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„Wir sind hier eben mittendrin“ / Ältere Einwohner schätzen Angebot in Kirchohsen / Weitere Pläne

Die „Neue Mitte“ zieht Senioren ins Zentrum

Emmerthal (ag). Wenn Toni Nolte (87) oder ihre Freundin Trinchen Henke (85) zum Friseur wollen, haben sie es von ihrer Wohnungstür bis in den Salon auf dem Marktplatz keine 100 Meter weit. Auch Hallenbad, Sparkasse, Ärzte, Apotheke und Einkaufsmärkte sind mit dem Rollator in wenigen Schritten bequem zu erreichen. „Wir sind hier eben mittendrin“, freut sich Frau Nolte und erzählt aus dem Leben in der altengerechten Wohnanlage der Kreissiedlungsgesellschaft, kurz KSG, mit DRK Sozialstation in Emmerthals Am Markt 16-20.

„Jeden Abend treffen wir uns zwischen 17 und 18 Uhr zum Klönschnack. Bei schönen Wetter sitzen wir draußen, sonst in unserem Aufenthaltsraum mit Wintergarten, und bereden wie der Tag so war.“ Und mit wir meint die rüstige Rentnerin nicht nur ihre Nachbarin und Freundin Trinchen Henke, die sie schon seit 60 Jahren kennt. Viele Bewohner der insgesamt 21 Mietwohnungen der Anlage nehmen mehr oder weniger regelmäßig an der abendlichen Stunde teil. „Und wenn jemand unter der Woche Geburtstag hatte, dann gibt es freitags für alle in der Runde Bratwurst“, ergänzt Frau Henke. Die holt Hausmeister Willy Schäfer dann vom Wochenmarkt nebenan. Dort kauft Frau Nolte, seit sie vor dreieinhalb Jahren von Emmern nach Kirchohsen umgezogen ist, auch immer bei „ihrem“ Bauern frisches Obst und Gemüse und hausgeschlachtete Wurst. Denn trotz vieler gemeinsamer Aktivitäten, die KSG und die Damen der DRK-Sozialstation neben den pflegerischen Leistungen und der ständigen Rufbereitschaft anbieten, wie monatliches Bewohnerfrühstück, Grünkohl- oder Matjesessen, Ausflüge und Spielnachmittage, versorgt sich die Seniorin selbst. Wer von den Nachbarn das zumindest mittags nicht mehr kann oder möchte, der nutzt Essen auf Rädern aus dem Haus Upmeier, und sonntags gibt es im „Bistro am Markt“ einen Mittagstisch, von dem auch Toni Nolte regelmäßig Gebrauch macht.

„Mitte“ – das ist das Emmerthaler Zauberwort. Denn anders als in vielen Kommunen, wo Seniorenresidenzen, Pflegeheime oder Betreutes Wohnen in den Randbereichen und somit weitab von Einkaufsmöglichkeiten und dem täglichen Leben in einem Ort entstehen, hat man in Emmerthal schon vor 20 Jahren zusammen mit der KSG eine seniorengerechte Wohnanlage mit 17 Wohnungen, alle mit Fahrstuhl und rollstuhlgerecht durch elektrisch zu öffnenden Türen erreichbar, in der Berliner Str. 20 gebaut. Dort, wie auch im Jahr 2000 bei der Anlage Am Markt 16-20, hat die Gemeinde unter anderem durch Gesellschafterdarlehen dafür gesorgt, Wohnangebote für eine Bevölkerungsgruppe zu schaffen, die in Zeiten des demografischen Wandel immer zahlreicher wird. „Es war eine überaus gute Entscheidung unserer Vorgänger in Politik und Verwaltung, nicht nur die Einkaufsmärkte im Zentrum anzusiedeln, sondern auch das altengerechte Wohnen dort zu platzieren, wo sich das Leben abspielt, statt Seniorenparks draußen auf der grünen Wiese zu planen“, so Bürgermeister Andreas Grossmann. Dazu gehört für ihn auch, direkt angrenzend an die KSG-Anlage, die „Neue Mitte“ Emmerthals mit einem abwechselungsreichen Angebot an Geschäften, darüber liegenden Wohnungen und dem Marktplatz, wo jeden Freitagnachmittag der Emmerthaler Wochenmarkt stattfindet. Die Wohnungen dort werden zum Teil von der Upmeier Seniorenheime GmbH betreut, deren Häuser „Elise“ und „Martha“ ebenfalls zentral in Kirchohsen liegen. Ergänzt wird das Wohnungsangebot noch durch zwei Gebäudekomplexe mit Eigentumswohnungen, die von der Kreissiedlungsgesellschaft verwaltet werden und in unmittelbarer Nachbarschaft stehen.

