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Diese Bücher erzählen vom eigenen Leben

Margarete Gröne aus Rinteln lebt im Seniorenheim Landgrafenstraße und wird dort auf der Station für demenzkranke Menschen betreut. Obwohl ihr Gedächtnis nicht mehr gut arbeitet, liest sie sehr gerne und hat immer einen Roman auf ihrem Nachttisch liegen. Das schönste Buch aber befindet sich in ihrem Schränkchen. Es ist ein großer Band mit vielen Fotos und einer Lebensgeschichte – ihrer eigenen. Dieses einzigartige Buch entstand unter den Händen der jungen Altenpflegerin Renate Koral. Oft, wenn Margarete Gröne Besuch hat, wird dieses „Erinnerungsalbum“ hervorgeholt und plötzlich gibt es ganz viel, worüber man miteinander sprechen kann.

Autor:

Cornelia Kurth

Die Idee, solche Biografien zusammenzustellen, kam Renate Koral, als sie während ihrer Weiterbildung im Bereich Geronto-Psychiatrie ein besonderes Projekt vorzuschlagen hatte, über das sie dann auch eine Arbeit schreiben würde. Zwar spielt die „Biografiearbeit“ im Umgang mit alten Menschen, die langsam ihre Geisteskraft verlieren, schon längst eine wichtige Rolle in der Altenpflege. Dass es aber sinnvoll sein könnte, nicht nur einen „Biografiebogen“ mit allen wichtigen Daten anzulegen, sondern ein schönes, anschauliches Buch zu gestalten, in dem die Bewohner eines Heimes, ihre Angehörigen und auch die Mitarbeiter immer wieder herumblättern können, das hat sich erst seit wenigen Jahren in einigen Seniorenheimen durchgesetzt.

So war Renate Koral durchaus auf sich allein gestellt, als sie mit ihrem Projekt begann. Sie fand keine Lehrbücher darüber, wie man so ein Erinnerungsalbum speziell für demente Menschen aufbauen könnte, hatte auch nirgends ein Beispiel aus anderen Seniorenheimen zur Hand, und in der Paderborner „In Via Akademie“, wo sie ihre Weiterbildung absolviert, hieß es aufmunternd: „Machen Sie das! Wir werden sicher alle davon profitieren.“

Ralf Ober, Leiter des Seniorenheimes in der Landgrafenstraße, unterstützte die junge Altenpflegerin in ihrem Anliegen. Dass es einigen Aufwand machen würde, war ihm klar: „Die alten Menschen mit Alzheimer oder Demenz können sich zwar oft noch gut an frühere Erlebnisse erinnern. Aber manchmal fehlen ihnen die richtigen Worte. Oder sie bringen die Reihenfolge des Erlebten durcheinander. Einfach mal schnell ein paar Daten abzufragen – so kann das nicht gehen.“

Deshalb verabredete sich Renate Koral mit den Angehörigen von bisher vier Bewohnerinnen, damit sie gemeinschaftlich alle wichtigen Informationen sammeln und ordnen könnten. Fotos, manchmal auch alte Briefe, wurden mitgebracht, und natürlich hatte die Altenpflegerin eine Reihe von Fragen vorbereitet. „Das Erinnerungsalbum soll ja keine dicke Biografie werden, kein ,Lebensroman‘“, meint sie. „Es soll zum Gespräch anregen, wenn man es sich zusammen anguckt. Und allen, die mit den alten Leuten zu tun haben, helfen, sie besser zu verstehen und auch, über ihre Wünsche und Vorlieben Bescheid zu wissen.“

Eckdaten über die Familiensituation, über den beruflichen Werdegang, Umzüge oder besondere Hobbys erfragte sie ebenso wie ganz einfache Dinge: „Mein liebstes Haustier“; „Mein Lieblingsessen“; „Musik, die ich immer gerne gehört habe.“ Oder dann auch: „Besonders schöne Erlebnisse mit meinem Ehemann“ und: „Meine Stärken – meine Schwächen.“ Es wurden lange Gespräche in der Familienrunde. „O ja, die alten Frauen hatten wirklich viel zu erzählen.“ Auch Tränen flossen so manches Mal dabei. „Aber es waren eigentlich Freudentränen. Schon nach den Gesprächen konnte man merken, dass es gelingen würde, das Leben als Ganzes zu sehen.“

Renate Koral ist keine Schriftstellerin. All die vielen Erlebnisse dampfte sie sozusagen ein, auf eine Quintessenz. Über den Ehemann steht dann da bei einer der alten Frauen: „Er war sehr gutmütig.“ Eine andere benennt ihre „Schwäche“ so: „Ich konnte nie Nein sagen!“ Und bei den Lieblingsgetränken heißt es bei einer Dritten schlicht: „Kaffee und Schluck!“ Da kann man sofort lachen und nachfragen, in welchen Situationen es denn wohl besonders viel Spaß gemacht hat, den „Schluck“ zu trinken. Eine der Befragten kann inzwischen fast gar nicht mehr sprechen. Sieht sich aber eine Pflegerin mit ihr zusammen das Erinnerungsbuch an, dann erkennt die alte Frau sich wieder und nickt und zeigt erfreut auf die Fotos.

