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Schulen richten Sprachlernklassen für Flüchtlinge ein / Aber es fehlt an Personal

Deutschlehrer Mangelware

Rinteln. Fünf Sprachen in einer Klasse, nur kein Deutsch. Die Lehrer mühen sich mit Englisch; Schüler übersetzen für Mitschüler, bis beim Letzten der Inhalt ankommt. Das ist Alltag in der neuen Sprachlernklasse der Berufsbildenden Schule Rinteln für Flüchtlinge. Könnte funktionieren, wenn es da nicht ethnische Konflikte unter den 16- bis 18-jährigen Schülern gäbe, und bei denen vom Westbalkan brechen diese sich schon mal Bahn. „Nicht mit Gewalt, aber mit Drohungen und Beschimpfungen zum Beispiel, nicht richtig übersetzt zu haben“, schildert Schulleiter Herbert Habenicht die Lage. „Da ist auch viel Hass dabei.“ Zweimal musste wegen Konflikten die Polizei kommen.

Autor:

Dietrich Lange

Heute berät Habenicht mit Lehrern dieser Klasse darüber, wie mit schärferen Regeln für die Schüler der geplante pädagogische Erfolg gesichert werden kann. Und wenn nicht, dann gilt: „Notorische Störenfriede können für mehrere Monate der Schule verwiesen werden“, so Habenicht.

Die Flüchtlingswelle erreicht auch die Schulen, und die sind dafür zumeist weder genug vorbereitet noch ausgestattet wie zum Beispiel beim neuen Berufsvorbereitungsjahr A (für Ausländer) an der BBS. Trotz geringerer Versorgungsquote mit Lehrern als bei anderen Schulen (wir berichteten) hat man sich dort dem Problem gestellt. 16 Flüchtlinge kamen in die Klasse, darunter nur ein Mädchen. „Ziel ist der Erwerb der deutschen Sprache und das Lernen von praktischen Dingen wie Busfahrplan verstehen. Wenn sie das beherrschen, können wir sie auch in normale Klassen nehmen, aber das ist noch ein weiter Weg.“

An der BBS wird nun zumindest die Schulordnung in mehrere Sprachen übersetzt, Dolmetscher des Landkreises sollen dabei helfen, so Habenicht. Aber er sorgt sich auch, was passiert, wenn noch mehr Flüchtlinge in die Schule kommen. „Sie müssen gerecht auf alle Schulformen verteilt werden“, sagt er. Immerhin habe das Kultusministerium der BBS am Freitag Nachricht gegeben, dass aus dem neuen Programm Sprint (Sprach- und Integrationsprojekt für Jugendliche Flüchtlinge) 1,5 Lehrerstellen für die BBS bewilligt werden. „Ich kann die Stellen jetzt ausschreiben, aber der Markt ist leer gefegt“, sagt Habenicht. „Bisher konnten wir für dieses Schuljahr aber noch Deutschlehrkräfte anstellen. Wenn wir die neuen 1,5 Stellen nicht für weitere Flüchtlinge brauchen, nehmen wir sie zur Entlastung für die bereits stark geforderten Lehrer des BVJ-A.“

Neue Schüler sind zumindest von der heute beginnenden Belegung der Landessammelunterkunft in der ehemaligen Prince Rupert School nicht zu erwarten. Nach fünf Tagen Aufenthalt Schulpflicht, das gelte hier nicht, so Kreisdezernentin Katharina Augath. Dazu sei erst ein fester Wohnsitz nötig, und den gebe es erst nach der Zuweisung in eine Unterkunft in Zuständigkeit des Landkreises. Augath: „Dann geht es nach Schulbezirken in eine Grundschule, bei den älteren Schülern kümmern sich die Awo-Sozialarbeiter um die Wahl der passenden Schule.“ Die BBS trifft es dabei relativ stark, weil sie Berufsvorbereitungsklassen für noch nicht ausbildungsreife Jugendliche ohnehin im Angebot hat.“

Auch Augath fordert, dass das Land Niedersachsen dafür aber auch ausreichende Ressourcen (Lehrer und Räume) bereitstellen muss: „Wir haben bereits drei Sprachlernklassen im Landkreis, zwei an der Oberschule in Stadthagen, eine an der OS Obernkirchen. Drei weitere waren für die Oberschulen in Bückeburg und Lindhorst sowie die IGS in Stadthagen beantragt, wurden aber abgelehnt. Wir haben von Kultusministerin Frauke Heiligenstadt deshalb jüngst beim Besuch des Gymnasiums Ernestinum gehört, dass sie mehr Ressourcen bereitstellen werde. Dort haben wir sie gebeten, diese drei Anträge positiv zu bescheiden. Sie will den Wunsch weitergeben.“

Bei diesem Besuch in Rinteln (wir berichteten) hatte Heiligenstadt gesehen, wie es gut laufen kann. Das Gymnasium hat allerdings nur zwei nicht deutsch sprechende Schüler: einen Jungen und ein Mädchen, Geschwister aus Afghanistan, deren großer Bruder dort für die Bundeswehr gearbeitet hatte. Es handelt sich um Christen, und die beiden Schüler waren zuletzt an einer türkischen Schule in Kabul, sind sehr lernbegeistert. Schulleiter Reinhold Lüthen: „Wir haben die beiden 16-Jährigen in die 10. Klasse genommen. Mitschüler unterstützen sie auf Englisch, eine Mitschülerin auf Türkisch. Beide nehmen schon an Fachunterricht teil. Sie haben wöchentlich fünf Stunden reinen Sprachunterricht in Deutsch und Orientierung im Alltag.“

Nur zwei Schüler, überdurchschnittliche Lehrerversorgung und Platz, Lüthen muss nicht klagen. Er bietet sogar Hilfe für die Hildburgschule an. Deren Leiter Torsten Rudolf hat nämlich im Gegensatz zu ihm 23 nicht Deutsch sprechende Schüler vom Balkan, aus Syrien, dem Irak und darüber hinaus. Zum Schuljahresbeginn hatte er dafür zusätzliche Lehrerstunden beziehungsweise Lehrkräfte beantragt, wurde von der Landesschulbehörde aber auf das zweite Schulhalbjahr vertröstet, es müssten erst neue Lehrerstellen geschaffen und dann besetzt werden.

„Ich habe daraufhin mündlich beantragt, dass wir gerne eine Lösung gemeinsam mit dem Gymnasium Ernestinum suchen würden“, sagt Rudolf. „Sprachlernklassen gibt es bisher auf zwei Jahre befristet, dann sollten die Schüler in normale Klassen integriert werden. Derzeit haben wir über die Bürgerstiftung Schaumburg finanziert einen ehemaligen Förderschullehrer für Sprachunterricht im Einsatz. In Planung ist, dass eine weitere ehemalige Lehrerin bei uns tätig wird, die schon ehrenamtlich Deutschunterricht in der ehemaligen Pestalozzischule gibt. Bei uns handelt es sich in der Regel um ganz liebe Schüler, die in ihrer Heimat schon auf dem Gymnasium waren. Ich gehe davon aus, dass wir eine Lösung in Räumen des Gymnasiums Ernestinum und mit Lehrerstunden von unseren beiden Schulen finden.“

Unproblematischer scheint es bei den Grundschulen zu sein. Aus der ehemaligen Pestalozzischule gehen Kinder zur Grundschule Nord, aus dezentraler Unterbringung jeweils zur Grundschule des zuständigen Einzugsbereichs. Schulamtsleiter Hans-Georg Dlugosch hat noch nicht von Problemen dabei gehört.




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