×

„Die Bankräuber waren nur Marionetten“

Hessisch Oldendorf. Sie waren elegant gekleidet und nur dezent maskiert – seelenruhig plünderten die beiden Gewalttäter den Panzerschrank der Sparkasse Weserbergland am Marktplatz in Hessisch Oldendorf. Die Räuber suchten mit 697 000 Euro das Weite. Zurück blieb ein verletzter Kassierer (25). 155 Tage nach dem Überfall glaubt die Sonderkommission „Tresor“ der Polizeiinspektion Hameln/Holzminden, die Drahtzieher und Hauptakteure zu kennen.

Von Ulrich Behmann

Hessisch Oldendorf. Sie waren elegant gekleidet und nur dezent maskiert – seelenruhig plünderten die beiden Gewalttäter den Panzerschrank der Sparkasse Weserbergland am Marktplatz in Hessisch Oldendorf. Die Räuber suchten mit 697 000 Euro das Weite. Zurück blieb ein verletzter Kassierer (25). 155 Tage nach dem Überfall glaubt die Sonderkommission „Tresor“ der Polizeiinspektion Hameln/Holzminden, die Drahtzieher und Hauptakteure zu kennen. Fünf Männer (28, 30, 31, 34, 50) aus Polen, Griechenland und der Türkei, die zu einer Bande gehören sollen, die zahlreiche Einbrüche in deutsche Sparkassen verübt hat, sind nach Überzeugung des Ersten Kriminalhauptkommissars Dietmar Hasewinkel an dem Bankraub von Hessisch Oldendorf beteiligt gewesen – als Planer, Tipp-Geber und Fluchtwagen-Fahrer. „Die beiden immer noch flüchtigen Räuber haben im Auftrag gehandelt. Sie waren nur Marionetten“, glaubt Hasewinkel, der die Soko, die zeitweise 25 Mitglieder hatte, geleitet hat.

Gegen zwei Tatverdächtige hat die Staatsanwaltschaft Bielefeld Anklage erhoben – und zwar wegen gemeinschaftlichen schweren Raubes. Nach Angaben von Oberstaatsanwalt Reinhard Baumgart handelt es sich um den 28-jährigen Piotr P. aus Herford und um den Gütersloher Ilias P. (50). Piotr P. ist seit Mai 2008 Angestellter eines Bielefelder Geldtransportunternehmens. Dem jungen Mann wird zur Last gelegt, Insiderwissen preisgegeben und den Räubern Zugang zum Tresorraum verschafft zu haben. Ilias P. soll der Fahrer des Fluchtwagens gewesen sein. Im November gehörte er zu den Männern, die die Sparkasse ausbaldowert haben sollen. Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Bielefeld hat 29 Seiten.

Am 2. Dezember um 9 Uhr fuhr ein gepanzerter Transporter in die Sicherheitsschleuse der Tiefgarage der Sparkasse Hessisch Oldendorf. Auf dem Beifahrersitz saß der bewaffnete Geldbote Piotr P. – er und sein Kollege hatten den Auftrag, 435 000 Euro abzuliefern und anderes Geld wieder mitzunehmen.

4 Bilder

Die Ermittler nehmen an, dass Piotr P., der für gewöhnlich am Steuer des Panzerwagens saß, an diesem Tag nicht ohne Grund der Beifahrer war. Denn: Derjenige, der nicht fährt, muss das Tor zum Tresor-Vorraum per Knopfdruck öffnen und schließen. Auf diese Weise war es Piotr P. möglich, unbemerkt eine von außen mit einem PIN-Code gesicherte Tür zum Treppenhaus einen Spalt weit zu öffnen. Erst als die Geldboten mit dem Panzerwagen aus der Schleuse herausgefahren waren und sich das Tor wieder geschlossen hatte, traten die Räuber in Aktion. Durch die nur angelehnte Tür gelangten sie in den Tresorraum, in dem der Hauptkassierer noch mit dem Sortieren des Geldes beschäftigt war.

Die Räuber schlugen den Bankangestellten nieder, fesselten und knebelten ihn. Dann nahmen sie ihm den Schlüssel für die Geldschränke weg. Aus dem Tresor stahlen die Verbrecher 697 000 Euro. Sie öffneten zwar noch weitere Geldfächer, allerdings waren diese leer.

