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Viel gab es im Weserbergland zu entdecken / Zwei Tage aus der Beschreibung von Friedrich Ehrhart

„Die Weibspersonen klöppelten Spitzen“

Ein Fußmarsch von Hannover über Springe, Hameln, Pyrmont, Lügde bis Elbrinxen in zwei Tagen und dabei noch die vielfältige Flora dieser Gegend auf neue Exemplare zu durchforschen, ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Auch vor knapp 250 Jahren war das wohl kaum anders, obwohl damals die Bürger ja noch gewöhnt waren, so manche Wegstrecke zu Fuß zurücklegen zu müssen.

VON CHRISTIAN MEYER-HERMANN

Ein Fußmarsch von Hannover über Springe, Hameln, Pyrmont, Lügde bis Elbrinxen in zwei Tagen und dabei noch die vielfältige Flora dieser Gegend auf neue Exemplare zu durchforschen, ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Auch vor knapp 250 Jahren war das wohl kaum anders, obwohl damals die Bürger ja noch gewöhnt waren, so manche Wegstrecke zu Fuß zurücklegen zu müssen. Für Friedrich Ehrhart, der 1742 in Holderbank in der Schweiz geboren wurde, erfolgte diese ausgreifende Exkursion primär aus wissenschaftlichen Gründen. Längst war er bekannt als bedeutender Naturforscher, der es nicht nur verstand, neue Pflanzen zu entdecken, sondern diese auch präzise zu beschreiben und nach Familien zu ordnen. Auch seine Majestät König Georg III. gleichzeitig Kurfürst von Hannover, hatte von dem in seiner Residenz ansässigen und an der Andreaschen Apotheke als Provisor tätigen Botaniker gehört und nahm ihn 1783 mit 180 Talern Gehalt und freier Wohnung in Herrenhausen in seine Dienste als „Botanicus“. Seine neue Aufgabe war die Erkundung der näheren und weiteren Umgebung Hannovers. So gehörten von Stund an die täglichen Fußmärsche von 30 km bis 50 km zu Ehrharts Forscheralltag. Alles, was keimte, grünte und blühte, ob im Harz, der Heide, im Weserbergland, ja, auch im fernen Kurland bis nach Bentheim, wurde von ihm „feinstens registriert und rubriziert“. Natürlich zog es ihn auch häufig über den

Deister zum Süntel und besonders gerne zum Hohenstein hinauf, wo er nicht nur die außergewöhnliche Fernsicht genoss, sondern über 90 neue, meist seltene Pflanzenarten entdeckte.

Doch nicht nur seine „Beiträge zur Naturkunde und den damit verbundenen Wissenschaften“ in sieben Bänden, in denen alles systematisch aufgezählt ist, was er bei seinen zahlreichen Erkundungen je erspäht hatte, erinnern noch heute an Ehrhart. In seiner „Reisebeschreibung“ der oben bereits erwähnten Exkursion von Hannover nach Driburg vermittelt er uns zusätzlich ein lebendiges Bild unseres Lebensraumes, wie er sich damals präsentierte.

2 Bilder

Gemeinsam mit dem gerade zum Dr. phil. promovierten Jan van Geuns, der später auch mit Alexander von Humboldt eine Erkundungstour durch Hessen unternahm, begann am 12. August 1789 in den frühen Morgenstunden der auf eine Woche geplante Marsch. Dichter Nebel behinderte die Sicht der Wanderer, sodass sogar der ortskundige Ehrhart die Orientierung am Deister verlor. Doch dann klarte es auf, das Städtchen Springe mit 200 Feuerstellen war bald erreicht. „Scheinen ziemlich fleißige Leute zu sein“, meinte Ehrhart, denn die Straße zum Amtshause war mit Obstbäumen bepflanzt, „welches in diesem Lande etwas Seltenes ist“. Bald nach Springe rasteten die beiden am Fuße des Raher Berges und genossen das vortreffliche Wasser am „berühmten“ Hallerbrunn nahe dem Jagdschloss Saupark.

Beim Weitermarsch auf Hameln zu galt Ehrharts Aufmerksamkeit erneut den vielen jungen Obstbäumen. Sie waren auf Befehl des Kurfürsten den Bauern von Hachemühlen und Rohrsen geschenkt worden. „Denn das Hannoversche hat, im ganzen genommen, noch immer großen Mangel an Obst, und ich habe Oerter gesehen, wo nicht ein einziger guter Obstbaum zu finden war“, erläutert Ehrhart seinem Begleiter. Von Hameln berichtet er: „Dass es die Vierte unter den großen Städten des Fürstentums Calenberg ist, achthalb hundert Feuerstellen hat, in einer vortrefflichen Gegend an der Weser liegt, worüber hier eine schöne Brücke gebauet ist, wird den mehrsten bekannt sein. Vermutlich wissen meine Leser auch, dass hier gute Fabriken sind und viele Lachse gefangen werden, deren Fang jährlich 1400 Rthlr. Pacht thun soll. Es ist hier auch eine Freimaurerloge und ein Apotheker namens Westrumb, der seinesgleichen in Deutschland sucht.“

