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„Wenn sie herauskommen aus den Lazaretten“ – Folgen des I. Weltkriegs

Die Einbeinigen, Einarmigen und Blinden

Zwar ist das relativ neue Sozialversicherungssystem inzwischen etabliert, aber nun muss es seine „Feuerprobe“ im Krieg bestehen. Schon wenige Tage nach Kriegsausbruch wird in der Dewezet berichtet, dass der Lohn der „zum Heeresdienst einberufenen Arbeiter, welche in Reichs- und preußischen Staatsbetrieben ständig beschäftigt waren“, erst einmal weitergezahlt werden soll. Ehefrauen erhalten allerdings nur bis zu 25 Prozent, Kinder bis 15 Jahre bis zu 6 Prozent, die gesamte Familie höchstens 50 Prozent des Lohnes des Eingezogenen. Nicht wenige Familien stürzen direkt in existenzielle Nöte und die zurückbleibenden Frauen werden unversehens zu Bittstellerinnen.

Autor:

Dr. Gesa Snell

Der Hamelner Magistrat kann die bevorstehenden sozialen Probleme gut einschätzen und beschließt bereits am 12. August, einen Kredit über 100 000 Mark aufzunehmen, um die Angehörigen von Soldaten unterstützen zu können. Der Beschluss wird, wie extra angemerkt ist, trotz angespannter Kassenlage einstimmig und ohne Diskussion getroffen, weil er als patriotische Notwendigkeit betrachtet wird. Ein Ausschuss aus Ratsmitgliedern wird gebildet, der die Gelder je nach Bedürftigkeit verteilen soll. Bald beginnt auch das städtische Kriegsfürsorgeamt seine Arbeit.

Neben den staatlichen und kommunalen Stellen werden aber vor allem Vereine aktiv. Das Rote Kreuz beginnt ebenfalls schon im August mit seiner durchorganisierten Unterstützungsarbeit. Das Stadtgebiet wird in einzelne Bereiche mit je einer Dame als zuständiger Ansprechpartnerin aufgeteilt. Es geht aber nicht um reine Wohltätigkeit, sondern um Hilfe zur Selbsthilfe: „Hilfsbedürftige wollen sich wegen Nachweis von Arbeitsgelegenheit und Gewährung von Unterhaltungsmitteln an die Vorsteherinnen ihrer Bezirke wenden.“ Bei den Arbeitsgelegenheiten handelt es sich meist um Auftrags-Näharbeit, aber auch um bezahlte Unterstützung in den Lazaretten.

Die Hamelner Gesangvereine starten im Herbst 1914 eine ganz besondere Initiative. Fast alle Vereine schließen sich zu einer Art Aktionsbündnis zusammen und agieren von nun an gemeinsam. Sie erwerben für die rund 100 eingezogenen Hamelner Sänger eine Police bei der „Hannoverschen Kriegsversicherung auf Gegenseitigkeit für den Krieg 1914“. Die dafür fällige Prämie von 1000 Mark soll über Eintritte und Spenden bei Konzerten finanziert werden. Das Vorgehen ist durchaus als Botschaft gedacht, man will zeigen, „daß die Sangesbrüderschaft nicht nur in guten, sondern auch in bösen Tagen und nicht allein mit Worten, sondern vor allem mit der Tat zu halten bereit ist“.

Wohltätigkeit ist eine Geste, die man sich leisten können muss. Die Gesangvereine setzen hier ein anderes Signal und beschreiben ihre Aktion so: „Sie unterscheidet sich wesentlich wohl von allen Einrichtungen, die ähnlichen Zweck verfolgen, indem sie nicht Geld oder Gaben an Geldeswert sammelt, sondern durch eigene Arbeit Werte schafft. Dem Krieger gleich, für den der Sänger wirkt, stellt er sich selbst und seine Kraft in den Dienst reinster Nächstenliebe. Hier gilt nicht die Frage, wie viel der Bemittelte gibt von seinem Ueberfluss oder der Wenigerbemittelte von seinem Spargroschen; der Sänger opfert mehr als Gold: Begeisterungsvoll weiht er sein eigenes Ich und von dem teuersten der Güter, das für Gold nicht feil ist, nämlich allwöchentlich Stunden seines Lebens dem edlen Werk.“ Zwei Jahre später wird das Engagement der Hamelner Sänger vom Verband der niedersächsischen Gesangvereine als vorbildlich bezeichnet und den anderen Gesangvereinen zur Nachahmung empfohlen. Viele andere Vereine und Verbände werden aktiv, um Spenden zu sammeln, das Rote Kreuz und die Sänger gehören aber zu den stetigsten, den aktivsten und den ideenreichsten.

