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Warum es sich für passionierte Skifahrer lohnt, zum Skifahren in die Rocky Mountains zu fliegen

Die Wildwest-Spielwiese für Wintersportler

Jaja, Champagnerschnee. Schon viel davon gehört. „Champagne Powder“, wie sie hier in Colorado sagen. Trocken wie Puderzucker, federleicht und fluffig wie … naja, es soll nichts Vergleichbares geben, sagt man. Deshalb soll man ja auch unbedingt mal hierher kommen, um darauf den Berg hinunterzufahren, sagt man. Also tun wir das.

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Autor:

Rüdiger Meise

Vier, fünf Pisten lang schwingen wir munter die Hänge oberhalb von Vail hinab und versuchen, Pat zu folgen. Mit halsbrecherischer Geschwindigkeit carvt unser einheimischer Guide über die breiten Schneisen im dichten Espenwald, aber wir haben keine Mühe, ihm zu folgen: Der Schnee ist leicht und griffig, Eisplatten gibt es nicht. Die Berge um uns herum sehen aus wie ein überdimensioniertes Mittelgebirge: keine Felskathedralen wie in den Dolomiten, keine Gletscherzungen, kaum Steilhänge. Dass die sanften Gipfel um uns herum 3500 Meter hoch sind, merken wir nur an der dünnen Luft.

Auf dem Kamm des Vail Mountain stoppt Pat. „Okay, Guys“, sagt er in typisch amerikanischem Kommandoton. „Ihr habt gesehen, dass unsere Pisten breit, sicher und gut zu fahren sind. Das reicht. Jetzt zeige ich euch, wofür ihr hier seid: Time for Tree-Skiing!“

Mit diesen Worten stürzt sich Pat in den berühmten China-Bowl hinab, eine der sieben Tiefschneeschüsseln, für die Vail berühmt ist. Wir schauen ihm nach, sehen seinen weißen Helm im weißen Pulver verschwinden, dann jagen wir hinterher, in Schwüngen, die erstaunlich leicht gelingen – dank des Champagerschnees. Pat biegt ab in den Wald. Auch wir zischen zwischen den Bäumen hindurch, ducken uns unter Ästen, weichen Felsen aus. Berauschend. Anfängliche Vorsicht weicht Euphorie, denn in diesem Schnee geht alles. Wohin mit so viel Adrenalin?

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Am Fuß des Hangs erwartet uns Pat mit einem breiten Grinsen. Ein paar jauchzen laut, der Rest ringt nach Luft. Pat hebt Schnee auf, pustet hinein und der Powder fliegt in der Luft. „You want some more Tree-Skiing?“ Keine Frage. Und ob!

Erschöpft und zufrieden sitzt Pat nach Liftschluss vor einer Bar am Feuer. Er weiß, er hat einen guten Job gemacht, seine Gruppe ist begeistert. Jetzt kommt der schwierigere Teil des Tages: Während die ersten Sterne am Himmel über Colorado leuchten, muss er das Umweltschutzgewissen der Gäste beruhigen: Nein, der Wald leide nicht unter den Skifahrern, denn der Schnee liege sehr hoch. Flora und Fauna seien intakt, er habe noch nie einen Bären umgefahren. „Der Wald wird uns alle überleben.“ Außerdem müssten die Menschen die Natur erleben, damit sie lernen, was sie schützen müssen – ein Ansatz, den auch der Alpenverein vertritt. Zum beheizten Straßenpflaster der Fußgängerzone in Beaver Creek sagt er besser nichts.

Pat bestellt noch eine Runde. „Spätestens morgen werdet ihr wissen, was ich meine.“ Für den nächsten Tag steht „Cat-Skiing“ auf dem Programm. Kein Umkurven von Katzen, sondern die umweltfreundliche Variante von Helikopter-Skiing: Eine Caterpillar-Pistenraupe soll uns zu unberührten Tiefschneehängen abseits des Skigebiets bringen. Aber erst einmal genießen wir den Abend bei Burgern und Bier und der entspannten Musik von Singer-Songwritern. Der Partylärm der Alpen-Skigebiete scheint mindestens so weit weg wie er tatsächlich ist.

