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Wie man der Jungfrau von Orléans (*1412) heute folgt

Die Heldin Jeanne hat ihre Spuren überall hinterlassen

Domrémy-la-Pucelle. Domrémy-la-Pucelle im Département Vosges ist ein Bauernkaff, deren 150 Einwohner sich mit dem Grau-in-Grau ihres Dorfes zufriedengeben. Lothringischer Sparflammencharme. Nichts strahlt außerordentlich hervor, keine hübsche Hausfassade, kein Dorfplatz, nicht einmal die sonst in Frankreich so penibel herausgeputzte Mairie. Ich liege gerade rücklings auf dem Bett eines Zimmers des Hotels Jeanne d’Arc an der Rue Principale, und mir ist schon ganz schwindelig von der dreifarbig wild beblümten Tapete, die als Negativdruck an der Zimmerdecke ihre Fortsetzung findet. Eine Kammer des Schreckens, möglicherweise im Rausche des Pastis oder was Malergesellen hier sonst so in ihrer Mittagspause einhauchen, bekleistert. Immerhin ist diese Unterkunft aber billig. 33 Euro mit Frühstück. Bad und WC sind supersauber, und der Kaffee schmeckt ausgezeichnet. Reicht zum Durchreiseglücklichsein vollkommen.

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Jens Meyer

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Jens Meyer Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Eine halbe Stunde später, genau gegenüber dem Hotel. Am Jupiler im Relais de la Pucelle, der schlichten Bar-Tabac mit den Plastik-Stühlen vor den Fenstern, könnte ich durchaus langfristig Gefallen finden, obwohl das Bier hier so weit vom deutschen Reinheitsgebot entfernt ist wie Jeanne d’Arcs Verurteilung als Ketzerin von der Gerechtigkeit. „Sie sind wegen Jeanne hier, nicht wahr?“, sagt, ja, wer eigentlich? Der Herr mit der Baskenmütze am Tisch nebenan, ein Achtel Rosé im Glas, das ein Gläschen ist, hat sich nicht namentlich vorgestellt, aber ich antworte trotzdem „oui, bien sûr“ mit einigermaßen nasal-französischem Timbre.

Jeanne, Johanna! Nationalheldin der Extraklasse. Überall in Frankreich sind ihre Spuren zu finden, doch hier in Domrémy beginnen sie, was beim jämmerlichen Anblick der Hauptstraße und den säumenden Häusern kaum zu fassen ist. So sieht also der Geburtsort einer Heldin aus, einer jungfräulichen, gottgleichen Befreierin, die ihr Volk während des Hundertjährigen Krieges im 15. Jahrhundert gegen die Engländer und Burgunder führte und dennoch schmählich auf dem Scheiterhaufen endete. Eine Tragödie. Man muss sich das vorstellen: Da war das mächtige England, das nach dem Tode Karls IV Ansprüche auf den französischen Thron ersann. Jeanne, die Johanna von Orléans, machte aus einfachen Räubern Soldaten. Ein Proviantzug nach Orléans war ihr erster Auftrag, begleitet von furchtlosen wie -erregenden Kerlen wie Etienne de Vignolles, dem „Wilden“.

Letzter Schluck Bier. Das Glas Jupiler ist leer. Zeit zum Aufbruch. „Au revoir!“ Hinter der kleinen Dorfkirche St. Rémy erinnert das Geburtshaus Jeanne d’Arcs an ein kurzes Leben mit Ausrufungszeichen, das 1412 hier begonnen hatte. Historiker gehen davon aus, dass Jeanne d’Arc im Januar geboren wurde. Nur 19 Jahre ist sie alt geworden. Sie war 13, als sie ihre erste Vision hatte. Eine zweite folgte. Die Heiligen Katharina und Margareta und Erzengel Michael waren ihr erschienen. Sie alle sollen sie davon überzeugt haben, das französische Volk von der Unterjochung der Engländer zu befreien. Was ihr, der Jungfrau von Orléans, im Ansatz gelang – aber nicht half. Durch Verrat wurde sie von den Burgundern gefangen genommen und an die mit ihnen verbündeten Engländer verkauft. Sie endete auf einem Scheiterhaufen in Rouen, weil der König sich von ihr abwandte und der Bischof von Beauvais den Engländern näherstand als den Franzosen. Die Basilique Sainte Jeanne d’Arc, kaum anderthalb Kilometer vom Ortskern Domrémys entfernt, ist der Heldin zu Ehren viel später gebaut worden.

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  • Blick auf Chinon von der Forteresse de Royale. Hier erhielt Jeanne d‘Arc den Auftrag, gegen die Engländer zu Felde zu ziehen.
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Die Visionen der Jeanne d’Arc. Unwillkürlich denke ich an die wirren Tapetenmuster des Hotelzimmers.

Ortswechsel: Chinon. Eine hübsche Stadt mit irre mächtiger Festung über den Dächern. Sicher um die 250 Kilometer, wenn nicht weiter, von Domrémy entfernt. Allein die Wege, die Jeanne für ihre Bestimmung zurückgelegt hat, sind herausragend. Sie hat sich ja nicht ins Auto gesetzt, Baguette gefuttert und irgendwo bei Tours noch mal einen Kaffee getrunken, um dann entspannt unterhalb der Forteresse Royale de Chinon einzuparken, nein, die ist geritten, und der Zosse mit der Heldin auf dem Rücken musste, ob er wollte oder nicht, durch feindselig besetztes Gebiet karappeln. Von dieser Reise, von den Strapazen, den Fluchten und Hoffnungen, den zornigen Kämpfen erzählt das Fensterbild im dreistöckigen Uhrturm der Forteresse, die Jeanne gewidmet ist. 75 Stufen führen bis nach oben. Ich stehe und staune. Ein dicker Engländer neben mir schnappt nach Luft und schaut auf die Vienne. Das ist nicht seine Frau, das ist der Fluss, der einen Bogen durch die Stadt schlägt. Hier, wo sich Frankreich vor den Grundfesten der Burg wie malerische Poesie ausbreitet, hat Jeanne d’Arc Charles VII davon überzeugen können, ihm ein Heer anzuvertrauen, um gegen die Engländer zu Felde zu ziehen.

Der Brite neben mir japst immer noch. Ich entferne mich und zähle beim Abstieg die Stufen. Stimmt: 75. Nicht weiter von Bedeutung.

Unten in Chinon sind die meisten Tische vor den Restaurants besetzt. Die Nummer auf meiner Eintrittskarte zur Forteresse hätte mir zu denken geben müssen: 206 976 – so viele waren in diesem Jahr also schon hier. Es ist Juli…

Dem Charme der Stadt macht das nichts aus, im Gegenteil ist das geschäftige Treiben und Palavern vor der historischen Kulisse jahrhundertealter Häuser, in kleinen Gassen und vor den niedlichen Straßencafés dadurch wie ein Mikrokosmos ganz Frankreichs und wahrscheinlich nicht mehr und nicht weniger Dreh- und Angelpunkt für das Fortbestehen dieses liebenswerten Landes.

Vor einigen Jahren bin ich durch die Stadt Poitiers gefahren. Dass auf Geheiß des Königs Jeanne d’Arc drei Wochen lang von Geistlichen und Hofdamen auf ihre Glaubwürdig- und Jungfräulichkeit untersucht worden war, hatte ich damals nicht auf dem Schirm. Und auch das Standbild der später Heiliggesprochenen auf dem Place du Parvis in Reims und das Maison de Jeanne d’Arc in Orléans habe ich noch nicht recht gewürdigt. Ein Grund mehr, wieder nach Frankreich zu fahren in diesem Jahr. Nicht ohne Friedrich Schillers „Die Jungfrau von Orléans“. Und sollte ich noch einmal in Domrémy landen, darf ein Herr mit Baskenmütze ohne Namen auch gerne wieder fragen, ob ich wegen Jeanne hier bin. „Oui, bien sûr“ werde ich ihm sagen und mein Jupiler heben auf den 600. Geburtstag einer ganz und gar ungewöhnlichen Nationalheldin.

Fensterbild im Uhrturm der Forteresse Royale de Chinon, der Jeanne d’Arc gewidmet ist (Bild links).

Bild unten: Die Basilique Sainte Jeanne d’Arc ist erst viel später gebaut worden und erinnert bei Domrémy-la-Pucelle an die „Jungfrau von Orléans“.



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