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Diagnose Krebs – und wie geht es weiter?

2. Oktober 2008: Langsam legt Elena Malissova aus Stadthagen den Hörer ihres Telefons zurück. „Bösartig“ lautet das Ergebnis der Untersuchungen, das sie soeben von ihrem Arzt erfahren hat. Noch kann sie es nicht richtig begreifen, fassen, aber sie fängt an zu weinen. Ihr Mann ist zu Hause, kurz darauf klingelt es und gute Freunde kommen zu Besuch, sie ist nicht allein. „Ich habe es zunächst doch relativ gefasst aufgenommen“, beschreibt sie diese ersten Stunden nach der Diagnose, die ihr Leben verändern wird. Der Hausarzt gibt ihr Beruhigungsmittel, Familie und Freunde helfen ihr, die ersten Tage zu überstehen. Weitere Untersuchungen sind nötig, um festzustellen, ob sich bereits Metastasen gebildet haben.

Autor:

Bärbel Lucas

Angefangen hatte es ganz harmlos. Sie hatte sich zum Kühlschrank gebückt und sich in einer untypischen Bewegung mit dem Daumen im Brustbereich abgestützt, und – da war sie, die Stelle, die auf einmal Angst machte. Der Gynäkologe stellte kurz darauf „Verkalkungen“ fest, „nichts Schlimmes“. Auch bei der Mammografie war nichts zu finden. Doch Zweifel blieben. „Ich hatte einfach ein komisches Bauchgefühl“ schaut sie zurück, „und das hat mir sicher das Leben gerettet.“ Um eine genaue Diagnose zu bekommen, war eine Biopsie nötig. Dabei wird unter örtlicher Betäubung etwas Substanz aus der Brust herausgestanzt. „Es tut fürchterlich weh“, beschreibt Elena Mulissova. Drei lange Tage dauerte es von da an bis zu dem schicksalhaften Telefonat.

Die OP vier Wochen nach der Diagnose zeigte, dass der Krebs schon größer war, als vorher gemessen wurde. Jetzt musste die weitere Behandlung abgesprochen werden. „Chemo“ war angesagt, das Wort, das eine ähnlich schlimme Gänsehaut erzeugt wie das Wort „Krebs“. Besonders für eine Frau ist es gleich bedeutend mit „Haare weg“, was zumindest bei der Behandlung von Brustkrebs immer die Folge ist. Etwa vier Wochen lagen bei Elena Malissova zwischen OP und der ersten Chemotherapie. In dieser Zeit hat der Patient die Möglichkeit, noch mit der eigenen Frisur zu einem Perückenmacher zu gehen, um eine möglichst identische Perücke zu bekommen. Ein schwerer Weg, der angetreten werden muss.

Die erste „Chemo“ bekam die Patientin am 4. Dezember. Sechs Infusionen sollten es im Abstand von etwa drei Wochen werden. Schon nach der ersten Behandlung ging es ihr „dreckig“, wie sie selbst sagt, mit jeder weiteren elender. „Ich musste mich dauernd übergeben, und nachdem in der Praxis einmal die Nierenschale nicht ausgereicht hatte, brachte ich mir sogar einen eigenen Eimer mit.“

Und dann, in der zweiten Woche, kam der gefürchtete Moment: Innerhalb kürzester Zeit war die ganze Wohnung voller Haare. „Man fasst an den Kopf und hat büschelweise Haare in der Hand!“ Elena Malissova folgte dem Rat ihrer Tochter und rief eine Friseurin an, die ihr noch am gleichen Tag den Kopf rasierte. Sehr liebevoll sei das geschehen, immer wieder habe die Fachfrau ihr den Spiegel hingehalten und gesagt: „Siehst du, ist doch gar nicht so schlimm.“ Mit der Perücke – „sogar mit Strähnen“, sagt sie stolz – und hübschen Tüchern überstand Elena auch diese Zeit, wobei die Kassen sogar einen Teil der Perücke bezahlen. „Wenn jemand zu Besuch kam, habe ich das Tuch abgelegt und mich gezeigt.“ Das habe ihr und auch den Freunden geholfen, die Hemmung vor dem veränderten Aussehen zu überwinden.