Es ist der „American Way of Skiing“, der in Vail gelebt wird: Der ganze Berg ist Spielwiese für Wintersportler. Das Liftpersonal grüßt nach Stunden in der Kälte noch mit warmen Worten, kostenlose, frischgebackene Kekse versüßen Wartezeiten. Am Eingang von Skihütten drücken fröhliche Servicekräfte überraschten Europäern Taschentücher in die Hand. Das alles soll dem Gast das Gefühl vermitteln: Du hast Urlaub. Entspann dich. Dafür ist Vail in den frühen 60er Jahren als Skiort gegründet worden. Hier wurden nicht Landwirte zu Hoteliers. Hier waren von Beginn an Tourismusprofis am Werk.

Vail ist mit mehr als 200 Pistenkilometern das größte Skigebiet der USA – und ein einziges Unternehmen. Das Ensemble gehört zur Vail Resorts Management Company – ebenso wie die benachbarten Orte Beaver Creek und Breckenridge, das elitäre Aspen und das Glücksspielparadies Heavenly am Lake Tahoe auf der Grenze zwischen Kalifornien und Nevada. Und wie Keystone.

Am nächsten Morgen ist die Luft klar über dem Skigebiet von Keystone. An der Gipfelstation des Dercum Mountain warten die Jungs von der Ski-Patrol. Steve, James, Brant und Mitch, durchtrainierte Kerle mit Vollbärten – irgendwo zwischen Baywatch und ZZ Top. Die vier sind zugleich Bergführer der „Keystone Adventure Tours“ und verantwortlich für die Sicherheit des Skigebietes. Gegen fünf Uhr morgens beginnt ihr Tag mit Wetterauswertung. Ab 6.30 Uhr besichtigen sie die Hänge, sprengen Lawinen oder sperren Areale ab. Falls beim Cat-Skiing etwas passieren sollte, sind wir in guten Händen.

James, ein Typ, der aussieht, als würde er seinen Burger roh essen, verspricht uns „a lot of fun“. Aber zuvor passt er noch die „Fat Boys“ an, die breiten Tiefschneeski, erklärt die Lawinenpiepser und lässt uns unterschreiben, dass wir wissen, was uns passieren kann: Felsstürze, Lawinen, Erfrierungen und Unfälle aller Art. Dann kann’s losgehen. Mit fauchendem Dieselmotor und Reggaemusik aus den Boxen klettert die Pistenraupe die Berge hinauf. In 3900 Metern Höhe steigen wir aus, lassen die Bindungen der „Fat Boys“ zuschnappen und stürzen uns hinein ins Tiefschneeparadies. Überschäumende Glücksgefühle.

Nach der letzten Abfahrt des Tages sitzen wir erschöpft in dünner Luft in der Pistenraupe, unsere vier Guides machen noch immer Späße. „Jetzt lasst uns Bier trinken und Lügen erzählen“, dröhnt James lachend. Aber Lügen erzählen muss man gar nicht nach einem solchen Erlebnis.

Die Sonne ist längst untergegangen, als wir diesen Tag ausklingen lassen, ganz im Stil des American Way of Skiing: Im heißen Jacuzzi des Hotels unter freiem Himmel. Ein Gasfeuer verbreitet warmes Licht in klirrender Kälte, im Hintergrund singt leise Bruce Springsteen und Schneeflocken, die ins Wasser fallen, lösen sich in einem Strauß winziger Luftblasen auf. Fast so, als würde man in eine Handvoll Champagnerschnee pusten.

Steile Pisten, pudriger Schnee, spektakuläre Abfahrten – und das alles in genussvoller Einsamkeit: Die Rocky Mountains halten, was sie Skifahrern versprechen.

Fotos: Wilkes, Meise (2)

Damit der Spaß auch sicher bleibt, verteilen die Jungs von der Ski-Patrol Lawinenpiepser, die im Notfall beim Bergen verschütteter Skifahrer helfen.



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