitung. Die Palette der Dienstleistungen reicht von Bügel- und Näharbeiten bis hin zur Herstellung von Möbeln. „Als Dienstleister für Industrie, Gewerbe und Handel sind die Arbeitsbereiche der PGB breitgefächert“, erläutert Ulrich Hasenbruch, Leiter der Werkstätten in Afferde. Auch Eigenproduktionen wie Holz- und Töpferarbeiten gehören zum Angebot. Für ihre Tätigkeit werden die Behinderten nach Stückzahl entlohnt. Geld erhält die Paritätische Gesellschaft von der Arbeitsagentur, dem Sozialamt und den Rentenkassen. Nicht alle Menschen mit Behinderung, die in der Behindertenhilfe beschäftigt werden, sind in der Lage, am Arbeitsleben teilzunehmen. Sie werden dann in der „Tagesförderstätte“ betreut.

Welche Tätigkeit die Mitarbeiter ausüben, richtet sich nach ihren Fähigkeiten, Stärken und Neigungen. „Die Eingliederung in die Arbeit erfolgt über den Berufsbildungsbereich, in dem durch gezielte Bildung und Maßnahmen zur Persönlichkeitsförderung die Leistungs- und Erwerbsfähigkeit entwickelt, verbessert oder wiederhergestellt werden“, sagt Hasenbruch. Auch ein außerbetriebliches Praktikum, eine weiterführende Bildungsmaßnahme, die Vermittlung eines Außenarbeitsplatzes oder in den allgemeinen Arbeitsmarkt sei möglich. Die Vermittlung in die „normale Arbeitswelt“ komme zwar selten vor, sei jedoch ein langfristiges Ziel der Behindertenhilfe. Nur sehr wenige Firmen seien bereit, behinderte Menschen in ihren Betrieb einzugliedern.

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Auch in den Behindertenhilfe-Werkstätten Rinteln, Stadthagen und Obernkirchen werden die genannten Dienstleistungen angeboten. „Insgesamt beschäftigten wir in allen Werkstätten etwa 1200 Menschen mit Behinderungen“, rechnet Bernd Hermeling zusammen. Hinzu kommen etwa 285 Betreuer. Darüber hinaus unterhält die Behindertenhilfe diverse Wohneinrichtungen mit insgesamt 120 Plätzen – Außenwohngruppen, angemietete Einzelwohnungen – sowie in Stadthagen eine Fachschule für Heilerziehungspflege und eine Berufsfachschule Altenpflege. In Stadthagen ist ein Integrationsunternehmen in Form einer Großküche mit Bistro geplant.

Die Paritätische Gesellschaft Behindertenhilfe setzt pro Jahr etwa 26 Millionen Euro um. „Als Non-Profit-Organisation dürfen die Gesellschafter keine Gewinne erzielen“, erläutert der Geschäftsführer. Der Überschuss müsse dem Unternehmen zugutekommen. Als Gesellschafter fungieren der Paritätische Landesverband sowie die Lebenshilfe-Vereine in Stadthagen, Rinteln, Hameln und Springe. Insgesamt sind es etwa 150 Firmen, die die Dienstleistungen der TÜV-zertifizierten Werkstätten in Anspruch nehmen. Die Auftragszahl ist von der allgemeinen Wirtschaftslage abhängig. Das heißt, geht es den Firmen schlecht, spürt das auch die Behindertenwerkstatt.

„Die allgemeine Wirtschaftskrise im vergangenen Jahr hat auch uns zu schaffen gemacht, denn wir hatten etwa 20 Prozent weniger Aufträge“, sagt Hermeling. Zum Glück aber füllten sich die Auftragsbücher wieder. Die Konjunktur ziehe wieder an. Wenn auch mal eine Flaute herrschen sollte, Kurzarbeit gibt es nicht bei der Behindertenhilfe. Die Menschen mit Behinderung müssen dann anderweitig beschäftigt werden, denn nach Hause geschickt werden dürfen sie nicht.

Gibt es Konkurrenzunternehmen, mit denen die Werkstatt zu kämpfen hat? „Derzeit ist eine Konkurrenz für uns nicht deutlich spürbar“, betont Hermeling. Zumindest, was Werkstätten betreffe. Bei den Fachschulen hingegen sei eine Konkurrenz nicht ausgeschlossen, da es immer mehr Anbieter von privaten Fachschulen gebe.

In der Werkstatt in Stadthagen bauen die Arbeiter mit Bohrmaschine und Hammer ein Insektenhotel.Fotos: PGB Stadthagen

Während Michael (links) je fünf grüne Kinderspaten bündelt, montiert Wolfgang an seiner Werkbank höhenverstellbare Tischbeine.

Auch Menschen mit geistigen oder körperlichen Beeinträchtigungen sind glücklich, wenn sie arbeiten können, dabei Erfolgserlebnisse und den Kontakt zu Kollegen haben. Wenn sie wegen ihrer Behinderung keine Stelle auf dem regulären Arbeitsmarkt finden, bieten ihnen die Werkstätten der Paritätischen Gesell-

schaft Behindertenhilfe in Hameln, Obernkirchen, Rinteln oder Stadt-

hagen einen Platz und Hilfe.




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