Am 19. März 2009 war die letzte Chemobehandlung abgeschlossen, aber die schwere Zeit noch nicht vorbei. Nach vier Wochen Pause ging es mit Bestrahlungen los, 34 Stück an der Zahl, fast täglich. Nach Beendigung der Chemo war Elena Malissova kaum noch belastbar, schwach, aber auch die Bestrahlungen hatten ihre Nebenwirkungen. Vorhandene Beschwerden verstärkten sich, die Haut wurde empfindlich, teilweise sogar verbrannt, „und auch während dieser Phase fühlt man sich schwach und schlapp“, erinnert sich Elena Malissova, „aber irgendwann ist auch diese Zeit überstanden und Reha ist angesagt.“ Drei Wochen Anschluss-Heilbehandlung, die den Körper und auch die Seele aufbauen helfen, die Erholung bieten soll und mit Psychotherapie und Gruppenarbeit helfen, mit den Folgen der Krankheit zu leben.

Etwas anders wurde Marion Nonnenberg aus Buchholz mit ihrer Krebserkrankung konfrontiert. Sie hatte schon ihr Leben lang Angst davor gehabt, Krebs zu bekommen, denn ihre Mutter, beide Omas und der Vater hatten Krebs, die Mutter verstarb mit 39 Jahren, die Schwester der Mutter mit 40.

„Ich lag eines Abends auf dem Sofa und hatte gerade darüber nachgedacht, dass ich meine Mutter schon um 20 Jahre überlebt habe,“ erinnert sie sich, „da fühlte ich bei einer zufälligen Berührung plötzlich den Knoten.“ Das war im September 2008. Schon die Ultraschalluntersuchung brachte das gefürchtete Ergebnis „Krebs“, was eine Woche später bestätigt wurde. „Das überleb ich nicht“, waren ihre ersten Gedanken, und sie brauchte mehrere Tage für sich, bis sie zu Hause die Schocknachricht verkündete, die vor allem Angst in der Familie auslöste.

Auch sie musste die Biopsie über sich ergehen lassen, eine Untersuchung, bei der sie „fast von der Liege gesprungen“ wäre. Ihr Tumor war schon recht groß, bei einer OP hätte die ganze Brust abgenommen werden müssen, und so entschied man sich, zunächst eine Chemotherapie zu beginnen. Damit sollte zunächst die Geschwulst verkleinert werden. Marion Nonnenberg entschied sich außerdem zur Teilnahme an einer Studie, bei der sie ein zusätzliches Medikament bekommen sollte.

Am 29. September 2008 bekam sie die erste „Chemo“. Auch bei ihr fielen innerhalb kürzester Zeit die Haare aus, die letzten konnte sie sich büschelweise selbst herausziehen. Sie hatte sich in der Zwischenzeit ebenfalls eine Perücke anfertigen lassen, die genau ihrer eigenen Frisur und Haarfarbe entsprach, so war zumindest für ihre Umgebung diese Veränderung nicht sofort zu sehen. Zu Hause trug auch sie hübsche Tücher. „Man hat schnell raus, wie man die geschickt und dekorativ binden kann.“

Mit jeder Chemo-Behandlung ging es ihr schlechter. „Ich bekam eine Pilzinfektion, der ganze Mund war innen kaputt, die Augen tränten dauernd, der Magen brannte, die Speiseröhre, alles brannte“, beschreibt sie ihren körperlichen Zustand aus der Zeit. Sie habe kaum noch essen können, die Fingernägel taten schrecklich weh, sie fühlte sich elend. Nach der letzten Behandlung war sie schlapp, körperlich „fertig“. Marion Nonnenberg: „Die letzten beiden Behandlungen waren so schlimm, und es ging mir so schlecht, dass ich später verfügt habe, dass ich nie wieder eine Chemotherapie bekomme.“

