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DRK kämpft um den Nachwuchs

„Die jungen Leute haben heute ganz andere Interessen“

Hameln. Als Erna Förster 1934 im Alter von 16 Jahren dem Klein Berkeler Zweigverein des Vaterländischen Frauenvereins, also dem heutigen DRK-Ortsverein, beitrat, geschah das nicht aus freien Stücken. Vater Karl Thomas, Hauptlehrer und Kantor, hatte ihr gesagt: „Jeder vernünftige Mensch muss Mitglied des Roten Kreuzes sein.“ Erna Förster hielt sich für vernünftig und hätte wohl auch niemals gewagt, dem Familienoberhaupt zu widersprechen. In der ehrenamtlichen Arbeit ist die heute 91-Jährige aufgegangen. „Ich habe viel Freude daran gehabt“, sagt die Frau, die dem DRK seit mehr als 75 Jahren die Treue hält.

Autor:

Ulrich Behmann

„Damals“, erinnert sich Erna Förster, „haben wir reihum Essen gekocht für kranke und minderbemittelte Mitbürger.“ Aber auch den vielen Bedürftigen, die in einem Lazarett lagen, wurde geholfen. Ehrenamtlich strickten die Damen für Soldaten warme Westen zum Unterziehen, machten Flickarbeit, und sie schickten auch Weihnachtspakete an die Front.

Damals wie heute setzen sich DRK-Damen für ihren Nächsten ein. Immer noch klappern vielerorts die Stricknadeln, werden eifrig Pakete gepackt für Kinder in Not. Wer in der Nachbarschaft Hilfe benötigt, der bekommt sie auch. „Es ist immer dieselbe Arbeit geblieben“, meint Erna Förster, das älteste Mitglied des DRK-Kreisverbandes Hameln-Pyrmont. Und dennoch wird es immer schwieriger, jüngere Ehrenamtliche zu motivieren.

Wer sich für die Rotkreuz-Gemeinschaft in einem der 80 Ortsvereine mit insgesamt 14 930 Mitgliedern interessiert, ist meist zwischen 40 und 50 Jahre alt. Erna Förster glaubt zu wissen, woran das liegt: „Die jungen Leute haben heute ganz andere Interessen.“ Ingrid Merten, Vorsitzende des Ortsvereins Klein Berkel, gibt der alten Dame Recht: „Es will ja kaum noch jemand großartig was tun und Verantwortung tragen.“

Für den DRK-Kreisverband Hameln-Pyrmont ist es auch aus finanzieller Hinsicht wichtig, dass der Mitgliederbestand nicht zu sehr abschmilzt. 60 Prozent der Beiträge fließen von den Ortsvereinen in die Kassen des Kreis-, Landes- und des Bundesverbandes. „Wir geben zum Beispiel jährlich 300 000 Euro für den Katastrophenschutz aus“, sagt DRK-Kreisgeschäftsführer Hubert Volkmer. „100 000 Euro müssen wir selbst aufbringen. Auch dafür werden die Mitgliedsbeiträge benötigt.“

Seit 1998 mehr als 3000 Mitglieder verloren

In den vergangenen zehn Jahren hat der DRK-Kreisverband 3041 Mitglieder verloren. Die allermeisten wohl durch Tod, denn: „Wer einmal Rotkreuz-Mitglied ist, der bleibt das auch sein Leben lang“, sagt Erna Förster, lächelt – und fügt hinzu: „Die Rotkreuz-Familie hält zusammen. Das war schon immer so.“

