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„Biß an das hohe Altar mit Wasser belauffen“: Historische Hochwasser an Exter und Weser

Die Flut kam mit furchtbarer Kraft

Das Wetter wird launischer und die Folgen für Natur und Umwelt immer gefährlicher, prophezeien Experten. Das werde sich – wie jüngst an Oder und Neiße oder derzeit in Pakistan – auch auf die Häufigkeit von Überschwemmungen auswirken. Über solche klimatischen Zusammenhänge machten sich die Anwohner der Weser, der Aue und der vielen anderen Schaumburger „Fließgewässer“ früher keine Gedanken. Auch über die Katastrophen in anderen Gegenden Deutschlands und der Welt wusste man bis Mitte des 19. Jahrhunderts nichts. Man versuchte sich, so gut es ging, auf das jahreszeitlich bedingte Anschwellen des Wassers einzustellen. Siedlerstätten wurden stets in respektvollem Abstand und in höheren Uferlagen angelegt. Trotzdem machten sich, wenn sich heftige Wetterturbulenzen zusammenbrauten, Angst und Besorgnis breit. Aus den Erzählungen der Altvorderen wusste man: Irgendwann würde der Fluss oder auch der vermeintlich harmlose Bach vor der Haustür zuschlagen.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Eine solche Situation trat 1837 im heutigen Rintelner Ortsteil Exten ein. „Am 13. August entladeten sich oberhalb unseres Dorfes mehrere Gewitter mit Furcht und Entsetzen erregender Art, und dabei stürzte der Regen mit solcher Gewalt vom Himmel, daß in wenigen Minuten unsere Exter 11 1/2 Fuß (gut drei Meter) über ihrem gewöhnlichen Wasserstand war“, schilderte der damalige Dorfpastor Sander das Ereignis. Die Flut habe sich „mit furchtbarer Kraft den Weg durch fast alle Häuser“ gebahnt, die drei über den Bach führenden Brücken weggerissen und viele Häuser zum Einsturz sowie „andere unbewohnbar und leer“ gemacht. Außerdem sei „vieles Vieh getötet und ein Kind von vier Jahren aus dem Fenster getrieben“ und umgekommen. „Den größten Teil unserer Feldfluren bildet ein ungeheurer See, worin unsere Meubeln (Möbel), Betten, Hausgeräthe, Gartenfrüchte und ein sehr großer Teil unseres Getreides begraben und vernichtet wurden“.

Die Schilderung des Extener Gemeindepfarrers ist einer der frühesten und aufschlussreichsten Augenzeugenberichte über eine heimische Flutkatastrophe. Eine ähnlich ausführliche und dramatische Darstellung liegt, soweit bekannt, nur über das Weser-Jahrhunderthochwasser des Jahres 1643 vor. Damals brachte der Universitätschirurgus Georg Stork seine Erlebnisse „auf das Fest der H. drey Könige“ (6. Januar) zu Papier. An diesem Tag sei „die Weser durch ein langes vorhergehendes Regnen und wässeriges zergehen vielgefallenen Schnees dermaßen angewachsen, daß sie nicht allein die Ufer mit vielen und fern abgelegenen Hügeln, Aeckern und Wiesen überlaufen, sondern auch mit solchem Fall an die Stadt-Mauren gedrungen, daß man selbigen Eindrung auf keinerley Weise vorzukommen oder zu währen vermochte“. Es habe „fast keine Gasse gegeben, die man nicht eine Weeser hätte nennen mögen“, und „insonderheit die Kirche (sei) biß an das hohe Altar also mit Wasser belauffen, daß auch Stühl und Bänke nach oben geschwommen“.