Ein halbes Jahr nach der Diagnose konnte die Patientin operiert werden, der Verlauf war sehr gut und im Gegensatz zur vorhergehenden Therapie erholte sie sich schnell wieder. Aber auch für sie war damit die Behandlung noch nicht abgeschlossen. Die Bestrahlungsserie wartete, die weitere körperliche Probleme mit sich brachte. „Meine Brust war regelrecht verbrannt,“ beschreibt sie eine der Folgen dieser Behandlung. „Aber es ist erforderlich. Und mit Hilfe von Salben heilt es wieder.“ Aufatmen konnte auch Marion Nonnenberg, als sie zur Reha nach Bad Pyrmont fahren durfte, der schlimmste Teil dieser Krankheit war überstanden.

Wie sieht es nun ein Jahr später aus?

„Nach der Reha habe ich erst einmal mit meinem Mann Urlaub in der Heimat gemacht,“ sagt die gebürtige Griechin Elena Malissova. Sie sei während der ganzen Krankheit eigentlich zuversichtlich und ruhig gewesen, sie habe sich dadurch nicht „richtig krank“ gefühlt. „Andere körperliche Beschwerden waren da viel schlimmer.“ Heute merke sie, dass sie nicht mehr so belastbar ist wie vor der Diagnose, sowohl körperlich als auch seelisch. Sie sei schneller gereizt, habe keine Geduld mehr, eine Eigenschaft, die sie vor ihrer Erkrankung durchaus besessen habe, sie habe weniger Kraft und auch Unternehmungsgeist.

Alle drei Monate muss sie zur Kontrolle, damit kann sie aber umgehen. Schlimmer sei, wenn sie bei „normalen“ Arztbesuchen zu hören bekommt: „In Ihrem Fall sollten wir aber doch unbedingt diese oder jene Vorsorgeuntersuchung vornehmen.“ Dann komme „alles wieder hoch“ und verhindere, dass sie sich wieder ein unbeschwertes Alltagsleben führen könne. „Man wird ständig neu mit der überstandenen Krankheit konfrontiert, das nervt manchmal ganz schön.“ Und man beobachte sich völlig anders. So etwas wie ein simpler Reizhusten wird nun völlig anders wahrgenommen und bewertet. Inzwischen arbeitet sie wieder stundenweise in ihrem Job als Kassiererin. Sie hat die Krankheit überstanden und schaut trotz allem optimistisch in die Zukunft, sagt allerdings: „Was man da eigentlich alles durchgemacht hat, das wird einem jetzt erst so richtig bewusst.“

Marion Nonnenberg: „Ich habe mich zu Hause ausgeruht und erholt.“ Auch sie hat die Erfahrung gemacht, dass sie deutlich reizbarer ist als vor ihrer Erkrankung. „Ich bin nicht mehr so belastbar, werde schneller müde und fühle mich auch heute noch manchmal sehr schlapp.“ Kein Wunder, denn der Körper habe eine Menge aushalten und verkraften müssen, und auch die seelische Belastung dürfe man „keinesfalls unterschätzen“: Man führe wieder ein normales Leben, habe einen Alltag, aber ganz freimachen könne man sich nicht von der Angst, die vor allem vor der nächsten Untersuchung wiederkomme.

Aber auch Marion Nonnenberg ist zuversichtlich: „Nachdem die ersten eigenen Haare wieder gewachsen sind, ging es bergauf.“ Auch sie arbeitet wieder stundenweise in einem Pflegeheim, macht lange Spaziergänge mit ihren Hunden und ist dankbar, dass diese Zeit hinter ihr liegt.

„Sie haben Krebs.“ Worte, die ein Leben verändern. Bis hin zu dieser Nachricht war die eigene Welt noch in Ordnung. Aber jetzt? Schock, Angst, Fassungslosigkeit, Tränen, vielleicht auch Wut – das sind häufig die ersten Reaktionen. Zwei Frauen erzählen.

Dr. Constanze Priebe-Richter (l.), Onkologin und Palliativmedizinerin, bespricht die Behandlung.




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