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Breite Betroffenheit wegen Hertie-Schließung / OB drängt auf schnelle Sanierung der Fußgängerzone

„Die Osterstraße gerät ins Hintertreffen“

Hameln (CK). Das Aus für die Hertie-Filiale in der Osterstraße kam zwar nicht gänzlich unerwartet, hat allerdings in Hameln Bestürzung ausgelöst. Oberbürgermeisterin Susanne Lippmann zeigte sich gestern „sehr betroffen“ über die Entscheidung. „24 Arbeitsplätze – das hört sich nicht viel an, aber dahinter stehen ja auch immer Einzelschicksale“, sagte die OB.

Die Leerstände in der Osterstraße nimmt die Stadt nach den Worten Lippmanns „mit Bedauern“ zur Kenntnis; dieser Teil der Altstadt gerate immer mehr ins Hintertreffen. Die Hoffnung gibt Susanne Lippmann aber nicht auf, denn: „Wir hatten immer mal wieder Nachfragen nach Immobilien dieser Größenordnung, konnten sie aber bisher nicht anbieten. Ob jedoch ein vernünftiger Mietpreis vereinbart werden kann, bleibt abzuwarten.“ Umso wichtiger werde für potenzielle Investoren ein attraktives Umfeld, deshalb müsse bei der Sanierung der Fußgängerzone nach Meinung des Stadtoberhaupts verstärkt „Druck gemacht“ werden.

Auch mit neuem

Investor nicht zu halten

Weder Geschäftsleitung noch Betriebsrat der Hamelner Zentrale durften sich gestern zum Thema äußern. Auskünfte, so hieß es, habe sich die Essener Konzernzentrale vorbehalten. Im Anschluss an eine Pressekonferenz hieß es gestern, mit einer schlanken Zentrale und einem Netz von 54 Filialen habe das Unternehmen gute Fortführungschancen, sofern noch drei weitere Bedingungen erfüllt würden: Senkung der Mieten auf ein marktübliches Niveau, Engagement eines Investors sowie ein Sanierungsbeitrag der im Unternehmen verbleibenden Mitarbeiter. Zur Zukunft der Angestellten in Hameln wollte sich das Unternehmen gestern nicht äußern. „Das ist Gegenstand der derzeit laufenden Verhandlungen über einen Interessenausgleich“, sagt Pressesprecher Wolfgang Weber-Thedy. Fest stehe aber auch aufgrund der vorangegangenen Standortuntersuchungen, dass die Hamelner Filiale selbst mit einem neuen Investor nicht hätte fortgeführt werden können.

Holger Wellner, Vorsitzender des heimischen Einzelhandelsverbandes, hat die Nachricht mit „Erschrecken“ aufgenommen. „Es tut mir für die Mitarbeiter leid, denen ich schnell eine neue Beschäftigung wünsche“, sagte er. Für die Osterstraße habe Hergtie eine große Bedeutung gehabt; mit der Schließung verliere diese Straße weiter, was auch für alle anderen geschäfte nicht gut sein könne.

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Bald wieder belegt: das Geschäft „Wilhelmi“.

Stadtmanager Stefan Schlichte sagte gestern, die Schließung der Filiale, die ja schwarze Zahlen geschrieben hatte, sei „kein gutes Zeichen“. „Alle hatten gehofft, dass Hertie sich in Hameln halten kann, denn die Umsatzzahlen waren gut.“ Dass jetzt konzerninten beschlossen worden sei, das Haus trotzdem zu schließen, hält Schlichte für „sehr bedauerlich“. Eine Immobilie dieser Art, mit der Fläche von 2200 Quadratmetern, sei nur sehr schwer wieder neu in den Markt zu bringen, befürchtet der Stadtmanager. Er glaubt, dass auf jeden Fall ein neues Konzept her muss, das realistisch ist – „eventuell ein Shop-in-Shop-Konzept.“

Im Übrigen, sagt Schlichte aber auch, seien die großen Kaufhäuser nicht mehr ganz zeitgemäß – „Karstadt und Kaufhof denken bereits über ein Zusammengehen nach. In dieser Branche tut sich vieles, nur leider wenig in Richtung Expansion.“

