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Diagnose Autismus: Marlene lebt in ihrer eigenen Welt

BAD MÜNDER. Es ist eine Beobachtung, die viele Eltern vermutlich freuen würde: „Marlene war ein auffällig liebes Kind.“ Für Tabea Korten war es ein erstes Indiz, dass mit ihrer Tochter etwas nicht stimmt. Marlene schmust viel mit ihrer Mutter und ist sehr still. Bis heute kann sie nicht richtig sprechen.

Tabea Korten mit ihrer Tochter Marlene: Bei der heute Fünfjährigen wurde frühkindlicher Autismus diagnostiziert. Foto: Dittrich
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Benedikt Dittrich Redakteur zur Autorenseite

Zwei Jahre vom ersten Anzeichen bis zur Diagnose dauert es, bis die Eltern Gewissheit haben: Marlene Korten ist Autistin.

„Zuerst dachte ich, sie hört einfach nur schlecht“, erinnert sich die Mutter und Hebamme. Als Marlene gerade mal eineinhalb Jahre alt ist, stellt Tabea Korten fest, dass ihre Tochter noch nicht so sprechen kann wie ihre Altersgenossen – sie hat bis heute nicht viel mehr als einzelne Wörter gelernt. „Mama“ oder „Papa“ kennt sie, aber zur Kommunikation, um jemandem zu rufen oder eigene Emotionen zu erklären, nutzt die inzwischen Fünfjährige die Sprache bisher nicht. Sie reagiert nicht auf Worte oder Geräusche, selbst wenn neben ihr ein Topfdeckel scheppert, zuckt Marlene nicht. Hinzu kommt: Wenn Marlene von vielen Menschen umgeben ist, kann sie nicht mehr laufen. Deswegen trägt ihre Mutter ihre Tochter auch mit fünf Jahre hin und wieder noch auf dem Rücken.

Bis zur Diagnose „frühkindlicher Autismus“ haben Mutter und Kind bereits einen Ärztemarathon hinter sich. Denn es ist schwierig, herauszufinden, was Marlene fehlt, ein Hörtest ist beispielsweise schwierig, weil sie gar nicht sagen kann, ob sie überhaupt etwas hört. Erst im Kinderkrankenhaus auf der Bult können die Ärzte feststellen: Mit den Ohren ist alles in Ordnung. Also geht es weiter zur nächsten Abteilung, bis sich der Verdacht erhärtet und noch ein halbes Jahr später, bis die Diagnose feststeht.

„Das war eine unglaubliche Erleichterung, als wir endlich Gewissheit hatten“, sagt die Mutter heute. Die Frühförderung, die beim Landkreis beantragt werden muss, lässt dann allerdings noch einmal mehrere Monate auf sich warten. Wertvolle Zeit vergeht, bis Marlene Therapiestunden bei der Autismusambulanz in Hameln bekommt – ihre Betreuerin besucht sie inzwischen in die Inklusions-Gruppe der Kita Arche Noah.

Seit zwei Jahren gibt es nun immer wieder Erfolge, aber auch Rückschläge. Irgendwann verstärken sich Marlenes Schreianfälle, sie leidet zunehmend unter Schlafstörungen. „Sie ist manchmal stundenlang in der Nacht umhergewandert“, sagt ihre Mutter, „wenn sie schreit, haut sie oft ihren Kopf gegen die Wand.“ Bis vor wenigen Wochen konnte die Mutter kaum durchschlafen. Heute sagt sie selbstkritisch: „Vermutlich wollten wir einfach zu viel.“ Zu viele Versuche und Ansätze auf einmal – vielleicht war Marlene durch zu viele Übungen einfach überfordert.

Wie kann ein Kind in seiner Entwicklung unterstützt werden, das die Welt so anders wahrnimmt als alle anderen, sich nicht äußern kann – diese Frage beschäftigt Marlenes Eltern weiterhin. Die bisherigen Therapie-Ansätze halfen bisher weniger als erhofft. Außerdem: „Viele Modelle haben mit Drill zu tun.“ Tabea Korten will nicht die Therapeutin ihres eigenen Kindes werden. Therapie bedeute oft Anpassung über Druck – und den will sie vermeiden.

Stattdessen hofft die Hebamme, die ihre Arbeit für ihr Kind vorübergehend aufgegeben hat, auf einen neuen Ansatz – sie hat das Projekt „Au Ja“ ausfindig gemacht. Die Idee: Das autistische Kind in seiner Welt abholen, indem Aktionen nachgeahmt und mitgemacht werden. „Unser Wunsch ist es, dass Marlene den Sinn von Kommunikation und sozialer Interaktion erkennt und versteht.“ Dafür muss sie Marlene aber erstmal erreichen. Erste Ansätze scheinen schon Früchte zu tragen: Nach ersten Übungen schläft Marlene wieder länger, ihre Anfälle sind seltener geworden – und sie spricht wieder.

Gleichzeitig haben die Kortens in Absprache mit dem Ambulanz-Zentrum alle anderen Übungen gestoppt. „Wir finden den Ansatz sehr spannend“, sagt Nicole Jarosch, Leiterin der Einrichtung der paritätischen Lebenshilfe. „Es geht immer darum, für jede einzelne Person den richtigen Ansatz zu finden“, erklärt Jarosch weiter. Insofern könne „Au Ja“ für Marlene das richtige Modell sein – für andere autistische Kinder aber andere Ansätze richtig sein.

Für das Fördermodell „Au Ja“ gibt es noch keine finanzielle Unterstützung, deswegen hofft Familie Korten auf Spenden. Weitere Infos auf ihrem Blog: www.sonnenwiege.de

Stichwort Autismus

Autismus heißt präzise „Autismus-Spektrums-Störung“. Darunter fallen Formen wie das Asperger-Syndrom und der frühkindliche Autismus. Autismus wird als neuronale Entwicklungsstörung eingestuft – also eine Störung der Nerven. Symptome sind unter anderem stereotype Bewegungsarten – zum Beispiel andauerndes Schütteln oder Drehen der Hände und Probleme bei der sozialen Kommunikation und Interaktion. Als Ursache gehen die Forscher von einem Gendefekt aus. Eine genaue Erklärung oder einen Ansatz zur Heilung gibt es noch nicht.



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