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Die Daten hätten jeden Ost-Spion begeistert

Ich war schon als Neun- oder Zehnjähriger fasziniert von den schweren Geräten der Briten“, sagt Arnd Wöbbeking. Nicht unbedingt die Waffen der britischen Armee seien es gewesen – „eher die großen Fahrzeuge, wie zum Beispiel die Brückenleger von den britischen Pionieren“. Später ist daraus ein richtiges Hobby geworden, erzählt er. „Ich habe angefangen, Fotos und möglichst alle Daten über die unterschiedlichen britischen Einheiten zu sammeln, die in Hameln stationiert waren und es ja immer noch sind.“ Der 43-jährige technische Zeichner erinnert sich genau: „Wir hatten als Kinder viel Kontakt zu britischen Soldaten. Von denen haben wir Süßigkeiten bekommen und kleine Geschenke, wenn wir mal was für sie aus einem Laden besorgt haben.“

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Autor:

Wolfhard F. Truchseß

Auf seiner Homepage schreibt Wöbbeking: Als Kinder hätten sie abends immer sehnsüchtig an der Straße oder in der Feldmark gestanden und nach Motorengeräuschen gelauscht oder gelben Blinklichtern Ausschau gehalten! Weil dies immer untrügliche Zeichen gewesen seien, dass die Soldaten wiederkommen! „Und da ich zwischen zwei wichtigen Weserübergängen (Ohr, Grohnde, Latferde) wohne, kamen sie alle bei uns vorbei! Es war der Wahnsinn! Wer den Sound eines Chieftain gehört hat, wird ihn nie vergessen! Ebenso der Geruch und die blauen Dieselschwaden, die noch stundenlang nach dem letzten Panzer in der Luft hingen! Ja, wir, die wir dieses Hobby haben, sind schon eine Spur verrückt. Aber wir wissen alle, dass es gut ist, so wie es gekommen ist! Der Kalte Krieg ist zu Ende und das ist gut so!“

Inzwischen beschäftigt sich Wöbbeking seit zehn Jahren „semiprofessionell“ – wie er selbst sagt – mit dem Thema und betrachtet sich dabei als durchaus ernsthaften Hobby-Historiker. Die Ergebnisse seiner Recherchen hat Wöbbeking auf einer eigenen Homepage im Internet veröffentlicht. Unter der Adresse http://armaniwoe.jimo.com/ history-of-british-army-in-hameln/ findet sich die Geschichte des britischen Militärs in Hameln, die der Mann aus Hagenohsen zusammengetragen hat. Fast alle Kapitel sind sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch verfasst und verweisen jeweils auf die Quellen, die Wöbbeking sich selbst erschlossen hat oder auf die Informanten, denen er seine Fotos, Daten oder Dokumente verdankt.

Fast lückenlos lässt sich hier nachverfolgen, welche britischen Einheiten seit dem 20. Mai 1945 in der Rattenfängerstadt erst als Besatzungstruppen, später als Verbündete kaserniert waren und gemeinsam mit anderen Waffengattungen ihre Manöver abhielten. Die erste Einheit, die den amerikanischen Truppen folgte, die Hameln im April 1945 eingenommen hatten, war die „A“ Company – 5th Bn Queens Own Cameron Highlanders, die aber schon im August 1945 durch andere Truppen abgelöst wurde.

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Genauestens hat Wöbbeking in dieser Chronik aufgelistet, zu welchen verschiedenen Divisionen Ihrer königlichen Majestät die jeweiligen Squadronen gehörten und wie lange sie an der Weser übten. Manche Einheiten waren nur wenige Monate in den Hamelner Kasernen, andere, wie beispielsweise das „26 Regiment Royal Corps of Transport“ oder das „28 Amphibious Engineer Regiment“ der 7. Artillerie Brigade, dagegen jahrelang. Wöbbeking ist sich sicher, dass die meisten seiner Daten stimmen, sagt aber auch, dass er trotz aller Hilfen und Bemühungen für die Richtigkeit der von ihm angelegten Zeittabelle keine Verantwortung übernehmen kann und weiter nach Bildern, Dokumenten oder dergleichen sucht, die ihm weiter zur Vervollständigung dieser Liste helfen.

