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Warum die Bildungseinrichtungen in zehn Jahren um die Gunst der Studenten buhlen müssen

Die klassische Lehre allein hat ausgedient

Will man einen Blick in die Zukunft wagen, muss man auch sehen, was gewesen ist, sagt Prof. Dr. Volkmar Langer, Präsident der Hochschule Weserbergland in Hameln. Seit Wilhelm von Humboldt habe es keine so gravierende Änderung des deutschen Bildungssystems mehr gegeben wie jene, die der Bologna-Prozess mit sich gebracht habe.

Autor:

Jobst Christian Höche

Der Prozess, der 2010 seinen Abschluss finden sollte, wird auch 2020 noch Thema sein, prophezeit Langer. So lange könne es dauern, bis man mit der Analyse des Prozesses der vergangenen zehn Jahre fertig sei. „Die Politik kann einen solchen Wandel nicht aufoktroyieren. Was in der Wirtschaft nicht funktioniert, kann auch im Bildungssektor nicht ohne Probleme klappen“, sagt Langer. Er hoffe, dass man 2020 so weit sei, Fehler in diesem Umstrukturierungsprozess einzugestehen und sagen zu können, „man hätte hier und da was anders machen können“.

Die Umstellung der Hochschulbildung und die damit verbundene Selbstreflexion der Universitäten, Hochschulen und Berufsakademien werde sich auf jeden Fall auch in zehn Jahren noch bemerkbar machen. Auf jeden Fall biete die Umstellung auf das Bachelor- und Mastersystem einen Vorteil: „Die Studenten sind schneller mit der Ausbildung fertig und können sich dementsprechend schnell spezialisieren oder gegebenenfalls dann noch einmal umorientieren.“

Langer ist überzeugt, dass in zehn Jahren die bisher noch völlig unangetasteten Studiengänge mit Staatsexamina – zum Beispiel Jura, Medizin und Lehramtsfächer – dem Bachelorsystem angepasst sein werden. „Vor allem bei den Lehrämtlern ist eine praxisnahe Ausbildung unerlässlich.“ Nur so könne sich schnell zeigen, ob das Berufsbild des Lehrers den Erwartungen eines Studierenden entspricht. Nur so könnten Studenten schon während des Studiums auf die Realitäten des Schulalltages vorbereitet werden.

Überhaupt sei das Jahr 2020 eine magische Zahl für den gesamten Bildungssektor. „Dann ist der bereits heute vieldiskutierte demografische Wandel da.“ Wer die Zeichen der Zeit bis dahin nicht verstanden habe und sich auf den Geburtenknick vorbereitet hat, „der wird als Hochschule hinten runterfallen“, prognostiziert der studierte Physiker. „Der Bedarf an Fachkräften wird nicht weniger werden, deshalb muss man neue Wege beschreiten.“ Die Zielgruppe für Hochschulen werde 2020 deutlich erweitert sein. Es wird zunehmend darum gehen, Menschen, die fest im Berufsleben stehen, zu akademisieren. Die Zahl der Abiturienten werden dann bei weitem nicht mehr ausreichen, den Bedarf an Fachkräften zu decken.

„Die technischen Voraussetzungen sind bereits da. Hohe Bandbreiten für Datenübertragungen machen das Lernen über das Internet immer einfacher. So kann neben dem Beruf auch von zu Hause aus studiert werden.“ Man müsse jetzt daran arbeiten, eine geeignete Mischung aus eLearning und klassischer Lehre zu finden. Ganz ohne Präsenzveranstaltungen werde ein Studium 2020 aber nicht auskommen.

Die heute noch von einigen Didakten kritisierte Lehrtheorie des Konnektivismus werde 2020 die Hochschulausbildung bestimmen. Der Mensch wird in dieser Lehre als vernetztes Wesen mit uneingeschränktem Zugang zu Informationen verstanden. „Es wird dann zunehmend darum gehen, die Studenten dahingehend auszubilden, Quellen zu validieren und zu qualifizieren“, sagt Langer. Im unerschöpflichen Informationswust des Internets und wissenschaftlicher Datenbanken werde es immer wichtiger, entscheiden zu können, wie hoch Wahrheitsgehalt und Nutzen einer Information sind. Auch werde es immer mehr Möglichkeiten des „informellen Lernens geben“, sagt Langer voraus. Bereits heute biete eine Universität in England einen MBA-Studiengang über das soziale Netzwerk Facebook an. Auch über den Onlineshop von iTunes können bereits heute Lehrvideos großer Universitäten heruntergeladen werden.

Doch nicht nur die Art des Lehrens und Lernens werde sich bis 2020 ändern. Auch werde es deutlich mehr Hochschulfächer in Bereichen geben, die bisher dato zu den klassischen Ausbildungsberufen gezählt werden. Vorrangig werde sich diese Entwicklung im Bereich Gesundheit vollziehen. Um den Anschluss nicht zu verpassen, wird auch die Hochschule Weserbergland ab 2013 einen Studiengang für den Gesundheitsbereich anbieten.

„Auf jeden Fall werden sich auch die Prüfungsordnungen der Hochschulen ändern. Der Trend geht dann weg vom „Bulimie-Lernen“ der Studenten.“ Das Prinzip „Alles rein, alles wieder raus“, hat nach Ansicht von Volkmar Lange keine Zukunft. „Fachlich Inhalte lassen sich nur dauerhaft abspeichern, wenn diese zeitgleich auch in der Praxis zur Anwendung kommen.“

„2020 werden Dozenten und Studenten eLearning als selbstverständlich ansehen.“ Was heute noch von einigen Studenten, aber hauptsächlich seitens der Lehrenden belächelt werde, wird dann zum Standardrepertoire jeder Ausbildung gehören, so Prof. Volkmer Langers Überzeugung.

Trotz der geringer werdenden Studentenzahlen aufgrund des Geburtenknicks in den kommenden Jahren glaubt Dr. Langer nicht daran, dass die Anzahl der Hochschulen zurückgehen wird. „Wir erleben zurzeit einen echten Boom in der Hochschullandschaft, der sich fortsetzen wird.“ Diese werden allerdings spezifische Fächer zum Schwerpunkt haben. Auch die Volluniversitäten können nach Ansicht Langers bestehen bleiben, wenn diese „es lernen, sich zu vernetzen und interdisziplinär zu arbeiten“.

Auf jeden Fall werde es aber zu einem Wandel in der Beziehung Student – Hochschule kommen. Werden heute noch Studenten nach numerus clausus oder Assessment-Center an einer Einrichtung zugelassen oder abgelehnt, wird sich dieses Verhältnis in Zukunft umdrehen. Die sinkende Zahl von Abiturienten wird deren Marktwert steigern. „Die Einrichtungen müssen dann um die Gunst der Studenten buhlen.“

„Wir kommen an der vernetzten Zukunft nicht mehr vorbei“, resümiert Volkmar Langer. Bereits heute seien wissenschaftliche Artikel auf den Seiten der Online Enzyklopädie Wikipedia mindestens so aussagekräftig wie Artikel der renommierten Encylopedia Britannica und vor allem aktueller. Auch mit Artikeln großer Wissenschaftszeitungen können die Inhalte der Plattform mithalten. „Um diese neue Form der Informationsbeschaffung und -erstellung nutzbar zu machen, müssen wir die globale Vernetzung als Chance und nicht als Spielerei verstehen.“




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