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Das kleine Programm, mit dem jeder im Internet mitreden kann, ist zehn Jahre alt

Die vielen Gesichter von Wordpress

Was haben das Gymnasium Ernestinum, Pepsi, der Hamelner Schachverein, Ebay und der Turnsportverein Krankenhagen gemeinsam? Sie alle setzen bei ihren Online-Auftritten auf das gleiche Werkzeug: „Wordpress“. Dieses kleine Programm, das kürzlich seinen zehnten Geburtstag feierte, hat in den vergangenen Jahren eine fulminante Erfolgsgeschichte hingelegt und die Welt des Internets nachhaltig verändert. Laut Wordpress soll jede sechste Seite im Internet Wordpress benutzen. 66 Millionen Mal soll Wordpress bisher installiert worden sein.

Autor:

von Jakob Gokl

Dank Programmen wie Wordpress war es nie so einfach wie heute, eigene Texte ins Internet zu stellen. Und die Auswirkungen auf die Gesellschaft sind enorm. Der Einfluss dieser sogenannten „Blogs“ auf die aktuellen gesellschaftlichen Umstürze, wie beispielsweise den arabischen Frühling, darf nicht unterschätzt werden. Daher versuchen Regime auf der ganzen Welt nicht ohne Grund, mit allen Mitteln ihren unterdrückten Bürgern den Zugang zum Internet und unabhängigen Blogs zu nehmen.

„Wirklich jeder kann Wordpress bedienen“, betont Jens Sagolla von unserem Hamelner Schwesterunternehmen Medien 31, das für den Internetauftritt unserer Zeitung verantwortlich ist. Genau deswegen hätte sich dieses System so rasant verbreiten können, erklärt der Experte. Es ermöglichte der breiten Masse, mit geringen Mitteln ihre eigenen Websiten zu erstellen. So kamen nicht nur der Hamelner Schachverein und der Turnsportverein Krankenhagen zu einer eigenen Seite, sondern auch zahlreiche Menschen, die ihre Regierungen kritisieren wollten und mittels Wordpress die restriktiven Zensuren ihrer Heimatländer umgingen.

Zum Beispiel die tunesische Bloggerin Olfa Riahi – sie löste den ersten großen Korruptionsskandal im nachrevolutionären Tunesien aus, als sie auf ihrem Wordpress-Blog Rechnungen des Außenministers vom Luxushotel „Sheraton“ in Tunis veröffentlichte. Dieser hatte dort sieben Nächte auf Kosten der Steuerzahler verbracht und auch noch die Rechnung einer unbekannten Frau beglichen. Derartige Beispiele, die zeigen, wie Bürger mittels Blogs die Selbstzensur der Medien umgehen, lassen sich zahlreich finden: Und viele davon setzen auf ein kleines Programm namens Wordpress.

Dass es Wordpress gibt, ist Matt Mullenwegs Begeisterung für Jazz zu verdanken. Als Schüler in Houston, Texas, faszinierte ihn das Jazz Saxofon und sein größtes Ziel war es, professioneller Jazz-Musiker zu werden. Doch das Geld für die nötigen Musikstunden fehlte ihm. Im Tausch gegen gratis Unterricht programmierte er Websites für die Musiker. So wurde aus dem musikbegeisterten Schüler schließlich ein Technikfreak, der begann, eine frei verfügbare Blog-Software weiterzuentwickeln.

Zusammen mit seinem Freund Mike Little entschied er sich, das Programm gratis und mit offenem Quellcode zu veröffentlichen, damit es jeder benutzen und nach eigenem Gutdünken verändern könnte. So konnten Hunderte unbezahlte Mitarbeiter auf der ganzen Welt an dem Programm feilen. Ein Modell, das sich in der Geschichte des Internets schon oft bewährt hat. Auch Projekte wie Wikipedia oder das Betriebssystem Linux setzen darauf.