Für die Zukunft der gesamten Osterstraße nach Schließung der Hertie-Filiale ist Hamelns Stadtmanager gleichwohl verhalten optimistisch. „Was die vorhandenen Leerstände angeht, so sind wir an vielen Themen aktuell relativ positiv dran. Wir hoffen, in den nächsten Monaten einige Gegenpole präsentieren zu können“, sagt Schlichte, der zugleich bedauert, zurzeit nicht weiter konkret werden zu dürfen. Das Stadtmanagement jedenfalls vermittle ständig Kontakte zu potenziellen Investoren. „Und wir hoffen, dass diese Bemühungen auch mal von Erfolg gekrönt werden.“

Bedauern bei anderen

Geschäftsleuten

Bei Geschäftsinhabern in der Osterstraße hat die angekündigte Hertie-Schließung überwiegend Bedauern ausgelöst. Inge Schäfer, Inhaberin von „La Femme“, befürchtet, dass die Osterstraße jetzt noch weniger frequentiert wird. Schon deshalb hat sie auch kein Verständnis dafür, dass zunächst der Pferdemarkt saniert werden soll und erst später die Osterstraße. „Die Sanierung kommt sowieso viel zu spät“, sagt sie. „In der Osterstraße brennt es regelrecht. Hier muss die Stadt Anreize zum Kaufen schaffen.“

Gudrun Paul, Inhaberin des traditionsreichen Waffengeschäfts Walter Paul, sarkastisch: „Eigentlich könnte man am Anfang der Osterstraße gleich ein Schild aufstellen mit den Worten ,Hier brauchen Sie gar nicht weiterzugehen.’“ Bei so vielen Leerständen bringe allein eine neue Pflasterung jedenfalls nichts. Franziska Lachmann, angehende Filialleiterin bei WMF, sieht die Schließung von Hertie hingegen nicht unbedingt als Nachteil, jedenfalls nicht fürs eigene Geschäft: „Für das Stadtbild ist es zwar schade, denn irgendwann gehen die Kunden nur noch in die Stadtgalerie.“ Andererseits verhehlt sie auch nicht, dass mit Hertie ein Anbieter von Küchenutensilien aus der unmittelbaren Umgebung vom Markt verschwindet.

Der renommierte Düsseldorfer Insolvenzverwalter Dr. Biner Bähr sucht laut Handelsblatt bisher vergeblich nach einem Käufer für die Warenhäuser. Darum will er das Unternehmen nun mit harten Sparmaßnahmen auf Kurs bringen. Knapp drei Jahre nach dem Verkauf durch Karstadt-Quelle hatte Hertie im vergangenen Sommer das Insolvenzverfahren beantragt. Zuvor hatten die neuen Hertie-Eigentümer um den Londoner Finanzinvestor Dawnay Day die Warenhauskette in eine operative und eine Immobiliengesellschaft aufgespalten. Als Dawnay Day selbst in Schieflage geriet, konnten die Briten ihr Tochterunternehmen nicht mehr stützen.

Kommentar:

Das wäre fatal

Von Christa Koch

Das ist bitter! Die jetzt verkündete Schließung der Hertie-Filiale in Hameln geht schneller vonstatten, als selbst Pessimisten befürchtet hatten. Noch vor gut einem Jahr sah es gar nicht mal so schlecht aus, schrieb doch das Hamelner Haus im Gegensatz zu manch anderer Filiale stets schwarze Zahlen.

Aber allein „anständige Mieten“, wie sie die Hertie-Zentrale vom (inzwischen selbst insolventen) britischen Finanzinvestor Dawnay Day als Eigentümer bislang vergeblich forderte, sind nicht der einzige Schlüssel zur Lösung des Problems. Die Ursachen sind vielschichtiger: fehlende Investitionen, der demografische Wandel, die mangelnde Kaufkraft, vor allem aber veränderte Laufwege seit Eröffnung der ECE-Stadt-Galerie haben sicher mit dazu beigetragen, dass die Kundenfrequenz in dem fast familiären kleinen Haus nach und nach immer weiter abnahm.

Für die Stadt Hameln ist es höchste Zeit, zu handeln. Sie kann zwar den Mitarbeitern, die jetzt auf der Straße stehen, nicht zu einem neuen Job verhelfen. Sie kann aber mit einem intelligenten Leerstandsmanagement Rahmenbedingungen schaffen, die es neuen Investoren attraktiv erscheinen lassen, sich mit einem Geschäft in der Osterstraße anzusiedeln. Zu diesen Rahmenbedingungen gehört übrigens auf eine schnelle Sanierung. Denn würde dieses Eingangstor zur Altstadt einfach abgehängt – es wäre fatal.

c.koch@dewezet.de




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