Detailverliebt, wie der 43-Jährige ist, hat er beispielsweise durch Kontakte nach England alle Kennzeichen der Amphienfahrzeuge ermittelt, die durch Hamelns Straßen fuhren oder durch die Weser schwammen. „Jedes Fahrzeug hat eine eigene spezielle Geschichte“, erläutert Wöbbeking. „Die lässt sich genau nachverfolgen, weil im Motorblock des Fahrzeugs eine exakte Dokumentation besteht, die aber nur den Soldaten der Instandsetzung zugänglich ist.“

Zahlreiche Fotos der verschiedenen Fahrzeug- oder Bootstypen machen die Homepage Wöbbekings zumindest für Militär-Enthusiasten zu einer erstaunlich gut gefüllten Fundgrube, die in Zeiten des Kalten Krieges jeden Ost-Spion begeistert hätte, weil sie zahllose Details zeigen, die auch für einen militärischen Gegner von Interesse gewesen wären. Exakt werden Abmessungen, Motorstärke, Höchstgeschwindigkeiten und die Unterschiede der verschiedenen Brückenlegefahrzeuge der Pioniere aufgeführt. Und wer nachlesen möchte, was seit Mitte der 60er Jahre die Dewezet über die Aktivitäten der britischen Truppen geschrieben hat, muss sich nicht ins Archiv der Zeitung begeben und dort mühsam suchen, sondern kann sich der Lektüre auf Wöbbekings Homepage widmen. „Zwei Jahre habe ich immer wieder im Stadt-Archiv gesessen und die Dewezet gelesen und mir Kopien machen lassen. Das war eine Menge Arbeit“, berichtet Wöbbeking. Wobei er sich besonders auf die Monate von August bis November gestürzt habe, „weil das die Zeit der großen Manöver war“.

Dass auf der Homepages Hunderte von Fotos in bester Qualität zu sehen sind, verdankt der Hobby-Forscher und hervorragende Fotograf vor allem seinen offenbar sehr guten Kontakten zu Soldaten der British Army, die ihm viele Aufnahmen zur Verfügung gestellt haben, die normalerweise von keinem Deutschen hätten gemacht werden können. Denn näher als die Teilnehmer von Manövern oder den Trainingseinheiten auf den Übungsplätzen rund um Hameln, konnte kein Fotograf herankommen.

Aber auf der Homepage finden sich nicht nur Fotos von schwerem oder leichterem Gerät. Wöbbeking hat für viele Jahre auch dokumentiert, wie sich die Briten in der deutschen Öffentlichkeit engagiert haben, wie zum Beispiel beim Felgenfest mit dem Übergang bei Großenwieden, dem Tag der Niedersachsen oder dem auch für deutsche Besucher öffentlichen Guy Fawks Day mit großem Feuerwerk und britischen Spezialitäten.

Dank seiner Veröffentlichungen hat Wöbbeking sogar schon Menschen zusammengebracht, die sich Jahrzehnte aus den Augen verloren hatten: Eine junge Dame aus Hehlen namens Heidi hatte 1969 den britischen Soldaten William Alexander Ross kennengelernt und offenbar „eine wunderschöne Zeit“ mit ihm gehabt, wie es auf der Homepage heißt. „William musste, obwohl er nicht wollte, weg nach Singapur, und für Heidi brach eine Welt zusammen. 40 Jahre lang hat Heidi ihren William gesucht.“ Als sie einen Eintrag von Ross im Gästebuch der Homepage fand, habe sie Wöbbeking eine Mail geschrieben und ein Foto von damals mitgeschickt, das er an William weitergeleitet habe. „So haben sich mit dieser Webseite zwei Menschen wiedergefunden, die sich 41 Jahre lang gesucht haben.“ Verständlich, dass Wöbbeking den beiden höchstpersönlich noch viele glückliche Jahre wünscht.

Er selbst hofft, auch in Zukunft über Internet-Foren und andere freundschaftliche Kontakte seine militärhistorische Sammlung komplettieren zu können. Und sei es, dass Leser dieses Artikels ihm mit ihren Kenntnissen oder selbst gemachten Fotos dabei helfen können.

Die Geschichte des britischen Militärs in Hameln ist bislang weitgehend unbekannt. Arnd Wöbbeking hat sie in den vergangenen zehn Jahren aus ganz persönlichem Interesse erforscht und sie auf einer eigenen Homepage minuziös dokumentiert.

Hobby-Historiker Arnd Wöbbeking an seinem Schreibtisch mit dem Wappen des 28. Engineer Regiments.

Foto: wft

Ein CSB-Boot auf der Weser in Aktion. Rechts: Erfolgreicher Brückenbau durch britische Pioniere aus Hameln. Fotos:

Wöbbeking



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