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Im Tropenschauhaus der Herrenhäuser Gärten wird die größte Chili-Ausstellung Deutschlands gezeigt

Die Finesse des Feuers

Gartenmeister Walter Konarske ist ein Chili-Verehrer: Der wortgewandte Pflanzenexperte wird bei seinen Führungen durch die Sonderausstellung geradezu poetisch. Bild unten: Nur gucken, nicht anfassen – und schon gar nicht reinbeißen: Chilis haben bisweilen eine für Menschen fast schon unerträgliche Schärfe. Vögel hingegen juckt das wenig – sie spüren nichts und verteilen deshalb die Samen in der Natur nach der „Verkostung“ – das hat sich die Evolution klug ausgedacht. ey/sas

Autor:

VON JENS F. MEYER UND SASKIA GAMANDER

Botanisch betrachtet handelt es sich bei Chilis nicht um Schoten, sondern um Beeren. Und grammatikalisch korrekt ist es im Singular d e r Chili und nicht d i e. Das wäre schon mal geklärt. Als Gartenmeister Walter Konarske voranschreitet, um sich mit einer Besuchergruppe auf die Spuren der Gewürzpaprika zu begeben, fängt die Sache mit dem Lernen allerdings erst richtig an. Zum Beispiel, dass weltweit rund 40 Arten der Gattung Capsicum bekannt sind. „Fünf davon, die kommerzielle Bedeutung haben, widmet sich unsere Sonderausstellung“, sagt Konarske. Klingt zunächst wenig überwältigend, aber wer da so wandelt durch die Welt der Gewürzpaprika, der wird seine in jeder Hinsicht vorgefasste Meinung schnell ändern. Man bedenke: Arten sind nicht gleich Sorten – und so entdecken die Besucher der Ausstellung, die der Schärfe später auch noch bei einer Privatverkostung im kleinen Büro des Gartenmeisters auf den Grund gehen, fast 150 Sortenzüchtungen inklusive Wildarten, was für die meisten nichts weniger als eine großartige Reise in ferne Länder ist.

Mexiko. Bolivien. Indien. Und jetzt: Herrenhausen. Die Gärtner und Gartenmeister haben eine zauberhafte wie geheimnisvolle Welt geschaffen, erwachsen aus einem kleinen Samenkorn über die jungen Zöglinge bis zu den saftig-grünen Pflanzen, vornehmlich beerenkoloriert in Rot, Gelb, Orange, Violett, Weiß. Ja, sogar in Porzellanfarben leuchten die Chilis aus den Hochbeeten – und mindestens bemerkenswert ist ebenso die nahezu hundehaufenfarbige Couleur der Naga Jolokia. Die Inszenierung der Schau findet in gebundenen, von der Schauhausdecke herabhängenden Chilikränzen und kleinen Themenwelten zur Trocknung oder Frischverarbeitung ihren besonderen Schliff. „Wir haben keinen Aufwand gescheut, um diese Früchte und Pflanzen in Szene zu setzen“, sagt Konarske, dem man die Mühen gerne glaubt, denn gerade steht er vor einem zentnerschweren gusseisernen alten Ofen, „den wir hierher befördert haben“. Und kaum hat er dieses Stillleben aus Herd, Topf, Holzlöffel und allerlei Chilis mit geradezu poetischen Worten hervorgehoben, dreht er sich auch schon zur nächsten kleinen Sensation. „Das hier ist einer der schärfsten Chilis der Welt.“ Fast liebevoll nimmt Konarske eine Beere der Sorte Carolina Reaper in die Hand. Er darf das, er ist schließlich Gartenmeister. Ansonsten gilt hier, nur zugucken, aber nichts anzufassen. Ist vielleicht auch besser, denn „Reaper“ heißt übersetzt „Sensenmann“. Auf der Schärfe-Skala 0 bis 10 hat dieser Chili unter Einbeziehung der sogenannten Scoville-Skala hinter der 10 noch zwei Pluszeichen zusätzlich erhalten. 10++ bedeutet: reines Kehlenfeuer, das für lukullische Zwecke vermutlich nicht recht dienen würde. Die Habanero orange, zwar auch scharf, aber noch kurz unter der Zehner-Marke, ohne Plus und mit viel fruchtigem Aroma, käme in dieser Hinsicht eher infrage. Habanero-Sorten sind aber möglicherweise nur für geübte Scharfzüngler zu empfehlen, die am heimischen Herd die Flamme nicht fürchten, die sich im Mundraum bei allzu freigiebigem Einsatz dieses Gewürzes zu entfalten vermag. Die Finesse des Feuers liegt grundsätzlich im ausgewogenen Verhältnis von Frucht und Schärfe. Gute Sorten für den Eigenverbrauch sind zum Beispiel Elefantenrüssel, Lemon Drop und Criolla Sella.

Die Ausstellung ist für den Berggarten eine Premiere und mit dieser Fülle die größte Chili-Ausstellung Deutschlands. Fast alle der 150 gezeigten Sorten sind vor Ort selbst ausgesät und gezogen worden. Von Botanik über Geschichte bis zur Kulinarik reichen die Informationen. Chilis gehören zur Familie der Nachtschattengewächse, zu der auch andere Nutzpflanzen wie Tomaten, Kartoffeln, Auberginen, Andenbeeren oder Tabak gehören. Alle Angehörigen dieser Familie zeichnen sich durch ihren Gehalt an sekundären Pflanzenstoffen aus und sind daher meist in bestimmten Pflanzenteilen giftig. Den Scharfmacher Capsaicin hat jedoch nur die Gattung der Chilis hervorgebracht. Er fördert die Durchblutung und schüttet Endorphine aus. Mit anderen Worten: Capsaicin fördert die Gesundheit und macht glücklich.

4 Bilder
Scharf und fruchtig zugleich: Habanero Orange

„Scharfe Früchtchen“ – die Chili-Ausstellung ist im Tropenschauhaus des Berggartens bis Sonntag, 22. November, täglich von 10 bis 17 Uhr zu sehen. Am nächsten Wochenende, 7. und 8. November, sind darüber hinaus Chili-Tage im Berggarten mit lukullischen Überraschungen, zum Beispiel gerösteten Chilis.




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