Die Täter flüchteten durch das Treppenhaus, durch das sie gekommen waren, und verließen das Sparkassen-Gebäude durch eine Personaltür, die zum Marktplatz führt. Ganz in der Nähe soll Ilias P. (50) in einem Mercedes gewartet haben. Die Täter stiegen ein – und der in Deutschland lebende Grieche gab Vollgas. Das war ein Fehler. Das silberfarbene Auto fiel nämlich nur deshalb auf, weil es mit hoher Geschwindigkeit aus einer Seitenstraße fuhr. Ein Augenzeuge konnte sich einen Teil des Kennzeichens aus Gütersloh merken. Den Beamten des Fachkommissariates 2 (FK 2) gelang es rasch, den Halter des Fluchtwagens zu ermitteln. Recherchen im Umfeld des 34-Jährigen ergaben: Er gehört zu einer Personengruppe, die Kontakt zu dem Geldboten Piotr P. hat. Die Ermittler der Soko waren auf eine heiße Spur gestoßen. Von Anfang an hatten sie vermutet, dass die Verbrecher Insiderwissen gehabt haben müssen. Nun ahnten sie, wer ihnen die Details über den Ablauf der Geldanlieferung gesteckt hatte.

Die Hamelner Soko-Mitglieder erfuhren von ihren Kollegen aus Gütersloh, dass diese bereits gegen einen Teil der mutmaßlich am Bankraub in Hessisch Oldendorf beteiligten Männer wegen einer Serie von Sparkassen-Einbrüchen ermittelten. Die Täter hatten sich auf das Aufbrechen von Schließfächern spezialisiert.

Die für Organisierte Kriminalität zuständige Abteilung der Staatsanwaltschaft Bielefeld zog den Fall an sich. Polizisten aus Hameln, Gütersloh und Bielefeld arbeiteten fortan eng zusammen, stimmten die weiteren Schritte miteinander ab.

Telefone und Handys der Tatverdächtigen wurden abgehört und Hinweise von zwei Informanten, denen laut Staatsanwaltschaft Bielefeld Vertraulichkeit zugesichert wurde, ausgewertet. So erfuhren die Ermittler, dass sich drei Tatverdächtige (30, 34, 50) am 15. Dezember mit einem Flugzeug nach Thessaloniki (Griechenland) absetzen wollten. Um 12 Uhr wurde das Trio – darunter der Halter des Fluchtwagens – am Flughafen Düsseldorf von Zivilfahndern festgenommen. Drei Stunden später klickten auch bei dem muskulösen Piotr P. die Handschellen. Spezialfahnder eines Mobilen Einsatzkommandos schnappten ihn in der Nähe seines Arbeitsplatzes. In Hagen wurde ein fünfter Mann dingfest gemacht. Gegen den Vorbestraften (31) lag ein Haftbefehl wegen der Sparkassen-Einbrüche vor.

Ilias P. hat inzwischen sein Schweigen gebrochen und eingeräumt, am 2. Dezember mit dem Mercedes seines Freundes zwei Männer nach Hessisch Oldendorf gefahren zu haben. Er kenne die Leute nicht, behauptet er. „Das sind Osteuropäer gewesen“, sagt er. Ilias P. mimt den völlig ahnungslosen Chauffeur. Mit dem Bankraub will er nichts zu tun haben. Doch die Indizien sprechen eine andere Sprache. Nach dem Raubüberfall ist der Sohn von Ilias P. plötzlich zu Geld gekommen. Auf seinem Konto entdeckten Finanzermittler 9900 Euro. Und mit 13 000 Euro hat der junge Mann den kurz zuvor gepfändeten Mercedes Geländewagen seines Vaters ausgelöst.

Wann der Prozess stattfindet, steht noch nicht fest.

Am 2. Dezember ereignete sich in Hessisch Oldendorf der bislang spektakulärste Bankraub in der heimischen Kriminalgeschichte. Die Sonderkommission der Hamelner Polizei glaubt, die Namen der Hintermänner zu kennen. Fünf Verdächtige, die zu einer Bande gehören sollen, wurden bislang festgenommen. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft gegen einen Geldboten und den mutmaßlichen Fahrer des Fluchtwagens Anklage erhoben. Auf 1800 Blatt Papier steht, was die Soko „Tresor“ herausgefunden hat.

Sitzt in Untersuchungshaft: Geldbote Piotr P. (28) soll die Bankräuber in den Tresorraum gelassen haben.

Der Fluchtwagen: Am Steuer dieses Autos saß Ilias P. (50). Er hat aus Sicht der Ermittler bereits ein Teilgeständnis abgelegt.




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt