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Deutscher Alltag zweier Kopftuch-Frauen

Rabiha Öztürk treffe ich in ihrem Dönerladen. Ihr Mann bringt uns Kuchen und türkischen Tee an den Tisch. Sie und ihr Halil sind selbstständig, erzählt Rabiha. Zusammen betreiben sie seit elf Jahren in Emmerthal einen türkischen Imbiss. Rabiha Öztürk erzählt aus ihrem Migrantenleben: „Ich bin ein Kofferkind. Ich bin häufig zwischen Deutschland und der Türkei hin- und hergeflogen.“ Ihr Vater sei 1970 als Gastarbeiter ins Ruhrgebiet gekommen. Die Mutter zog 1972 hinterher. „Da war ich gerade zwei Jahre alt“, erklärt Rabiha.

Von Caroline Düvel

Rabiha Öztürk treffe ich in ihrem Dönerladen. Ihr Mann bringt uns Kuchen und türkischen Tee an den Tisch. Sie und ihr Halil sind selbstständig, erzählt Rabiha. Zusammen betreiben sie seit elf Jahren in Emmerthal einen türkischen Imbiss. Rabiha Öztürk erzählt aus ihrem Migrantenleben: „Ich bin ein Kofferkind. Ich bin häufig zwischen Deutschland und der Türkei hin- und hergeflogen.“ Ihr Vater sei 1970 als Gastarbeiter ins Ruhrgebiet gekommen. Die Mutter zog 1972 hinterher. „Da war ich gerade zwei Jahre alt“, erklärt Rabiha. 1975 kam das Mädchen für länger nach Deutschland, bis dahin hatten sich die Großeltern in der Türkei um die Enkelin gekümmert. „Ich wollte die Schule in Deutschland beginnen und bei meinen Eltern leben“, schildert die Türkin, „aber meine Eltern haben den ganzen Tag gearbeitet und hatten schlichtweg keine Zeit, sich um mich zu kümmern.“ Deshalb sei sie nach einem Jahr zurück in die Türkei zu den Großeltern gegangen. „Dort bin ich dann in die Grundschule gekommen.“ Danach begann das Hin und Her zwischen den Welten. Das Abitur beispielsweise hat sie in der Türkei gemacht, ein Studium in Anglistik und Islamwissenschaften in Bochum begonnen.

Noch bis vor Kurzem hatten Muslime in Deutschland kaum eine Lobby. In der politischen Diskussion prägten vor allem das Kopftuchverbot an Schulen, für das sich inzwischen sechs Bundesländer entschieden haben, Proteste gegen den Bau von Moscheen und Minaretten sowie eine generelle Angst vor der „Islamisierung der Gesellschaft“ das öffentliche Bild von Moslems in der deutschen Gesellschaft. Vielfach ist in den Medien von „Parallelgesellschaften“ sowie „gescheiterter Integration“ die Rede. Präsent sind Beispiele religiös motivierter Ehrenmorde oder Zwangsehen meist männlicher Moslems mit „Migrationshintergrund“. Die Unterdrückung der Frau im Islam durch den Mann werde am Kopftuch sichtbar, so der gesellschaftliche Tenor. Vor Ministerin Aygül Özkan haben es nur wenige deutsche Muslime, vorwiegend Männer, zu bundesweiter Prominenz gebracht. Beispielsweise der Fußballspieler Mesut Özil von Werder Bremen oder der Filmemacher Fatih Akin („Gegen die Wand“, „Soul Kitchen“).

Rabiha Öztürk spricht akzentfrei Deutsch, ebenso fließend beherrscht sie ihre Muttersprache Türkisch. Bildung sei ihr sehr wichtig, betont sie: „Ich habe lange Zeit Deutsch- und Alphabetisierungskurse für Nichtdeutschsprachler gegeben“ – so lange, bis sie sich selbst als Mutter um ihre Tochter Süreyya kümmern musste. Auch Süreyya wächst zweisprachig auf. „Bei uns ist Türkisch unsere Familiensprache, darauf legen wir Wert“, betont Rabiha Öztürk. Im Alltag wird es so praktiziert, dass die Familie untereinander Türkisch redet, aber viel auf Deutsch gelesen wird, zum Beispiel die Gute- Nacht-Geschichte.

In Öztürks Dönerladen kommen immer wieder Kunden und Nachbarn herein. Man kennt sich, unterhält sich über dies und das. Normaler Alltag eben. Neulich habe sie die Nachbarin im Krankenhaus besucht, wie man das halt so mache unter guten Bekannten, sagt Öztürk. Andersherum sorgten sich ihre Nachbarn kürzlich, als die Öztürks zwei Tage lang ihr Geschäft nicht öffneten. Hier wird klar: Was politisch mit dem so aufgeladenen Begriff der Integration gefasst werden soll, findet im Alltag längst statt. Ein gemeinsames Miteinander. Man trifft sich auf Augenhöhe.

