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Kali-Industrie der DDR belastete Weser

Die Wende im Fluss

Weserbergland. „Feste wie flüssige Rückstände wurden in die Werra geleitet“, erklärt Michael Wudonig, Sprecher des Düngemittelherstellers K+S. Umweltschutz stand in der DDR auf der Prioritätenliste nicht ganz oben – die Lagerung der Rückstände aus der Kali-Produktion unter Tage wurde bereits in den 1960er Jahren aufgegeben. Dem Verpressen der Lauge stand die DDR ablehnend gegenüber – mit der Begründung, es begünstige die Erdbebengefahr. Im März 1989 kam es zu einem Gebirgsschlag – in einer thüringischen Kaligrube waren Stützpfeiler eingesackt. Die Decke über einer Fläche von rund sechs Quadratkilometern stürzte ein – Seismografen rund um die Welt registrierten das Beben. Für die DDR war der Übeltäter schnell gefunden: die Firma Kali und Salz AG im westdeutschen Kassel – das passte dem Regime auch politisch ins Kalkül.

Eine große Abraumhalde, die in Niedersachsen oder Hessen heute noch mancherorts als imposanter „Monte Kali“ das Landschaftsbild prägt, „gibt es im Osten nicht“, sagt Wudonig. Die Halde der DDR-Werke war die Werra. Ein „dunkler stinkender Wasserlauf, auf dem Schaum trieb“ – so wurde die Werra zu DDR-Zeiten beschrieben. Grenzwerte für Chlorid waren nur theoretisch vorhanden. Spitzenwerte von bis zu 40 000 mg/l Chlorid wurden damals gemessen. Das ließ auch die Weser nicht unberührt: von einem massenhaften Fischsterben wurde berichtet – in Karlshafen waren es sechs Tonnen Fischkadaver pro Hektar Wesergrund.

Nach der Wende war damit Schluss. In Thüringen machten Gruben dicht, K+S sorgte mit Millionenhilfe von Bund und Ländern, neuer Technik sowie Salzlaststeuerung dafür, dass die Abwassereinleitung sich gleichmäßiger den Fluten im Fluss anpasste. Doch es dauerte noch mehrere Jahre, bis der Wert unter die sogenannte biologische Störschwelle sank.

Trotz sinkender Werte ist das Thema Weserversalzung heute noch heiß umstritten – auch politisch. Diesmal stehen sich allerdings nicht Ost und West unversöhnlich gegenüber, sondern die betroffenen Bundesländer Nordrhein-Westfalen (NRW), Hessen und Niedersachsen. Sie konnten sich bislang nicht auf ein gemeinsames Vorgehen verständigen – obwohl deren Umweltminister alle der gleichen Partei (Grüne) angehören.

Die Weser hatte schon immer einiges auszuhalten – doch zu DDR-Zeiten war die Belastung durch die Industrie viel größer als heute. Dana

Wohin also mit der Salzlauge? Jeder hat eigene Interessen zu vertreten. Johannes Remmel, Umweltminister in NRW, will am Bau der Nordseepipeline festhalten, welches der niedersächsische Kollege Stefan Wenzel vehement ablehnt. Hessen will in die Oberweser einleiten – was Anrainer wiederum auf die Palme bringt. Zu lange Zeit dürfen die Politiker sich allerdings nicht lassen: Die EU könnte sonst ein millionenschweres Vertragsverletzungsverfahren einleiten.

Welche Lösung sich auch immer am Ende durchsetzt – Chlorid-Spitzenwerte, wie zu DDR-Zeiten sind in Werra und Weser sicherlich nicht mehr zu erwarten.




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