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Was der Mindener Bischof Anno (1170-1185) zur Stärkung des Stifts Obernkirchen unternahm

Die Vormachtstellung des Bistums

Es gibt nur ganz wenige heimische Verwaltungsanordnungen aus der Zeit des Mittelalters, die auch heute noch – über den Kreis der studierten Fachleute hinaus – bekannt und populär sind. Eine davon ist eine vor 830 Jahren vom damaligen Mindener Bischof Anno (1170-1185) erlassene Verfügung zur Stärkung und Stabilisierung des Stifts „Querenkircken (Obernkirchen). Der Grund für das anhaltende Interesse hat jedoch weniger mit dem Inhalt der Regelung, sondern vielmehr mit einer in diesem Zusammenhang veröffentlichen Auflistung von Ortsnamen zu tun. Erwähnt sind die Ortschaften „Velden“ (Vehlen), „Hursten“ (Kirchhorsten), „Lerbiki“ (Lerbeck), „Tancardesheim“ (Dankersen bei Minden), „Petisse“ (Petzen), „Bremen“ (Kleinenbremen), „Geneteburch“ (Jetenburg), „Meinhusen“ (Meinsen), „Merbiki“ (Meerbeck), „Sulbiki“ (Sülbeck) und „Broke“ (gemeint ist der Adelssitz Bruchhof bei Stadthagen).

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Für die elf genannten Siedlungen ist das 1181 abgefasste bischöfliche Pergament ein bedeutsames Zeugnis aus der Frühzeit der dörflichen Entwicklungsgeschichte. Für die Petzer, Kleinenbremer und Meinser stellt das Dokument darüber hinaus eine Art „Geburtsurkunde“ dar. Wenn man den vorliegenden Chroniken Glauben schenken darf, sind die drei Orte – anders als zum Beispiel Meerbeck (Ersterwähnung 1013), Vehlen, Sülbeck und Bruchhof (jeweils 1055) sowie Kirchhorsten und Jetenburg (beide 1153) – zuvor nie in alten Aufschreibungen aufgetaucht.

Laut Anno-Dekret gab in den elf Orten damals bereits Kirchen. Die „Capelli“ hätten „von alters her“ zum Einzugs- und Einflussbereich des Stifts Obernkirchen gehört, ist zu lesen. „Dadurch, daß wir sie auf diese Weise zurückrufen, vereinigen wir die lange von ihrer Mutter getrennt gewesenen Töchter wieder“.

Was hier so blumig umschrieben wird, hat in Wahrheit mit dem weiteren Ausbau der Vormachtstellung des Bistums in der hiesigen Region zu tun. Knapp 20 Jahre zuvor waren dem Stift bereits die Rechte und Pflichten einer Verwaltungsfiliale („Archidiakonat“) übertragen worden. Der Probst hatte – als verlängerter Arm des Bischofs – Steuern und Abgaben einzutreiben und die Pfarrer zu überwachen. Der Zuständigkeitsbereich entsprach in etwa dem Gebiet des altsächsischen, südlich der Weserbergkette gelegenen Bukkigaus. Weitere Archidiakonate im und für den Bereich der heutigen Grafschaft Schaumburg waren zuvor bereits in Apelern und im südlich von Hameln gelegenen Wesen (heute Kirchohsen/Gemeinde Emmerthal) eingerichtet worden. Zu Apelern gehörten unter anderem die Kirchspiele Grove (Rodenberg), Nenndorf, Hohnhorst und Lindhorst. Der Verwaltungsfiliale waren – zumindest zeitweise – die heimischen Pfarren Steinbergen, Deckbergen, Kathrinhagen, Hattendorf, Segelhorst, Oldendorf, Weibeck, Fischbeck, Fuhlen, Großenwieden, Hohenrode und Exten zugeordnet.

Begonnen hatte der Aufstieg Mindens mit der Ernennung zum Bischofssitz durch Karl den Großen Ende des 8. Jahrhunderts. Mit Unterstützung der als erste zum Christentum bekehrten sächsischen Edelinge (Adlige) konnte der Einflussbereich immer mehr ausgedehnt werden und reichte schließlich vom Dümmer See und dem Wesertal zwischen Polle und Nienburg bis nach Hannover, Celle und Soltau. 961 hatte Kaiser Otto I. dem Bistum die Reichshoheit verliehen, 977 dessen Nachfolger Otto II. die geistlichen Machthaber mit dem Markt-, Münz- und Zollrecht ausgestattet.

In schneller Folge wurden (Nonnen-) Klöster und Kirchen errichtet. Als erste Bethäuser dienten schlichte Holzkapellen, die vorzugsweise auf den früheren sächsisch-heidnischen Kultstätten aufgestellt wurden. Eine entscheidende Rolle bei der Ausdehnung in Richtung Osten spielten zwei Vorgänger Annos – die Bischöfe Sigward (1120-1140) und Werner (1153-1170). Der vermutlich wegen seiner Herkunft als „Werner aus Bückeburg“ in die Geschichte eingegangene Mindener Oberhirte hatte unter anderem die Einverleibung des Klosters Loccum (1163) betrieben und vier Jahre später das Stift Obernkirchen gegründet.

Das Original der Urkunde seines Nachfolgers Anno aus dem Jahre 1181 wird heute im Staatsarchiv Münster aufbewahrt. Es ist stark beschädigt. Ursache soll ein Brand in den bischöflichen Kemenaten gewesen sein. Wegen der rechtlichen Bedeutung der Schrift wurden mehrere Versuche unternommen, den Ursprungstext zu rekonstruieren. Von heimischen Geschichtsinteressierten wird meist eine im 16. Jahrhundert angefertigte, heute im Staatsarchiv Bückeburg aufbewahrte Kopie zitiert.

Bei den Wiederherstellungsbemühungen kam es zu unterschiedlichen „Interpretationen“. Abweichungen finden sich insbesondere in der Auflistung der zur Beurkundung erschienenen Zeugen. Historischer Hintergrund: Mangels Briefpost und Kopiergeräten wurden, um die ordnungsgemäße Verbreitung und Anwendung der Weisungen sicherzustellen, zum feierlichen Unterzeichnungsakt alle wichtigen und/oder betroffenen Persönlichkeiten eingeladen. Dazu zählten hierzulande im 12. Jahrhundert die edlen Herren von der Schaumburg, von Roden (bei Hessisch-Oldendorf), von Arnheim (alte Bückeburg), vom Berge (Hausberge), von Grove (Rodenberg) und von See (Wiedensahl) sowie der Familienclan Mirabilis mit seinem Hauptsitz Bruchhof bei Stadthagen.

Das Anno-Dekret von 1181 wurde von mehr als 30 Zeugen beglaubigt. In Minden mit dabei waren unter anderem Conradus de Schowenburg (Konrad von Schaumburg), Hermannus von Arnheim (Hermann von Arnheim), der Stiftprobst Heinricus und die meisten Inhaber der dem Stift neu zugeordneten Pfarrstellen.

Über Jahrhunderte hinweg wurde das heutige Schaumburger Land von den Mindener Bischöfen beherrscht. In der Domschatzkammer werden Relikte aus dieser Epoche aufbewahrt.



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