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Die Ölbarone von der Hochebene

Ottenstein. Wer bei einem Mühlenbetrieb heute noch an rauschende Bäche und klappernde Mühlsteine denkt, wird schwer enttäuscht sein, wenn er der hochmodernen Rapsölmühle in Ottenstein einen Besuch abstattet. Doch die Anlage hat – auch ganz ohne Idylle – einiges zu bieten: Seit vier Jahren sprudelt das Öl auf der Hochebene, 2007 wurde die Mühle in Betrieb genommen. Manfred Weiner, Bürgermeister des Fleckens Ottenstein und zugleich Sprecher des Ölmühlenbeirates, erinnert sich: Viele Gespräche und Planungen über die Strukturentwicklung der Region seien vorausgegangen. Schlussendlich habe man sich für eine Rapsölmühle entschieden – und rund eine Million Euro investiert. „Allein die Ölmühle und die komplette technische Anlage haben rund 500 000 Euro gekostet“, so Weiner.

Autor:

Matthias Rohde

Im Blick hatten die frischgebackenen Ölbarone von Anfang an die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten des Rapsöls, wie der Geschäftsführer der Ottensteiner Ölmühlengesellschaft, Andreas Möller, erklärt: „Unter den insgesamt 55 Teilhabern der Gesellschaft gibt es auch zwei Spediteure, die das Rapsöl als Kraftstoff eingesetzt haben. Unser Leitgedanke war: Kraftstoff aus der Region für die Region.“ Für die Ölproduktion werden jährlich rund 8000 Tonnen Raps benötigt, die komplett von Landwirten in der Region produziert und angeliefert werden.

„Wir haben uns damals aber nicht nur auf den Kraftstoffsektor konzentriert, sondern zeitgleich auch in Sachen Speiseöl experimentiert“, berichtet Möller. Wichtigste Voraussetzung dafür sei gewesen, dass man von Anfang an auf Qualität gesetzt und eine Anlage gebaut habe, die kaltgepresstes Rapsöl liefere. Der Unterschied zwischen kaltgepresstem und raffiniertem Öl liegt in der Herstellung, wie Möller erklärt: „Beim kaltgepresstem Öl kommen keine chemischen und thermischen Verfahren zum Einsatz, deswegen ist die Qualität des angelieferten Rapses von entscheidender Bedeutung, denn am Ende der Produktionskette behält das Rapsöl seinen Eigengeschmack.“ Im Gegensatz dazu seien raffinierte Pflanzenöle in der Regel geschmacksneutral.

Die hochmoderne und vollautomatische Anlage wird von Ölmüller Andreas Siegmann bedient. „Die Anlage läuft zirka 330 Tage pro Jahr – und zwar rund um die Uhr“, führt er aus. „Sämtliche Ventile, Filter, Pressen und die anderen Module sind mit Sensoren ausgestattet, die sich quasi gegenseitig informieren und damit den Produktionsablauf sicherstellen.“ Diese Sensoren können aber auch ein Signal auf das Mobiltelefon des Ölmüllers senden, wenn zum Beispiel ein Problem auftauchen sollte.

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Warm ist es im oberen Teil der Mühle, wo über eine sogenannte Schnecke der Raps in die Presse rieselt. Siegmann lacht und erläutert: „Die Wärme fügen wir bei der Produktion nicht hinzu, sondern sie entsteht durch die Reibung, die beim Pressvorgang entsteht.“ Das Öl befinde sich nämlich nicht in flüssiger Form im Korn, sondern müsse praktisch aus dem Korn herausgequetscht werden. Dazu seien ein hoher Druck und eine stetige langsame Rotation notwendig, so Siegmann weiter.

Da das so gewonnene Rapsöl aber noch nicht den Qualitätsstandards entspreche, würde es so lange zwischen einem Druckplattenfilter, der ähnlich wie ein Kaffeefilter funktioniere, und einem Trüböltank hin und her gepumpt, bis schließlich die für Lebensmittel notwendige Güte erreicht sei. Wie aus der Pistole geschossen erinnert sich Weiner: „24. Juni 2009. An diesem Tag wurden wir als Lebensmittelhersteller zertifiziert.“ Mit Stolz fügt er hinzu, dass man die internationalen Anforderungen sogar mit dem Prädikat „Higher Level“ bestanden habe. Aber erst im August des vergangenen Jahres wurden die ersten 20 000 Flaschen der Marke „Kaltgepresstes Weserbergland Rapsöl“ abgefüllt.

