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Auf dem Königsweg übers Kopfsteinpflaster im slowakischen Bratislava

Die gemütlichste Hauptstadt Europas

Was ist zu halten von einer Stadt, die einen Lustmolch als Touristenattraktion hat, einen umgestülpten Tisch als Wahrzeichen und eine Brücke mit Ufo? Über den Lustmolch stolpert beinah jeder Stadtbummler auf den ersten Metern: Mitten in der Fußgängerzone ragt der Kopf eines Mannes aus der Kanalisation, neben sich einen beiseite geschobenen Gullydeckel. Mal genauer hinschauen: Es ist eine Skulptur, die für eine optische Täuschung sorgt: Cumil (der Gaffer) heißt der Kanalarbeiter. „Der will den Frauen unter den Rock gucken“, warnt Stadtführer Milan Bilacic scherzhaft, während sich die Frauen einer Touristengruppe mit Cumil knipsen lassen. Eine von ihnen entdeckt an der nächsten Ecke einen Paparazzo – ebenfalls eine der Skulpturen, die in Bratislavas Innenstadt lümmeln.

Autor:

Stephan Brünjes

Prunk und Prachtboulevards? Betonierte Machtkolosse wie Kohls Kanzleramt oder glitzernde Glaspaläste? Gibt’s alles nicht in Bratislava. Dafür einen historischen Stadtkern, der nach vielen Jahrzehnten Sozialismus unter schwerster Gebäudekaries litt und mit Bedacht renoviert wurde. Das Altstadtgassen-Labyrinth mit Türmchen, Palais und Kneipen würde prima nach Lüneburg oder Osnabrück passen. Denn Bratislavas Restauratoren haben es herausgeputzt, das Gesicht der Stadt aber nicht zum kitschigen Postkartenidyll umgeschminkt.

Durchstreifen lässt sich die slowakische Minimetropole am besten auf den Spuren von Königen. Weil Budapest von den Türken besetzt war, wurden 19 Herrscher Ungarns und Österreichs zwischen 1563 und 1830 hier gekrönt, darunter Maria Theresia. Jeder dieser Regenten absolvierte in einer Parade den Krönungsweg durch die Stadt. Den gibt’s heute noch, markiert mit 178 goldfarbenen Kronen im Kopfsteinpflaster.

Rechts und links davon eine erstaunliche Zahl von Kneipen, Cafés und Restaurants. Mit Sonnenschirmen, Tischen und Stühlen verwandeln sie Bratislavas Zentrum in mediterrane Flaniermeilen. Auf den Speisekarten stehen slowakische Spezialitäten wie Krautnockerln mit Speck und Vinea, eine leckere Weintraubenlimonade. Anbiederungsversuche an westliche Touristenteller sind selten und lesen sich so: „Gefüllt beißend Schnitzel.“ Soll heißen: Cordon bleu, gut gewürzt. Das Café Roland am Hauptplatz (Hlavné námestie 5) ringt mit dem genau gegenüberliegenden Café Mayer um den Titel des ersten Hauses der Stadt. Nicht auszumachen, wo Bratislavas Konditorenspezialität – die Nuss- und Mohnkipferl – besser schmecken.

Klar ist angesichts dieser Kaffeehäuser: Wien liegt um die Ecke, 60 Kilometer entfernt. Das haben auch die Macher des Films „Projekt Peacemaker“ erkannt: Sie kutschierten ihre Hauptdarsteller George Clooney und Nicole Kidman nach Bratislava, um hier Szenen zu drehen, die in Wien spielen. In der slowakischen Hauptstadt war der Dreh halb so teuer wie in der österreichischen. Weshalb Filmleute gern von „Gratislava“ sprechen.

An den Rändern der Altstadt schimmert immer noch sozialistisches Novembergrau. Besonders neben dem Martinsdom. Hier haben Stadt-Verschandler in den späten Sechzigern das jüdische Viertel einschließlich Synagoge abreißen lassen und eine vierspurige Asphaltschneise durchgeschlagen. Der 1452 erbaute Dom leidet seitdem unter Erschütterungen und Abgasen mehr als in den gut 500 Jahren zuvor, sagt Stadtführer Milan. Und Konkurrenz als Aussichtsturm hat die Kirche auch noch bekommen – ausgerechnet in Form eines Ufos. Das ist in 95 Metern Höhe oben auf der „Neuen Brücke“ gelandet und bietet einen beeindruckenden 360-Grad-Rundumblick auf Donau und Dom.

Weitere Informationen: Bratislava Kultur und Informations-Service (BKIS), Klobuc¡nícka 2, Tel. (0 04 21/2) 1 61 86. im Internet: www.bkis.sk

Blick über Bratislava: Zu den Wahrzeichen der Stadt gehört die Burg, die von den Einwohnern gern „umgekippter Tisch“ genannt wird.




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