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Schaumburgs Beziehungen zu Preußenkönig Friedrich II. / Auf eine Tasse Choquelade in Bückeburg

Die „Verführung“ zur Freimaurerei

Am 17. Juli 1738 ging in der benachbarten preußischen Provinzfestung Minden eine denkwürdige Veranstaltung über die Bühne. Der brandenburgisch-preußische („Soldaten“-) König Friedrich Wilhelm I. war zu einer zweitägigen Inspektionsreise in der Weserstadt eingetroffen. Mit dabei – neben anderem Gefolge – auch der damals 26-jährige Kronprinz Friedrich. Das Verhältnis zwischen Sohn und Vater war von Angst, Beklemmung und Ablehnung geprägt. Friedrich hatte eine freudlose Kindheit und ein regelrechtes Erziehungs-Martyrium durchleiden müssen. Traumatischer Höhepunkt war die gewaltsame Trennung von seinem Jugendfreund Hans Hermann von Katte. Der tyrannische Vater hatte dem einzigen Vertrauten seines Sohnes vor dessen den Augen den Kopf abschlagen lassen.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Zum Mindener Besuchsprogramm der Preußendelegation gehörte auch ein Treffen mit Repräsentanten der Stadt und der umliegenden Region. Einer der Auffälligsten in der Runde war der schaumburg-lippische Graf Albrecht Wolfgang. Der im nahen Bückeburger Schloss residierende Landesherr war als geistreicher und weltgewandter Gesprächspartner bekannt. Eine gute Schulausbildung und Aufenthalte in Utrecht, Genf und Paris hatten ihn zu einem überzeugten Anhänger der europaweit aufkeimenden Ideen und Ideale der Aufklärung werden lassen. Die letzten Jahre vor seinem Amtsantritt in Bückeburg (1728) hatte er – auf der Flucht vor seinem unberechenbaren Vater – am englischen Königshof gelebt. London war damals eine Art „geistiger Schmelztiegel“ Europas. Begehrtester und einflussreichster Gesprächspartner in den Salons der Themse-Metropole war der französische Vordenker Voltaire. Dem jungen Adligen aus Bückeburg hatten es darüber hinaus die Weltanschauungen der einige Jahre zuvor aus der Taufe gehobenen Freimaurerbewegung angetan. Er trat – als erster Deutscher überhaupt – einer Loge der Bruderschaft bei.

Nach Aussage von Teilnehmern kam es beim abendlichen Festbankett am 17. Juli 1738 in Minden zu einem handfesten Streit. Über Inhalt, Dauer und Lautstärke gab und gibt es unterschiedliche, im Laufe der Zeit offenbar mit allerlei Anekdoten angereicherte Schilderungen. Auslöser sollen Äußerungen von Friedrich Wilhelm I. gewesen sein. Der Preußenkönig habe erbost auf die aus seiner Sicht bedrohlichen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen geschimpft und sei dabei auch abfällig über das „immer mehr um sich greifende Freimaurer-Unwesen“ hergezogen, heißt es in heimatkundlichen Schriften. Das habe den Gast aus Bückeburg auf den Plan gerufen. Freimaurer seien keine politischen Aufrührer, sondern stünden für Toleranz und Mitmenschlichkeit, sei er dem Gastgeber höflich, aber unmissverständlich in die Parade gefallen.

Der Überlieferung zufolge kam die Widerrede beim Preußenkönig nicht gut an. Umso begeisterter sei der junge Friedrich gewesen. Der Thronfolger habe sich wenig später klammheimlich in Albrecht Wolfgangs Quartier geschlichen und sich – mit jugendlichem Eifer – nach Kontaktmöglichkeiten zu der Bruderschaft erkundigt. Das Ergebnis ist historisch belegt. Friedrich wurde, ohne Wissen des Vaters, in die damals deutschlandweit erste und einzige, kurz zuvor in Hamburg gegründete und später „Absalom“ getaufte Loge aufgenommen. Bei der Zeremonie war, neben anderen Männern, auch der Graf aus Bückeburg dabei. Es war der Beginn einer lebenslangen, in zahllosen Briefen bekundeten und dokumentierten Freundschaft, in die später auch Albrecht Wolfgangs Sohn und Nachfolger Wilhelm einbezogen wurde.

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  • Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe, Sohn und Nachfolger des Grafen Albrecht Wolfgang und wie dieser ein Freund und Geistesverwandter von Friedrich dem Großen und Voltaire.
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  • Freunde Friedrichs, Gesinnungsgenossen und praktizierende Freimaurer: der französische Philosoph und Vordenker Voltaire…
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  • Kronprinz Friedrich von Preußen, hier auf einem ein Jahr vor seiner Krönung entstandenen Gemälde des französischen Künstlers Antoine Pesne. Repros: gp
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Der Beitritt Friedrichs trug zum Aufschwung der Freimaurerei in Preußen und darüber hinaus im Deutschen Reich bei. Eine der ersten Amtshandlungen nach der Krönung Ende Mai 1740 führten den jungen König zu einem Kurzabstecher nach Bückeburg. „Se. Mayestät kamen darauf den 17. vormittags um 11 Uhr zu Bückeburg an, nahmen eine Tasse Choquelade, besahen sich im Hause und reiseten um 12 Uhr wieder ab“, notierte Johanne Sophie, Mutter des Schlossherrn Albrecht Wolfgang, im September 1740 in ihr Kalendertagebuch. Einige Wochen später (vom 9. bis 11. Dezember 1740) machte auch Voltaire im Residenzschloss Station.

Strenger Vater Friedrichs des Großen: Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. von Preußen.

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