Hoffnung auf weitere Investoren

Wie wichtig Andreas Grossmann das Thema Seniorenwohnen und die Einbindung der älteren Mitbürger ist, die für ihn „einen unentbehrlichen Erfahrungsschatz haben, von dem jüngeren Generationen in allen Bereichen profitieren können“, zeigt seine umfangreiche Sammlung von Demografiestudien, Konzepten und eigenen Ideen, die noch darauf warten mit Hilfe von Investoren umgesetzt zu werden. „Eine Vision, die ich gerne verwirklichen würde, wäre ein Mehrgenerationenplatz, der vom Spielplatz für die Kleinsten über Skaterbahn für Jugendliche bis hin zu Boulebahnen und Schachspiel für die Älteren ein Treffpunkt für alle Altersgruppen ist. Zudem wäre ein Angebot in der gehobenen Wohnqualität für Senioren noch ein Bereich, der sicher attraktiv wäre. Zum Beispiel ebenerdige Bungalows mit Terrasse und Anbindung an eine Form des betreuten Wohnens. Platz dafür wäre auf dem alten Zuckerfabrikgelände zur Weser hin. Aber dafür braucht es einen finanzkräftigen Partner, der das Konzept mitträgt und verwirklicht.“ Ein Blick aus der Vogelperspektive auf den Kernbereich von Emmerthal zeigt, wie gut vernetzt und nah beieinander schon bestehende Seniorenwohnangebote, die Infrastruktur der Gemeinde und der noch zur Verfügung stehende Platz für zukünftige Projekte sind.

Die Bevölkerungsprognose für Emmerthal zeigt wie überall eine abnehmende Bevölkerungszahl insgesamt, aber eine prozentuale Steigerung in der Altersstufe ab 60 auf einen Anteil von über 38 Prozent an der Gesamtbevölkerung im Jahre 2025. Zurzeit liegt der Anteil der über 60-Jährigen noch bei 27,5 Prozent. Dem stetig wachsenden Anteil der Generation 60 plus und dem damit steigenden Bedarf an besonderen Pflegeangeboten trägt auch die Upmeier Seniorenheime GmbH Rechnung. Auf dem ebenfalls zentral gelegenen Gelände der alten Volksbank soll noch ein Wohnheim mit etwa 35 Plätzen für Demenzkranke entstehen.

Darüber, dass Emmerthal in Sachen Angebote für Senioren so gut aufgestellt ist, freut sich auch Ilse Niehoff, Vorsitzende des Seniorenbeirates. „Das Angebot an Wohnmöglichkeiten und vor allem deren zentrale Lage ist wirklich gut. Da würden sich viele Städte und Gemeinde gern eine Scheibe von abschneiden“, weiß die 79-Jährige als Gründungsmitglied des Gremiums aus vielen Gesprächen mit Kollegen aus dem Landkreis und auf Landesebene.

Eigenes Gremium

mit Vorreiterrolle

In Niedersachsen war Emmerthal vor 14 Jahren einer der Vorreiter bei der Einrichtung des Seniorenbeirates. Er besteht aus 11 Vorstandsmitgliedern, die aus den Seniorenabgeordneten der Vereine gewählt werden. In den politischen Ausschüssen hat der Beirat je einen beratenden Sitz und kann so die Belange der Senioren vertreten. „Auch das ist nicht in allen Städten und Gemeinden so“, erzählt Ilse Niehoff, die auch externes Mitglied im Heimbeirat der Upmeier Seniorenheime ist und immer ein Ohr an den älteren Mitbürgern hat. „Einmal im Jahr organisieren wir für alle Emmerthaler Senioren einen Ausflug mit Schiff oder Bussen, an dem immer an die 200 Personen teilnehmen. Und es gibt eine jährliche Vortragsreihe, die im Kernbereich zu hören ist, aber auch in Börry, Grohnde und Hämelschenburg.“

Abendliche Plauderrunde mit Trinchen Henke (2. v. r.) und Toni Nolte (3. v. r.). Früh wurden in Emmerthal die Weichen gestellt, in Kirchohsen ein neues Zentrum zu schaffen. Zwischen Bahnlinie und Kirche siedelten sich entlang der Hauptstraße zahlreiche Geschäfte und Senioreneinrichtungen an. Fotos: ag / Google Earth




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