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NS-Kulturpolitik vor 75 Jahren: Vorgeschichte, Gründung und Fall der Militärmusikschule

Die Bückeburger „Musikrekruten“

Nicht selten entpuppen sich vermeintlich zukunftsträchtige Investitionen im Nachhinein als Flop. Das gilt auch für die vor 75 Jahren mit vielen Vorschusslorbeeren bedachte Bückeburger Militärmusikschule. Die Eröffnung der ersten deutschen Ausbildungsstätte für „Musikrekruten“ wurde damals als Glücksfall und Meilenstein der Stadtentwicklungsgeschichte gefeiert. Knapp zehn Jahre später wusste man es besser. Die Ansiedelung der Schule hatte sich nicht als Neubeginn, sondern als Anfang vom Ende erwiesen. Schlimmer noch: Der Ex-Residenz war dabei Kulturgut von unschätzbarem Wert verloren gegangen.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Die Vorgeschichte dieser Ereignisse ist eng mit Repräsentationsbedürfnis und Mäzenatentum der Bückeburger Schlossherren verknüpft. Vor allem der Graf und spätere Fürst Ernst (1601-1622) sowie dessen Nachfahren Graf Wilhelm (1748-1777) und Fürst Georg (1893-1911) hatten für herausragende Musiker und Musikdarbietungen gesorgt. Auch Georgs Sohn und Nachfolger Adolf II. nahm zunächst viel Geld in die Hand, um dem Musikleben seiner Residenz zusätzlichen und dauerhaften Glanz zu verleihen. 1913 gab er die Errichtung eines repräsentativen Neubaus als Standort einer geplanten Orchesterhochschule in Auftrag, und vier Jahre später ließ er – als reichsweit einmaliges Prestigeprojekt – ein „Institut für musikwissenschaftliche Forschung“ aus der Taufe heben. Während das Institut dank einer klug und zügig zusammengestellten Originalhandschriftensammlung schon bald internationales Ansehen gewann, kam der Akademiebetrieb nie richtig in Gang. Hauptgrund war der seit 1914 tobende Erste Weltkrieg. Erst im Oktober 1919 – ein Jahr nach Kriegsende – zog musikalisches Leben in das bis dato weitgehend ungenutzten Prachtgebäude ein. Mit neuerlicher Unterstützung Adolfs ging eine neu gegründete „Fürstliche Musikschule“ an den Start. Ziel der sich „Collegium musicum“ nennenden Einrichtung war die Ausbildung von Berufsmusikern und „Dilettanten“. Als Lehrkräfte kamen überwiegend Mitglieder der arbeitslos gewordenen und ums Überleben kämpfenden Hofkapelle zum Einsatz. Das Vorhaben erwies sich als „Totgeburt“. Nach anfänglich guter Nachfrage ging der Schulbetrieb immer mehr zurück. Das herrschaftliche Gebäude wurde zunehmend als Wohnraum und zur Erteilung von Privatstunden genutzt.

Angesichts dieser Entwicklung griff man in Bückeburg sofort zu, als sich – plötzlich und unerwartet – Ende 1933 eine neue Überlebens- und Entwicklungsperspektive auftat. Das NS-Regime hatte wenige Monate nach der „Machtergreifung“ mit der „Neuordnung“ der Kunst- und Kulturszene begonnen. Um die Gleichschaltung des Musiklebens kümmerte sich eine „Reichsmusikkammer“. Werke und Komponisten, die nicht dem nationalsozialistisch-völkischen Geschmack entsprachen, wurden zügig und gnadenlos aussortiert.