Ingrid Merten, die Vorsitzende des DRK-Ortsvereins Klein Berkel, weiß, dass vieles nicht mehr so ist wie es damals einmal war. „In den 1960er Jahren hatten wir 150 Blutspender. Wenn wir heute 50 bis 100 haben, sind wir schon froh.“ 170 Mitglieder zählt das DRK im 5032-Einwohner-Ortsteil Klein Berkel. Vor der Eingemeindung Anfang der 70er-Jahre waren es mal 200. Damals hatte Klein Berkel bereits 4259 Einwohner. „Es sind ja meist junge Leute zugezogen“, sagt Ingrid Merten. „Die sind nur schwer ins Rote Kreuz zu bekommen, weil sie sehr viel arbeiten, Kinder haben, sich um Haus und Garten kümmern und den Rest ihrer Freizeit anders gestalten.“ Die Frauen aus den Neubaugebieten wollten sich nicht binden, leisteten lieber mal eine Spende. Es sei schwerer, in einer großen Ortschaft neue Mitglieder zu gewinnen als in einem kleinen Dorf, in dem jeder jeden kennt, meint die 65-Jährige, die seit 15 Jahren Vorsitzende ist. Ingrid Merten macht keinen Hehl daraus, dass sie gern Frauen im Alter von 30 bis 40 aufnehmen würde. „Die bringen frischen Wind in den Ortsverein – und neue Ideen“, sagt sie. Vielleicht würde sich sogar jemand finden, der ein Jugendrotkreuz aufbaut.

Das „Abenteuer Menschlichkeit“ lockt

Die Demografie sei für das DRK kein Schreckgespenst, denn: „Es sind ja gerade die Älteren, die zu uns kommen.“ Neben der Gemeinschaft werden auch die Ausflugsfahrten, Kaffeenachmittage und die Weihnachtsfeiern geschätzt. Senioren „möchten eben ein gewisses Rahmenprogramm haben“, sagt Ingrid Merten.

Das Deutsche Rote Kreuz macht sich Gedanken, wie es seine Mitglieder bei Laune halten und neue Helfer dazugewinnen kann. „Wir haben extra einen Profi engagiert, der für uns neue Mitglieder wirbt“, erzählt Kreisgeschäftsführer Hubert Volkmer. Ohne eine solche Strategie ginge es heutzutage gar nicht mehr.

Das Ehrenamt soll in Zukunft enger mit dem Hauptamt verzahnt werden. In Aerzen sei bereits ein Besuchsdienst eingerichtet worden. Soll heißen: DRK-Damen besuchen Alte, Kranke und einsame Menschen in Seniorenheimen. Auch sollen Ehrenamtliche ein größeres Aufgabenspektrum bekommen. In der ambulanten und in der stationären Pflege oder im DRK-Kleidershop – und wo immer es sinnvoll ist.

Derzeit wird eine Ehrenamtskoordinatorin ausgebildet. Sie soll sich um die Mitglieder kümmern. Ziel der Kampagne „Das sind wir“ ist es, den Rotkreuzlern das breite Spektrum der DRK-Arbeit vor Augen zu führen. „Wer davon begeistert ist, engagiert sich vielleicht selbst in dem einen oder anderen Bereich – und erzählt anderen von seiner Arbeit“, meint Volkmer. Das könnte neue Mitglieder bringen.

Bei den ganz Jungen ist das DRK bestens aufgestellt. 435 Mitglieder hat das Jugendrotkreuz. Einige Mädchen und Jungen engagieren sich im Schulsanitätsdienst, den es mittlerweile an zwölf Schulen gibt. Bei den DRK-Bereitschaften gibt es ebenfalls keine Probleme, Helfer zu finden. 235 sind an sieben Standorten aktiv, machen Sanitätsdienste, Übungen, helfen bei Katastrophen und führen Hilfsgütertransporte im In- und Ausland durch. „Diesen Mitgliedern bieten wir etwas“, sagt Volkmer. „Das Abenteuer Menschlichkeit.“

Erna Förster ist auch fast 76 Jahre nach ihrem Beitritt vom Rotkreuz-Virus infiziert. Sie hat in ihrem Leben viel Gutes getan, in Ohr Kranke und Verwundete gepflegt. Das hat ihr Spaß gemacht. Wäre sie noch einmal 16 Jahre alt, dann würde sie dem Roten Kreuz beitreten. Von sich aus.

Seit 1934 engagiert sich die heute 91-jährige Erna Förster im Roten Kreuz. Weil „vernünftige Menschen“ das tun“, wie damals ihr Vater sagte.

Erna Förster (91) ist das älteste Mitglied des DRK-Kreisverbandes Hameln-Pyrmont. Von Ingrid Merten erhielt sie eine Urkunde für 75-jährige Treue.

Fotos: ube




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