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Warum der britische Rockmusiker so stilprägend ist

Die Orgel ist das Mehr bei Steve Winwood

Muffensausen trifft’s nicht ganz, aber unheimlich aufgeregt muss der kleine Steve 1956 zweifelsohne gewesen sein, achtjährig und noch käsigblass um die Nase, als er gemeinsam mit Bruder Muff und Vater Lawrence in der Roy Atkinson Band zum ersten Mal auf der Bühne stand. Welch großes Glück widerfuhr doch dem spindeldürren Knaben, schließlich war er der jüngste Spross einer beachtenswert musikalischen Familie. Daddy „Laurie“ spielte unter anderem Klarinette, Saxophon und Mandoline, Mutter Lilian unterstützte ihn und die Jungs, wo sie konnte. Diese großartige Basis führt bei Kindern entweder zum Totalfrust und der völligen Abkehr von Musik oder macht sie glücklich. Steve machte sie glücklich.

Steve Winwood in den sechziger Jahren. Bekannt wurde er mit der Spencer Davis Group und Blind Faith. Fotos: ey (1), Archiv (2)
Jens Meyer

Autor

Jens Meyer Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Mich auch. Ich habe viele Jahre später sogar geheult vor Glück und Rührung. Passiert ist es am Silvestertage 2009. Als mindestens die halbe Republik sich über das „Dinner For One“ beömmelte, ging ich am späten Nachmittag vor dem Fernseher aus ganz anderen Gründen auf die Knie. Gezeigt wurde ein Konzert im New Yorker Madison Square Garden, bei dem sich Steve Winwood und Eric Clapton die Bälle zuspielten wie einst zu Zeiten von Blind Faith. Lange hatte das Intermezzo der zigfach als „Supergroup“ betitelten Band damals, Ende der sechziger Jahre, ja nicht Bestand. Ein einziges Album mit nur sechs Titeln ist daraus 1969 hervorgegangen; im Nachhinein wurden die unterschiedlichen Vorstellungen von Winwood, Clapton, Drummer Ginger Baker und Bassmann Ric Grech als Grund für das jähe Ende von Blind Faith genannt. Immerhin: Gründung 1968, Auflösung 1969 – das schafft auch nicht jeder.

Silvester 2009 war mir das aber alles wumpe: „Had To Cry Today“, Neun-Minuten-Song des Blind-Faith-Albums, feuerten Winwood und Clapton wie Salven des Sieges in die Menge. Der König ist tot, es lebe das Dream Team! Und als die reine, schwarze Stimme Winwoods mit der jubelnden Gitarre Claptons zum „Little Wing“ verschmolz, gab es für meinen Tränenfluss kein Halten mehr. Vielen Fans ging es genauso; man musste nicht zwangsläufig nah am Wasser gebaut haben, sondern die Dinge nur nehmen, wie sie kamen. Diese magischen Momente der Rockmusik sind rar gesät. In mindestens 95 Prozent aller Fälle wird maßlos übertrieben, wird der Geist, ein nicht in Worte zu fassender „spirit“, heraufbeschworen, den es seltener gegeben hat als mancher Musiker zugeben würde. Hier aber, auf der Bühne des Madison Square Garden, schwebte etwas nicht Fassbares.

Blind Faith war damals dennoch keine Band gewesen, es war ein Projekt – und für Winwood nichts weiter als eine Station zwischen der Spencer Davis Group (Hits unter anderem „Keep On Running“ und „Gimme Some Loving“), die er 1964 zusammen mit seinem Bruder „Muff“ (Bass), Gitarrist Davis und Drummer Pete York begründet hatte, und der Gruppe Traffic mit Jim Capaldi. Neun Alben veröffentlichte Traffic in den sechziger und siebziger Jahren, hatte mit „Paper Sun“ 1967 den ersten Single-Erfolg und hätte mit „Here We Go Round The Mulberry Bush“ mindestens einen Preis für den drolligsten Titel bekommen müssen (das muss man erst mal fehlerfrei singen können…). 1974 trennte sich die Gruppe, um genau 20 Jahre später noch einmal ein Album zu veröffentlichen: „Far From Home“. Mit Verlaub, aber einen Unterschied zu den Solo-Platten Winwoods aus derselben Zeitspanne habe ich bis heute nicht heraushören können. „Junction Seven“ klingt genau so und nicht anders.

Vielleicht war das aber nichts weiter als ein Marketing-Gag und Winwood wollte nur mal wieder in die Top Ten der Single-Charts seiner Heimat England. Alleine hat er das nämlich nie geschafft, weder mit dem wahnsinnig guten „Higher Love“ noch mit „Don’t You Know What The Night Can Do“ aus dem 1988er Album „Roll With It“. Selbst die Maxi-Single, zehn Minuten und zwei Sekunden lang, half den schlanken Briten nicht ins dicke Geschäft, also bis in die oberen Ränge der UK-Hitliste. Drüben in Amerika zündete seine Art, Rock und Blues mit fettem, sämigem Orgelsound zu verknüpfen, viel erfolgreicher. Dort war der gebürtige Birminghamer Boy schon im Februar 1981 mit „While You See A Chance“ bis auf Rang sieben geklettert und platzierte mit „Higher Love“ 1986 sowie „Roll With It“ 1988 zwei Nummer-Eins-Hits in den Billboard-Single-Charts.