Außerdem wurden zahlreiche Zusatzprogramme – sie werden als Plugins bezeichnet – entwickelt. Mit ihnen können Nutzer die gewünschten Funktionen für seine eigene Website hinzufügen. Zum zehnjährigen Jubiläum waren davon 25 045 für jeden Wordpress-Nutzer verfügbar. Zu den beliebtesten Plugins für Wordpress zählen derzeit ein Plugin für Suchmaschinen-Optimierung mit fast 13 Millionen Downloads, ein Spamfilter-Plugin mit 12 Millionen Downloads und ein Plugin zur Personalisierung von Kontaktformularen mit 9 Millionen Downloads.

Doch nicht nur für die technische Anpassung gibt es unzählige Möglichkeiten, auch die grafische Seite kommt nicht zu kurz. 1780 unterschiedliche Designs stehen für Wordpress zur Auswahl, von minimalistischen bis hin zu aufwendigen Oberflächen gibt es fast alles. Wer beispielsweise eine Seite über Kochrezepte erstellen will, findet gleich das passende Design, erklärt Sagolla. Eine typische Wordpress-Website besteht neben den klassischen statischen Seiten auch aus einem dynamischen Teil, meist der Startseite. Hier werden automatisch die neuesten Beiträge – sie werden auch Posts genannt – dargestellt.

Ein Blog kann die Funktion eines öffentlichen Tagebuchs erfüllen, aber auch von Vereinen genutzt werden, um Neuigkeiten zu veröffentlichen, oder von Journalisten, um ihre Artikel einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Durch die umfangreichen Anpassungsmöglichkeiten ist das kleine Programm für sehr viele Bereiche gut zu gebrauchen. „Wenn es aber komplexer wird, braucht es eine individuellere Lösung“, erklärt Sagolla. Eine Webseite wie die unserer Zeitung könne nicht mit Wordpress gestaltet werden. So basieren auch die Seiten der eingangs genannten Konzerne nicht zur Gänze darauf. Hier wird Wordpress meist dafür benutzt, wofür es ursprünglich geschrieben wurde: Für Blogs, die in die Seite integriert sind und über die Neuigkeiten und Stellungnahmen des Unternehmens veröffentlicht werden.

Denn mit Wordpress können auch technisch unerfahrene Menschen Texte schreiben und veröffentlichen, ohne dabei vollen Zugriff auf die komplexen Webseiten der Unternehmen zu bekommen. Aber auch immer mehr Zeitungen setzen bei ihrem Internetauftritt auf Blogs, und viele benutzen dafür das einfach zu handhabende Wordpress – zum Beispiel das „Wall Street Journal“ und die Süddeutsche Zeitung.

Der Weg zum eigenen Blog, oder zur eigenen Website soll dabei möglichst kurz gehalten werden. Wordpress wirbt seit Jahren mit der Fünf-Minuten-Installation, die auch technisch unbegabten Menschen gelingen soll. Wer es noch einfacher möchte, der meldet sich bei der kommerziellen Plattform Wordpress.com an, die von Wordpress Gründer Matt Mullenweg 2005 ins Leben gerufen wurde. Wer sich hier anmeldet, bekommt kostenlos eine fertige Wordpress Website zur Verfügung gestellt und kann quasi sofort losschreiben. Geld verdient die Seite durch Werbung und kostenpflichtige Zusatzangebote, wie zum Beispiel Domains und zusätzlichen Speicherplatz.

Dieses kostenlose Angebot wird auch in Schaumburg gerne genutzt. So findet sich auf den Servern von wordpress.com zum Beispiel eine Protestseite der Bürgerinitiative Umweltschutz gegen das Atomkraftwerk Grohnde (http://grohnde.wordpress.com), der „Rechercheblog“ einer antifaschistischen Gruppe aus Bückeburg, die die Umtriebe von Neonazis aufdecken möchte (http://recherchebbg.wordpress.com) und die Artikel unserer ehemaligen Redakteurin Marie Denecke (http://mariesgeschichten.wordpress.com).

Ähnliche Angebote wie wordpress.com gibt es auch von Google oder Yahoo. Im Mai machte der Kauf des Mikroblogging Dienstes „tumblr“ durch Yahoo Schlagzeilen. Mehr als eine Milliarde Dollar legte der Konzern dafür auf den Tisch. Die Summe macht deutlich, welches Potenzial in diesem Blogs steckt. Und Wordpress ist gerade deswegen für die Nutzer noch wertvoller, weil es nichts kostet.




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