Nach kurzem Verweilen zogen beide auf der Klütseite am Fort George vorüber, ohne die Festung näher zu beachten. Da sie nämlich einige Bücher bei sich trugen, mussten sie fürchten, für Spione gehalten zu werden. Dennoch hielten beide am Berghang Ausschau nach seltenen Pflanzen und registrierten, was sie dort vorfanden. Ehrhart bedauerte allerdings, dass er seinem Freund die „auf der anderen Seite des Berges wachsende seltene rotbeerige Zaunrübe“ wegen Mangel an Zeit nicht zeigen könne. Es dämmerte inzwischen und so schritten sie zügig aus, um noch ihr Nachtquartier in Groß Berkel zu bekommen.

Am nächsten Morgen begannen beide ihre Tour wieder in aller Frühe, denn bevor sie nach Pyrmont zogen, beabsichtigte Ehrhart, seinem Freund den „berühmten“ Garten auf Gut Schwöbber zu zeigen. Und in der Tat war Mijnheer van Geuns beeindruckt von dem englischen Park, den Freiherr Otto von Münchhausen, Landdrost des Fürstentums Calenberg, (1716-1776) als begeisterter Naturfreund, Gartenarchitekt und Ökonom als Erster in dieser Gegend hatte anlegen lassen. Eine vielseitige Sammlung von wunderbaren Buschhölzern wie Rhododendren und Azaleen von beträchtlicher Größe konnten die beiden bewundern. Ähnliches finden wir heute auf dem Ohrberg, wo seinerzeit Georg Adolph von Hake (1779-1840) in ausgedehntem Stile die zwanglose Anpflanzung schöner Gehölze aus zahlreichen Ländern der Erde vornehmen ließ. In Schwöbber besuchten beide natürlich noch die Orangerie. Sie bewunderten die „Menge Varietäten von Pomeranzen, Citronen und Pompelmusen“ und in einem Glashaus eine Menge Gewächse, die hier ähnlich groß gewachsen waren wie in deren Herkunftsland. Es ging schon gegen Mittag, als sie ihren Fußmarsch wieder aufnahmen. Nach einer kurzen Rast in Ärzen „bei einem guten Wirt dicht bei der Kirche“, erreichten sie nach einer Stunde das europäische Modebad. Sie schauten in die Schwefelhöhle, tranken „Säuerling“, hörten vortreffliche Musik und trafen Freunde, darunter den Markgrafen Carl Friedrich zu Baden-Durlach („für den ich schon viele Jahre die größte Hochachtung habe“). Sie nahmen den Trinkbrunnen in Augenschein, besuchten den Brudelbrunnen, den alten oder niedern Bade- und den Augenbrunnen. Nahmen auch von jedem Wasser einen kräftigen Schluck. Von den Anlagen zeigte sich Ehrhart nicht sonderlich begeistert. Er schreibt: „Das Bosquet ist so ziemlich; bei einem Brunnen aber, wo so viele Liebhaber und Kenner von geschmackvollen Gartenanlagen sich aufhalten, sollte billig etwas ganz anders sein. Es wäre auch nicht schwer, an einem Orte, wo die Natur der Kunst so sehr die Hand bietet, ein paar gute Alleen, Gruppen, Lustgebüsche usw. anzulegen.“

Rasch war die Zeit vergangen, da sie nicht in Pyrmont übernachten wollten, eilten sie noch kurz zu dem fürstlich Waldeckschen Salzwerk in Ösdorf (Pyrmont), bevor sie nach Lügde weiter zogen. Ehrhart berichtet von dem Salzwerk: Es stehen dort vier Gradierhäuser und vier eiserne Pfannen, „worin die Sole mit Holz zu Salz gesotten wird … Jeder Sud gibt gewöhnlich 130 Kisten Kochsalz, die Kiste zu 3 Himten gerechnet.“ Eine Kiste enthält also ungefähr 94 Liter.

Zur Abendstunde erreichten sie Lügde. Von hier notiert Ehrhart: „Die Weibspersonen saßen vor den Thüren und klöppelten Spitzen“. Und bei der uralten Kirche stellt er fest, dass die schöne Efeubekleidung des Turmes im letzten bitterkalten Winter (1788/89) erfroren war. Mit Lügde hatten die beiden Wanderer ihr Tagesziel immer noch nicht erreicht, Nachtquartier wollten sie nämlich erst in Elbrinxen nehmen, das sie schließlich reichlich müde bei Dunkelheit erreichten.

Hameln mit der Weserbrücke rund 40 Jahre nach Ehrharts

Überquerung: Stich von Stietz um 1830.

Unterhalb der Klütfestung mit Blick

auf Hameln um 1800 von W. Strack.




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