Die Alben „Back In The High Life“ und „Roll With It“ verkauften sich in den USA zusammen über fünf Millionen Mal! Und auch in Europa lief’s in den achtziger Jahren für Winwood wie geschmiert. Kritiker warfen ihm zwar vor, der „Kaufhausmusik“ zu verfallen, allzu leichte Kost zu bieten, keine Wagnisse mehr einzugehen, massentauglichen Pop zu produzieren. Aber wer versuchte das in jenen Jahren eigentlich nicht? Und: Stimmte das überhaupt oder war es wieder nur die Diskussion der sich ewig in der Vergangenheit suhlenden Analytiker? Nicht mehr so subtil wie Blind Faith, nicht mehr so aufwühlend wie die Spencer Davis Group – was sie auch schrieben und sagten, ließ Winwood kalt, so kalt, dass er in den neunziger Jahren tatsächlich nah dran war, es ihnen mit den Alben „Refugees Of The Heart“ und „Junction Seven“ Recht zu machen. Aber das beste Album sollte noch kommen…

März 2004. Das letzte Eis schmilzt in den ersten warmen Sonnenstrahlen und gibt den Blick frei auf Winterlinge und Krokusse. Drinnen geht’s heißer zu: Winwoods Werk „About Time“ baut sich ab dem ersten Song „Different Light“ auf wie eine Welle vor dem wartenden Surfer. Und wieder ist die Orgel das Mehr, obwohl Winwood längst auch ein guter Gitarrist ist. Den knisternden Beat, basierend auf seinem lebhaften Tastenspiel, eingebettet in ausschweifende Gitarrensoli eines Jose Pires de Almeida Neto und vorangetrieben von Drummer Walfredo Reyes, hat Winwood niemals in seiner über 40 Jahre dauernden Karriere so heiß einfangen können. „Cigano (For The Gypsies)“ ist für die Tanzfläche, „Phoenix Rising“ fliegt herrlich leicht und spartanisch instrumentiert; die Magie dieses Songs liegt allein in Winwoods Kehle, in dessen Hals ein Frosch wohnt, seitdem er singt. Und er hat Gefallen daran gefunden, so zu singen, so tief und brodelnd, wie ein schwarzer Bluesmusiker. Schließlich die Krönung: „Why Can’t We Live Together“, der einzige Hit des Sängers und Tastenspielers Timmy Thomas aus dem Jahr 1972. Er weht mit unbeschreiblicher Tiefe auf Winwoods achter Soloscheibe heran, hymnisch und himmlisch.

Nein, nein, nein, auf keinen Fall hatte dieses Album im 21. Jahrhundert irgendetwas zu suchen, schon gar nicht den Erfolg, den es verdient hätte. Selbst die britische Tageszeitung The Times, im britischen Quervergleich eher ein Ausbund sachlicher Journaille, hob es mit den Worten „The best album he’s made since the 80’s“ in den Himmel. Glatt untertrieben, würde ich behaupten, denn selbst der Topseller „Higher Love“ kommt an die Qualität von „About Time“ nicht heran. „About Time“ war anders, war aufregender, nicht vorsehbar, überraschend und quirlig. In den Wincraft Music Studios in der Grafschaft Gloucestershire müssen die Musiker einen Höllenspaß gehabt haben, das spürt man deutlich. Den Raum der Improvisation, bei Studioaufnahmen ohnehin rar, nutzten sie nahezu perfekt. Elf Songs, fast 80 Minuten Musik, und keine Sekunde davon zu viel. Dazu trugen nicht zuletzt auch Gastmusiker bei: Karl Vanden Bossche hauchte mit den Congas südlich-sonniges Flair in die Songs, Richard Bailey tat es ihm mit Timbales gleich. Wimmernde Orgel, orgiastische Soli, aufregende Stabwechsel. Dieses Album war untypisch fürs glattgestrichene Langeweilerbusiness.

Auf dem Maxi-Cover von „Spy in The House Of Love“ grinst Winwood verschmitzt, fast wie ein Schuljunge, sitzt auf einem weiß belakten Bett, dünnbeinig und die E-Gitarre stimmend. Er schaut aus fröhlichen Augen mit gütigem Blick, der für einen Rockstar untypisch ist. Je länger ich mir dieses Foto anschaue, desto mehr bin ich der Meinung, dass sich in Winwoods Aura die Güte und Zuneigung seiner Eltern widerspiegelt, die ihn auf seinen erfolgreichen Weg geschickt hatten, der Anfang der sechziger Jahre mit der Spencer Davis Group begann und der ihn mit einer großartigen Auswahl bester Musiker zusammenführte. Aus all diesen Begegnungen leuchtet Winwood wie ein Diamant hervor. Selbst dann, wenn ihm ein Bummbumm-Beat untergejubelt wird. Der schwedische DJ Erik Prydz pimpte 2004 das alte Mädchen „Valerie“ zum House-Kracher auf und nannte es „Call On Me“. Als Winwood den Track in der noch nicht veröffentlichten Fassung hörte, war er so begeistert, dass er nicht nur seine Zustimmung, sondern auch seine Stimme dafür gab. Nach über 40 Jahren im Big Business verbuchte der Brite in seinem Heimatland in den Single-Charts seinen ersten Nummer-Eins-Hit. Das ist Ironie des Schicksals in Reinform.

Horizon in the distant sky.

The steady line fixed my eye

For a million miles.

Long quiet of the afternoon Dripping lights of evening

I’m no longer blue.

There’s a lamp If you’ve lost your way

Stars to guide

Soft fields to lay Safe harbor

from a restless sea.

Deep pools of silence calm me.

So I can be.



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