„Aus Rohstoffen der Region für die Region“ sei wie schon beim Kraftstoff auch beim Speiseöl das Motto gewesen, sagt Möller: „Was uns dabei natürlich noch fehlte, war ein funktionierendes Vertriebsnetz.“ Doch durch die Gespräche mit dem Geschäftsführer des Hamelner Salzgebäckherstellers Xox ergaben sich dann interessante Möglichkeiten und weitere Kontakte. Heute findet sich das heimische Rapsöl in zahlreichen Filialen großer Handelsketten, und die Ottensteiner sind durchaus für noch größere Aufgaben bereit. Weiner: „Wir haben mit den Ölmühlen Rinteln und Dransfeld Kooperationen, die mit ihren Kapazitäten von 16 000 beziehungsweise 32 000 Tonnen jährlich im Bedarfsfall zur Verfügung stehen.“

Bei der Produktion von kaltgepresstem Rapsöl entstehe zudem so gut wie kein Abfall, erklärt Ölmüller Siegmann: „Aus 100 Kilogramm Raps gewinnen wir rund 35 Kilogramm Rapsöl und 65 Kilogramm Rapskuchen, den wir als Futtermittel weiterverkaufen.“ Pro Monat entstünde maximal ein 50-Kilo-Sack Abfall. „Diese geringe Menge ist das Resultat einer letzten Sicherheitsreinigung des Korns.“

Als einziger Betrieb der drei heimischen Landkreise Holzminden, Schaumburg und Hameln-Pyrmont sind die Ottensteiner Rapsölexperten jetzt von der Marketinggesellschaft der niedersächsischen Land- und Ernährungswirtschaft zum „kulinarischen Boschafter Niedersachsens“ ernannt worden. Die Ottensteiner sind sichtlich stolz auf ihren Preis, der ihnen von Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister in Hannover verliehen wurde. Am Rande der Verleihung, so der Geschäftsführer, seien auch Kontakte zu großen Hotelketten und Einkäufern von Handelsketten geknüpft worden.

Mittenhinein in die positive Grundstimmung bei den Rapsölherstellern aus Ottenstein platzte aber auch die Nachricht, dass im ersten Halbjahr 2011 weniger Rapsöl in deutschen Ölmühlen produziert worden sei als in den Jahren zuvor. Zurückzuführen, so Weiner, seien diese Produktionsrückgänge einerseits auf die Witterung, vor allem auf starke Regenfälle während der Ernte wie im letzten Jahr, andererseits aber auch darauf, dass mehr als die Hälfte der 600 dezentralen Ölmühlen Deutschlands ihre Produktion stark gedrosselt oder sogar ganz eingestellt hätten. Aus Expertenkreisen ist zu hören, dass die Rentabilität einiger Rapsölmühlen nicht mehr gegeben sei.

Die Gespräche mit dem Salzgebäckhersteller, dessen ursprüngliche Idee es war, das heimische Rapsöl bei der Produktion seiner Produkte einzusetzen, werden unvermindert weitergeführt, wie Weiner betont. Allerdings: „Wegen des Eigengeschmacks unseres Rapsöls ist es nicht möglich, das bestehende Salzgebäcksortiment mit unserem Produkt herzustellen.“ Nun werde über ein neues Salzgebäck nachgedacht, dem heimisches kaltgepresstes Rapsöl einen „einzigartigen Geschmack“ verleihen soll, berichtet Weiner.

Gerade im Hinblick aber auf das wachsende Bewusstsein in Wirtschaft und Gesellschaft für nachhaltige Produktionsketten bestehe eine große Chance für die Ottensteiner Rapsölpioniere, ist Weiner überzeugt. „Bekannt ist, dass die gesamte deutsche Rapsproduktion als nachhaltig zertifiziert ist.“ Als erstes Land der Europäischen Union habe Deutschland entsprechende Richtlinien umgesetzt und Zertifizierungssysteme anerkannt. Große Mengen an Raps kämen zwar aus Übersee, erklärt Weiner, beispielsweise aus Kanada und Australien. Um aber die für die Produktion von kaltgepresstem Rapsöl notwendigen Qualitätsstandards zu erzielen, werde man in Ottenstein auf die Kooperation mit den heimischen Landwirten nicht verzichten. Möller: „Maßgeblich für die Qualität des Öls ist der Geschmack, und der ist für den Verbraucher neben dem Preis der wohl entscheidendste Faktor. Um diesen Geschmack zu erzielen, müssen wir schon beim Rohstoff Raps höchste Qualitätsansprüche stellen.“ Ölmüller Siegmann überwacht diese Qualität und schwört auf die Kooperation mit den Landwirten der Region: „In mein Silo kommt nur der beste Raps.“

Die Nachfrage nach Rapsöl steigt stetig. Verwendet wird es vor allem als Rohstoff für Biokraftstoffe. Zudem gilt es jedoch als besonders wertvolles Speiseöl. Das auf der Ottensteiner Hochebene produzierte Rapsöl wurde nun sogar zum „kulinarischen Botschafter Niedersachsens“ ernannt.

Ölmüller Andreas Siegmann (li.) und Geschäftsführer Andreas Möller präsentieren ihr gerade ausgezeichnetes Produkt.Fotos: roh

In der Presse wird das Öl aus den Körnern herausgequetscht.

Beim Pressen entsteht als Nebenprodukt der Rapskuchen.Fotos: roh

Rapskörner auf dem Weg in die Presse.




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