Die Stadtverwaltung reagiert auf die veränderten Lebensbedingungen von Familien und richtet 1917 in der sogenannten Franzosenburg in Groß Berkel ein Kriegskinderheim ein. „70 schwächliche und erholungsbedürftige Kinder, vornehmlich Kriegskinder, haben zunächst für die Dauer von drei Wochen Aufnahme gefunden, um sich in kräftigender Luft und bei guter Ernährung zu erholen und heute, wo der Vater im Felde steht und die Mutter ihren Sinn mit auf den Erwerb richten muß, der Verwahrlosung auf der Straße enthoben zu sein.“ Eine regelrechte Kinderbetreuung ist in dieser Zeit eine Seltenheit.

Stirbt der Familienernährer im Krieg, wird die Situation für Familien noch prekärer. Sehr viele Soldaten erleiden dieses Schicksal in den am Krieg beteiligten Staaten. Insgesamt verlieren rund neun Millionen Männer ihr Leben, darunter mehr als zwei Millionen Deutsche, etwa 1,5 Millionen Männer aus Österreich-Ungarn, mehr als 1,3 Millionen Franzosen und mehr als 1,8 Millionen Russen. Nicht immer sind Kampfhandlungen die Todesursache, sondern auch Seuchen (die vor allem durch Läuse übertragen werden), unbehandelte Magen-Darm-Erkrankungen und so weiter.

Die menschliche Tragödie steht neben dem drohenden endgültigen sozialen Absturz der Familie. Die Lebensperspektive einer Kriegerwitwe verändert sich mitunter radikal: Als alleinstehende Frau mit Kindern droht die gesellschaftliche Ausgrenzung, die Unterhaltung der Familie liegt nun dauerhaft auf ihren Schultern. Zwar wird unter Umständen eine Witwen- oder Waisenrente bezahlt, deren Höhe richtet sich aber nach dem Dienstgrad des Mannes und nicht nach seiner Stellung im zivilen Leben. Eine fatale Regelung für die Hinterbliebenen der wehrpflichtigen Mannschaften.

Schwierig ist auch das Los der Kriegsversehrten. Wird eine Verwundung zu Beginn des Krieges noch als heldenhaftes Opfer betrachtet, lässt allein die große Zahl von teils grausam verstümmelten Männern, die bald das Straßenbild prägen, den Nimbus schnell verblassen. Es kommt zu deprimierenden Begegnungen: „Es ist […] gewiß nicht böse gemeint, wenn […] manche Menschen die verwundeten Krieger […] in auffälliger Weise mustern und ihrem Mitleid in lauten Worten Ausdruck verleihen. Es macht aber auf die so schwer Betroffenen einen recht verletzenden Eindruck, wenn die Vorübergehenden bei ihrem Nahen stehen bleiben, einander zutuscheln, sie wie ein Schaustück angaffen, wohl auch Ausrufe hören lassen wie: ‚Sieh nur, der ist blind!‘ oder: ‚Der hat einen Arm verloren!‘“ Die Sicht der Betroffenen wird in all ihrer Tragik beschrieben: „Wir wollen von den Leuten nicht bemitleidet sein. Wenn ihr einem Schwerverwundeten begegnet, tut gar nicht, als ob er ein solcher wäre! Dann wird es gar kein eigentliches Krüppeltum mehr geben – uns Invaliden zur Freude!“ Eine Utopie.

Auch die psychischen Folgen der Kämpfe sind immens. Sie drücken sich bei vielen Soldaten in dauerhaftem Verstummen, Erstarren oder dem Gegenteil, unkontrolliertem Weinen und Schreien aus. Das sogenannte Kriegszittern, englisch „Shell shock“, ist ein in der Zeit bekanntes Phänomen. Etwa 200 000 Soldaten leiden daran – die Suche nach einer wirksamen Behandlung ist drängend, gelingt aber erst in Ansätzen. Bald ist man überzeugt, dass Elektroschocks die Kranken am ehesten wieder einsatzfähig machen können. Nicht selten führt diese Behandlung jedoch stattdessen zum Tod des Betroffenen.

Bei Kriegsende leben in Deutschland rund 2,7 Millionen physisch und psychisch versehrte Kriegsteilnehmer. Im Hamelner Lokal-Anzeiger findet sich eine amerikanische Reportage über eine „Krüppelfürsorge-Anstalt“, in der Verwundete wieder arbeitsfähig gemacht werden sollen. Der Text endet mit dem energischen Satz des Hamelner Journalisten: „Trägheit ist vom Uebel, nur die Arbeit erhebt Herz und Sinn, sie macht das Leben lebenswert, auch für unsre Invaliden.“ Es lässt sich erahnen, wie schwer es diejenigen nun haben, die dieser

Maxime nicht

mehr nach-leben können.




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