Abgesehen von solchen Einzelfällen ist über die historischen Hochwasser in der hiesigen Region wenig bekannt. Wenn überhaupt, sind – bis in die jüngste Vergangenheit hinein – nur knappe Hinweise und Jahreszahlen überliefert. So weiß man, dass das berühmte „Magdalenenhochwasser“ im Juli 1932 das gesamte heimische Wesertal in einen mehr als sieben Meter tiefen See verwandelte. Nicht weniger folgenschwer sollen die Winterfluten der Jahre 1553, 1682, 1799 und 1841 gewesen sein. Auf dem Rintelner Pegelstandsanzeiger sind als Höchstmarke 7,44 Meter aus dem Jahre 1687 eingraviert. Viele Ältere haben noch die verheerende Jahrhundertflut im Februar 1946 in Erinnerung.

3 Bilder
Mehr noch als heute wurden Dorfbild und Charakter Extens bis ins 20. Jahrhundert hinein von der Exter bestimmt: Das Bild zeigt eine Szene aus dem Dorf Exten um 1900.

Bis in die Neuzeit hinein galten Naturkatastrophen als unvermeidliche Schicksalsschläge. Noch in „Zedlers Universal-Lexicon“, dem bekanntesten, nach seinem Begründer benannten deutschsprachigen Nachschlagewerks des 18. Jahrhunderts werden Überschwemmungen als Gottesgericht interpretiert. Kein Wunder, dass sich die Obrigkeit nicht zum Nachdenken über Vor- oder Nachsorgeleistung zugunsten der Untertanen veranlasst sah. Als Erste versuchten die Räte und Bürgermeister besonders gefährdeter Flussanrainer-Städte eine Art „Hochwasserschutz“ zu organisieren. 1827 wurde vom Rintelner Magistrat ein zwölfseitiges „Votum die in hiesiger Stadt erforderlichen Sicherheits Maßregeln bei Überschwemmungen der Weser betreffend“ beschlossen. Die meisten der darin aufgelisteten Einzelvorschriften muten aus heutiger Sicht eher skurril und unwirklich an.

In Exten hoffte man 1837 vor allem auf Hilfe von außen. Pastor Sander und Ortsbürgermeister Kehmeier wandten sich zwar auch an die Rintelner Kreisverwaltung und die kurfürstlich-hessische Kasseler Regierung, schickten ihre dringliche Bittschrift jedoch auch und vor allem an die umliegenden Gemeinden. „Ein jeder Bewohner des Dorfes, ohne Ausnahme, hat gelitten, und es liegt nun eine sehr schwere Last auf unseren Schultern, daß wir sie nicht zu tragen vermögen“, ist darin zu lesen. „Alle unsere Kolonien (Hausgrundstücke) sind schon aufs höchste belastet, woher sollen wir nun bei unserem großen Verlust die Mittel bekommen, die Brücken, das Spritzenhaus, den neu beschlossenen Schulsaal aufzubauen, die herrschaftlichen Gefälle (Steuern und Naturalabgaben) zu entrichten und die vielen an den Bettelstab gebrachten Familien zu erhalten?“ In der Tat schien eine Art Fluch auf Exten zu liegen. Ein Jahr vor der Flutkatastrophe war das Gros der Ernte durch Hagelschlag vernichtet worden.

Die Appelle blieben nicht ungehört. Alles in allem kamen aus den Städten und Dörfern der Grafschaft Schaumburg mehr als 210 Rthlr (Reichstaler) zusammen. Fast ein Viertel davon schickten Stadt und Stift Obernkirchen. Einige Nachbarort-Gemeinden transportierten Hausrat und Möbel in den Unglücksort. Wohlwollend vermerkt wurden auch die auswärtigen Gaben. Ein Aufruf der Bremer Zeitung erbrachte 18 Rthlr., der Kaufmann Bolte aus Stadthagen spendete 5 Rthlr., ein anonymer Geber aus Berlin 2 Rthlr, und der Fürst zu Schaumburg-Lippe machte 3 Louisdor locker (der Louisdor war französische Goldmünze, 1 Louisdor hatte den Wert von knapp 6 Rthl.). Von der eigenen Regierung in Kassel gingen 2 ½ Rthlr. ein. Der Gesamtschaden wurde später auf mehr als 8400 Rthlr geschätzt.




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