Was die Alben besonders auszeichnet, ist die liebevolle Art ihrer Gestaltung. In Bastelgeschäften besorgt Renate Koral gebundene Bücher oder dicke Mappen mit Klarsichtfolien. „Die Folien sind abwaschbar, das hat seine Vorteile, wenn eine Bewohnerin gar nicht merkt, dass sie beim Umblättern noch Marmelade an den Fingern hat“, so Koral. Bücher und Mappen schmückt sie mit geschickter Hand, die Blätter haben die Lieblingsfarbe der jeweiligen Person, sie sind nicht nur mit Fotos beklebt, sondern auch mit kleinen Ornamenten, Herzchen, Glitzersteinen. Die Schrift sieht fast aus wie handgeschrieben, das ist mit dem PC kein Problem.

Dadurch entstehen ausgesprochen individuelle und durchweg sehr berührende Biografien. Ein alter, schon ganz in sich zusammengesunkener Mensch am Ende seines Lebens ersteht noch einmal in seiner Stärke auf. Schön eingerahmt auf dem Titelblatt erscheint ein ausdrucksvolles Foto, junge Frauen, die lächelnd oder ernst in die Kamera sehen; die ihren Mann auf dem Tanzboden oder in derselben Fabrik kennenlernten, die im Arbeitsdienst Kühe melkten, in der Zuckerfabrik arbeiteten, Haushaltshilfe bei Amerikanern waren oder zu denjenigen gehörten, die in Rinteln die „Lebenshilfe“ mit aufbauten. Frauen, die es liebten, Schnippelbohnen zu essen, auf Volksmusikkonzerte zu gehen, lange Wanderungen zu machen oder im Sommer ans Meer zu fahren.

Nichts Spektakuläres, gewiss. Aber alles Dinge des Lebens, die den Menschen zu einer Persönlichkeit machen, Menschen, die ohne so ein Buch nur „Irgendwer“ zu sein scheinen, weil sie vielleicht nicht mehr schaffen, ohne solche konkreten Anhaltspunkte Auskunft über sich zu geben.

Das Wissen um die Biografie von Seniorenheimbewohnern gehört zu einem noch relativ jungen Konzept des Umgangs mit dementen alten Menschen. Wer unter Alzheimer leidet oder unter allgemeiner Altersgeistesschwäche, hat die Alltagsorientierung oft so sehr verloren, dass er nicht mehr begreift, wo er sich eigentlich befindet. Wenn aus dieser Geistesschwäche heraus schwierige Situationen entstehen – jemand will längst verstorbene Angehörige besuchen oder zurück nach Hause gehen oder sich auf den Weg zur Arbeit machen – dann hat man früher meistens versucht, die Betroffenen in die Realität zurückzuholen und ihnen die Grenzen ihres Alltags mit Argumenten klarzumachen. „Das kann zu richtigen Wut- und Verzweiflungsanfällen bei den alten Menschen führen“, sagt Koral.

Heute geht man einen ganz anderen Weg. Statt zu korrigieren und zurechtzuweisen, greifen die Pfleger die Wünsche der demenzkranken Menschen auf wie ein Stichwort zu einem Gespräch. „Sie haben sehr gerne in der Zuckerfabrik gearbeitet, nicht wahr?“ könnten sie sagen, wenn jemand glaubt, er werde dringend an seinem Arbeitsplatz gebraucht. Oder: „Ihr Mann war ein richtig Guter!“, wenn die alte Frau glaubt, sie müsse ein Essen für den längst Toten kochen. Je mehr die Mitarbeiter im Seniorenheim über ihre Bewohner wissen, desto leichter ist es für sie, den richtigen Ton zu treffen und verwirrte Personen unterm Arm zu fassen, um sie zurück an ihren Platz zu bringen. Dort wartet dann das Erinnerungsbuch, bestens dafür geeignet, wieder etwas Ruhe und Ordnung in die Gedanken und das Lebensgefühl zu bringen.

„Validation“ nennt sich diese Vorgehensweise, die man auch mit dem Ausdruck „positive Rückmeldung“ umschreiben könnte. Es geht darum, sich auf die Gefühlswelt der Erkrankten einzulassen und diese als real und subjektiv angemessen zu begreifen. Nur dadurch können die kranken alten Menschen spüren, dass sie angenommen sind und sich letztlich doch an einem Ort befinden, wo man auf sie eingeht, sie bestätigt, sie wahrnimmt nicht als Verrückte, sondern als Persönlichkeiten, die gute innere Gründe für ihre Gefühlsausbrüche haben.

Renate Koral hat inzwischen flinke Übung gewonnen, ihre Erinnerungsalben herzustellen. Schon manches Mal wurde sie von ihren Kollegen an der Weiterbildungsakademie gefragt, wie man denn so etwas macht. Nach und nach sollen an ihrem Arbeitsplatz für möglichst alle Bewohner diese Bücher entstehen. Wer sie sich ansieht, auch von Menschen, die er gar nicht kennt, wird automatisch in eine Lebensgeschichte hineingezogen. „Zur Erinnerung für meine Angehörigen“, so heißt immer der letzte Satz auf der letzten Seite der Alben: „In Liebe.“

„Erinnerungsalben“ sollen alten Demenzkranken helfen, ihre eigenen Erinnerungen festzuhalten. Sie können so ihr vergangenes Leben je nach Belieben besichtigen. Es sind einzigartige Bücher, die auch manch verstummten Menschen helfen, wieder Gefühle zu zeigen.

In „Erinnerungsalben“ wie diesen hier werden die großen Stationen eines Lebens festgehalten. Aber auch vermeintlich banale Sachen wie das Lieblingsessen oder die Lieblingsmusik finden hier ihren Platz. Die Bücher enden immer gleich, mit dem kleinen Schlusssatz: „In Liebe“.




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