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New York ist hektisch, laut, atemberaubend – aber auch sicher und sauber / Die Bronx, Queens und Brooklyn im Aufwind

Die Stadt, in der sich jedes Klischee bewahrheitet

Blitze zucken über dem grauen Häusermeer, und aus den Wolken ergießen sich nicht endende Fluten in die Straßenschluchten. Unter einer lecken Brücke pladdert Regen auf den Gehsteig und konkurriert mit hochschleudernder Gischt aus Straßenpfützen. Ein Gewitter erlöst New York vorübergehend von der schwülen Hitze, und für einen Moment verlangsamt sich das Leben in der Metropole. Doch sobald weniger Tropfen fallen, schalten die New Yorker wieder ein paar Gänge hoch. Den i-Pod im Ohr, einen bedeckelten Halbliter Kaffee in der Hand, schieben typische Exemplare mit natürlichem Drang zur Selbstdarstellung im Rhythmus der Masse in U-Bahnen, in den Park, ins nächste Restaurant, den nächsten Laden oder rufen sich ein Yellow Cab, das typische New Yorker Taxi.

Dorothee Balzereit

Autor

Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite

Nie an Glanz verliert Manhattens Skyline

Jedes Klischee über New York sei wahr, heißt es. Und wirklich kann man, was Déjà-vus betrifft, nicht meckern: Da ist der Blick vom Rockefeller Center, die ungewohnte Ruhe im Central Park, das Gegenteil am Times Square, diverse Filmschauplätze von „Frühstück bei Tiffany’s“ bis „Sex and the City“ – und die nie an Glanz verlierende Skyline Manhattans beim Spaziergang über die Brooklyn Bridge. Alles ist so, wie man es aus den Medien kennt. Inklusive Dreckecken, Kakerlaken und Ratten.

Was auffällt, ist die weitgehende Abwesenheit von Kriminalität, New York scheint so sicher wie Disneyland. Zwei konservative und strenge Bürgermeister (Rudy Giuliani und Michael Bloomberg) hintereinander und die Anschläge vom 11. September haben die Stadt spürbar sicher und sauber gemacht. Stadtteile wie Queens und die Bronx erleben eine ungeahnte Renaissance, nachdem Künstler und Gutbetuchte zunächst nach Brooklyn flüchteten, um den horrenden Mieten Manhattans – die aufgrund der Rezession gerade wieder sinken – zu entgehen. Wenn dann die Geschäftemacher und Hipster kommen, zieht es die wahren Pioniere in der Regel schon längst weiter: Ein Zustrom von Chinesen, Koreanern, Türken, Albanern, aber auch Familien aus Serbien und Bosnien hat in Queens eine florierende Künstlerszene entstehen lassen, die sich auf die Kays von Long Island konzentriert. Selbst in die berüchtigte South Bronx zieht es die kreative Brut inzwischen, um heruntergekommene Fabriken in geräumige Lofts zu verwandeln. Und in Brooklyns ärmsten und schwärzesten Viertel Bedford Stuyvesant ist das Klischee des unberechenbaren schwarzen Gangsters auch nicht mehr das, was es mal war. In der Heimat von Mike Tyson, Notorious B.I.G., Tupac Shakur und Aaliyah ist die Zahl der Morde drastisch gesunken.

„Das liegt daran, dass man den Schwarzen Kredite gegeben hat, mit denen sie sich Häuser leisten konnten“, erzählt Hermann Pichler während einer Brooklyn-Tour, die durch den berüchtigten 77. Distrikt führt. Der 67-jährige Österreicher hat mehr als 25 Jahre lang in Brooklyn gelebt; fast genauso lange fährt er Touristen durch den an Popularität gewinnenden New Yorker Stadtteil, der immer noch authentisch, ungeschminkt und weniger hektisch wirkt. Auf der Tour mit seinem roten Van gewährt er Erlebnishungrigen Einblicke in eine sonst verschlossene Welt. Nicht immer objektiv, aber mit viel österreichischer Empathie erzählt er von den orthodoxen Juden, ihrer streng religiösen Lebensweise und von den Problemen der jüdischen Bevölkerung mit den Schwarzen. Hermann Pichler kann sich eine kritische Meinung leisten, denn er ist mit einer Jüdin verheiratet. Wohl auch der Grund dafür, dass die Mitglieder der Synagoge, deren Besuch fester Bestandteil des Programms ist, Pichlers meist deutschen Gästen so offen gegenübertreten.

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Die Stadt, die niemals schläft – vor allem nicht am Times Square.

Auf dem Weg ins russische Viertel

Im Gegensatz zu einem christlichen Gottesdienst geht es in der Synagoge sehr lebendig zu. Während die einen beten, diskutieren die anderen. Eine andere Gruppe von Männern hat sich in einer Ecke des Raumes zum Essen zusammengefunden. Oben auf der Empore stehen die Frauen ohne Gebetsriemen und Kippa und begleiten das Geschehen auf ihre Weise.

Wieder im Van und auf dem Weg nach „Little Odessa“, dem russischen Viertel in Brooklyn, setzt Pichler zu einer Schimpftirade über die Demokraten an. Die Gäste nehmen es gelassen, denn jeder, der bei dem bekennenden McCain-Wähler bucht, weiß, worauf er sich einlässt. Pichlers Geschäftssystem beruht auf Mundpropaganda. Die Gäste geben den „Geheimtipp“ weiter und bescheren dem Österreicher die nächsten Kunden. Und schließlich kann man mit Pichler, der in herrlichstem „Weanerisch“ über Obama und Hillary, am allermeisten aber über die „Loser auf der Straßen“ (die anderen Verkehrsteilnehmer) zetert, durchaus gewinnbringend und humorig diskutieren.

Angekommen in Brighton Beach, scheint einen der Sozialismus einzuholen – was eigentlich nicht sein kann, denn von den vielen Juden, die es seit Glasnost in die Metropole zog, sind die klotzigen Bauten am Strand nicht. Bereits von 1870 bis 1890 kamen rund 540 000 Juden in die jüdischste aller Städte außerhalb Israels; anderthalb Millionen folgten zwischen 1900 und 1914. In den vergangenen 30 Jahren sind Schätzungen zufolge über eine halbe Million Juden aus Russland und der Ukraine nach New York gekommen. Die russische Gemeinde bildet heute mehr als ein Viertel der gesamten jüdischen Bevölkerung in New York: 325 000 russische Juden leben derzeit in der Stadt, die meisten in Brighton Beach in Brooklyn.

Aber auch ohne Hermann Pichlers sicheren Bulli ist Brooklyn ein Stadtteil, den Touristen gefahrlos erkunden können und in dem für jeden was dabei ist. Eine Galerieeröffnung in Williamsburg oder Park Slope, koschere Mahlzeiten in Borough Park oder an der Flatbush Avenue, polnische Restaurants in Fort Green, karibische Küche in Crown Heights. In punkto Locations und Nachtclubs ist die Bedford Avenue das Maß aller Dinge. Auch ein Abstecher nach Dumbo, wo die Brooklyner Kunst-Szene in den 90ern ihren Ursprung hatte, lohnt sich. An bestimmten Abenden öffnen die Künstler hier die Türen zu den Ateliers und Galerien, um ihre Arbeiten zu präsentieren.




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