Den Betreibern der Musikschule war der ideologische Hintergrund ziemlich egal. Nach kurzen Verhandlungen zwischen Hofkammer, Stadt Bückeburg, Landesregierung und Reichsmusikkammer kam eine Art Tauschhandel zustande. Die Fürstliche Musikschule wurde in ein kommunales Stiftungsvermögen überführt. Um die Neubelebung, Organisation und Auslastung des Unterrichtbetriebes einschließlich Lehrpersonal und Unterbringung der Schüler war in Zukunft die Reichsregierung zuständig. Und als Gegenleistung musste das Institut für musikwissenschaftliche Forschung nach Berlin abgegeben werden. 1934 ging es los. Als erstes wurde das Institut an die Spree verlegt und in „Reichsinstitut für deutsche Musikforschung“ umbenannt. Ein Jahr später ging in Bückeburg, wie eingangs dargestellt, eine Militärmusikschule an den Start. Die neue Ausbildungsstätte werde dazu beitragen, die „völkische Kunst zum Edlen, Schönen, Erhabenen und Beglückenden“ zu erheben, kündigte der hiesige Gauleiter Meyer beim Weihefestakt am 25. 11.1935 im mit Hakenkreuzfahnen reich geschmückten Bückeburger Rathaussaal an. Mit der „künstlerisch seichten Systemzeit mit ihren Jazzkapellen“ sei es nun ein für alle Mal vorbei.

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Auch in den Zeitungen wurde die neue Ausbildungsstätte als Quell und Keimzelle einer neuen Musikkultur gefeiert. „Herrliche Heimstatt für Deutschlands neue Musikrekruten“ – so eine der 1936 überall im Reich zu lesenden Schlagzeilen. Dann folgten überschwängliche Beschreibungen des Schulungsbetriebs. Der erste Jahrgang bestehe aus 30 jungen Burschen ab 14 Jahren. Die internatsmäßige Ausbildung insgesamt gehe über vier Jahre. Besonderer Wert wurde laut Zeitungsberichterstattung auf das „Musizieren beim Marschieren“ gelegt. Schließlich seien „die genaueste Einhaltung des Schrittmaßes und der Einteilung des Atmens unerlässliche Voraussetzungen für den harmonischen Zusammenklang der Instrumente des marschierenden Zuges“. Wie das wirkte, wenn alles klappte, beschrieb ein von Berlin nach Bückeburg geeilter Reporter so: „Es ist ein unvergesslicher Anblick, wenn ein Militärmusikzug mit klingendem Spiel im Paradeschritt vorbei marschiert“.

Genau das hatte man in Berlin mit der Gründung der Musikschule bezweckt. Mit Sang und Klang durchs Reich marschierende Uniformträger würden mithelfen, den Deutschen die seit Ende des Ersten Weltkrieges vorherrschende Kriegsverdrossenheit auszutreiben, so das Kalkül der NS-Ideologen. Der Militärmusik komme „die große Aufgabe zu, ein wichtiges Verbindungsstück zwischen dem Volk und seinen Soldaten zu sein“, war in einem Strategiepapier zu lesen.

Am 1. April 1939 wurde diese gedankliche Marschrichtung auch organisatorisch vollzogen. Die bis dato der Kulturbürokratie zugeordnete Militärschule wurde dem Reichskriegsministerium unterstellt und zur „Heeresmusikschule“ umfunktioniert. Der Lehrbetrieb spielte sich mehr und mehr auf dem Kasernenhof ab. Das Schlimmste seien die Nächte gewesen, erinnerte sich nach 1945 der als Schauspieler berühmt gewordene Ex-Zögling Karl Lieffen. „Ein Schlafsaal, Betten übereinander, wie der Geruch im Käfig“. Dabei konnte Lieffen, genauso wie sein Mitschüler und Stubennachbar James Last, noch von Glück sagen. Am 6. April 1945, wenige Stunden vor dem Einmarsch der Amerikaner, wurden alle, die 16 und älter waren, den vorrückenden amerikanischen Panzern entgegengeschickt. Die meisten der 27 notdürftig mit dänischen Beutegewehren ausgestatteten Jungen kamen im Granathagel um. Einige sind für immer in Bückeburg geblieben. Sie liegen auf dem Petzer Friedhof begraben.

Schüler der 1939 eingerichteten „Heeresmusikschule“.




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