Und wie ist das jetzt mit der Religion? „Ich bin gläubige Muslimin“, erzählt Rabiha Öztürk. Was bedeutet das für sie im Alltag? Kopftuchzwang? Unterwerfung gegenüber dem Mann? Weit gefehlt, Öztürk ist keine Frau, die sich zu etwas zwingen lässt. Vielmehr verweist sie lachend auf ihre „feministische Ader“, die sich durchaus mit ihrem Glauben vertrage: Alles, was sie tut, mache sie freiwillig und gerne, zum Beispiel das allmorgendliche Gebet. „Mein Mann und ich stehen vor Sonnenaufgang auf, um zu beten“, erklärt Rabiha Öztürk, während ihre Tochter meist noch weiterschläft. „Vorher erfolgt die Reinigung. Wir waschen uns Hände, Füße und das Gesicht. Dann beten wir fünf bis zehn Minuten.“ Hierzu knien sie auf dem Gebetsteppich, der nach Südosten in Richtung Mekka ausgerichtet ist. Rabiha Öztürk genießt dieses morgendliche Ritual. „Ich öffne beim Beten das Fenster und höre, wenn die Vögel anfangen zu zwitschern. Für mich ist das ein ganz intensiver Moment.“ Welche Rolle hat das Kopftuch dabei? „Für mich ist das Kopftuch wie ein Befehl vom Schöpfer. Ich trage es gerne, weil ich mich mit meinem Glauben identifiziere, nicht aus politisch motivierten Gründen“, erklärt die 40-Jährige. Ebenso respektiere sie andere Musliminnen, die auch ohne Kopftuch ihren Glauben leben. „Ich betrachte das nicht abwertend, sondern als persönliche Entscheidung im Umgang mit dem Glauben.“ Aber kann man die Diskussion tatsächlich trennen und das Kopftuch als rein religiöses Symbol betrachten ohne die politische Aufladung dahinter? Ganz so einfach ist es sicher nicht, das sieht auch Rabiha Öztürk so. Sie selbst hat im Alltag schon kuriose Situationen erlebt, zwar keine offenen Anfeindungen, aber Irritationen. Etwa von der Lehrerin ihrer Tochter beim Elternsprechtag, die überrascht war, dass ihr eine Kopftuchfrau gegenüber saß, die fließend Deutsch spricht. Rabiha Öztürk meint: „Wir sind auch selbst schuld, dass die deutsche Gesellschaft so ein Bild von uns hat. Wir Muslime haben uns lange Zeit nicht geöffnet für die Gesellschaft. So konnten wir uns nicht gegenseitig kennenlernen – und so entstehen die Vorurteile.“ Im Prinzip habe die Mehrheitsgesellschaft ein Bild von der muslimischen Frau, wie es noch zu Zeiten der ersten Generation Gastarbeiter prägend war: Die Frau sitzt am Herd mit ihren drei Kindern, versorgt den Mann, der von der Arbeit kommt. Sie kommt nicht raus, lernt kein Deutsch und ist allein deshalb abhängig von ihrem Mann, ohne den sie im Alltag nicht zurecht kommt. Nicht zuletzt, um diesem Bild entgegenzuwirken, ist Öztürk Vorsitzende der Frauengruppe – mit rund 60 weiblichen Mitgliedern – ihrer Moschee in Hameln, dem regionalen Verband der Türkisch-Islamischen Union. Sie tritt ein für die Öffnung, für ein Zusammenleben und gesellschaftliches Miteinander von Muslimen und Nichtmuslimen, hergestellt über Aufklärung und Bildung.

In dem Verein ist auch Selvihan Özmen Mitglied. Die 31-jährige Diplom-Chemikerin kommt gerade mit der S-Bahn aus Hannover, sie ist Doktorandin an der Tierärztlichen Hochschule. Während sie in Hannover arbeitet, passt ihr Mann in Hameln auf den gemeinsamen Sohn auf. Selvihan Özmen schwärmt: „Mein Mann unterstützt mich, wo er kann. Er kocht, putzt und macht den Haushalt.“ So viel zum traditionellen Rollenverständnis und Frauenbild im Islam.

Was sich die beiden Frauen an gesellschaftlichen Veränderungen für die Zukunft wünschen? „Bessere Bildung“, kommt es übereinstimmend von ihnen. Unabhängig von religiöser Zugehörigkeit und Nationalität sollten vor allem Frauen eine größere Unterstützung beim Zugang zu Bildungsangeboten erfahren. Die neue Sozialministerin Aygül Özkan könne in diesem Prozess ein Vorbild sein und insbesondere türkische Frauen motivieren, sind sich Rabiha Öztürk und Selvihan Özmen einig.

„Die Muslimin“ in der deutschen Gesellschaft hat ein prominentes Gesicht bekommen: das von Aygül Özkan, der neuen Sozialministerin in der Regierung von Christian Wulff (CDU). Wer sind die Musliminnen unter uns? Was zeichnet ihren Alltag aus? Welche Bedeutung hat die Religion für sie? Ein Einblick in das Alltagsleben zweier Kopftuch-Frauen.




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