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Der Wetterprophet soll zurückkommen

Dass der Laubfrosch, dieser kleine grüne Geselle mit den großen Augen, im ganzen Schaumburger Land ausgestorben sein soll, diese Nachricht klingt fast unglaubwürdig. Es kann doch nicht sein, dass der Märchenfroschkönig und Wetterprophet, der Frosch der Tierfabeln und Vorbild für Kermit, den schlauen Sesamstraßenreporter, dass er es in unserer modernen Landschaft einfach nicht mehr aushalten kann.

Autor:

Cornelia Kurth

Solches ungläubige Erstaunen erlebt Dr. Holger Buschmann, Biologe und Vorsitzender des Naturschutzbundes (NABU) Niedersachsen, oft, wenn er seinen Werbefeldzug für die Rettung des „Hyla arborea“ durchführt. „Ein König sucht sein Reich“, so der Titel einer Kampagne des Nabu (Naturschutzbund), die den grünen Winzling wieder bei uns heimisch machen will.

Wer hätte als Laie auch gewusst, dass der Laubfrosch so besonders anspruchsvoll ist in Bezug auf die Ausstattung seines Königreichs. Er braucht nicht nur einen Teich, sondern gleich eine ganze Reihe davon, zwischen denen er im Laufe seiner etwa fünfjährigen Lebensspanne hin- und herwandern kann. Es dürfen auch nicht irgendwelche Teiche sein, sondern er fordert größere, flache Tümpel, durchaus von Gesträuch umstanden, aber nicht von Büschen und Bäumen beschattet. Was er niemals verzeiht: wenn Pestizide in sein Wasser gelangen.

Und schließlich müssen die Tümpel oder Teiche auch regelmäßig trockenfallen.

Früher war er auch im Schaumburger Land heimisch: der Laubfrosch. Inzwischen ist die kleine grüne Amphibie aber nur noch selten zu finden – auch, weil sie hohe Ansprüche an ihre Umgebung stellt. Und die sind auch das Problem, soll der Frosch wieder angesiedelt werden, wie es der Naturschutzbund vorhat. Fotos: Christian Fischer/cok

Die schlimmsten Feinde der Laubfrösche sind nämlich Fische. Die stürzen sich mit solcher Gier auf die Gelege, die bräunlichen „Laichballen“, welche die Weibchen jetzt in April und Mai an Wasserpflanzen anheften, dass ganze Populationen ausradiert werden. Nur wenn die Teiche auch mal austrocknen und damit die Fische verschwinden, hat die nachwachsende Frosch-Generation eine Chance.

Das ist einer der Gründe, warum ein einzelner Teich oder Tümpel nicht genügt, um ein Froschvölkchen dauerhaft am Leben zu erhalten. Ist eine Wasserstelle versiegt, wandern sie zur nächsten, und kehren sie wieder zurück ins nun fischfreie Gewässer, dann können die Kaulquappen in Ruhe erwachsen werden.

Die Fische, sie kommen nicht von ungefähr. Manchmal sitzen ihre Eier an Pflanzen wie Rohrkolben, die also entfernt werden sollten, wenn man den Frosch halten will. Vor allem aber sind es Menschen, die Fische – Stichlinge, Forellen oder die gefräßigen Goldfische – in der Natur aussetzen, keine gute Tat, wenn es um den Laubfrosch und seine Überlebensmöglichkeiten geht. Eigentlich müssten Laubfrösche älter werden als nur drei bis fünf Jahre, um all den Gefahren zu entgehen. Aber schon ein oder zwei Sommer ohne Nachwuchs – und schon ist alles wieder aus.

Es wäre ja kein Wunder, wenn es rein sentimentale Beweggründe hätte, den Laubfrosch zu retten. Mit seinen großen dunklen, seltsam nachdenklich wirkenden Augen und der Art, wie er den Kopf auf seine eingezogenen Vorderbeine legt, als wolle er es sich richtig gemütlich machen, mit seiner glänzend hellgrünen Haut und den „Fingern“, die wie Patschhändchen wirken, weil sie kleine Saugnäpfe besitzen, wirkt er rundherum so niedlich, dass es nicht umsonst in fast jedem Kinderzimmer ein Froschstofftier gibt und auch viele Erwachsene ihre Sammelleidenschaft an Froschfiguren festmachen.

Und sollen denn nie wieder kleine Mädchen einen Laubfrosch in die Hand nehmen können, um ihm mutig einen Kuss zu geben, weil er ein verzauberter Prinz sein könnte? Ja, Holger Buschmann und seine Kollegen beim Nabu bauen, wenn sie Spenden und Mitarbeiter requirieren, durchaus auf solche gefühligen Argumente.

Doch unter ökologischen Gesichtspunkten gesehen, zählen andere Punkte. Der Laubfrosch gilt als „Ziel- und Leitart“ der Naturschützer. Wo er sich wohlfühlt, tun es andere Amphibien, Insekten und Pflanzen auch. Sie alle kommen ja nicht gut klar mit einer Einheitslandschaft, die sich nur noch den unmittelbaren Bedürfnissen der Menschen zu fügen hat. Schnecken, Muscheln, Lurche; Wasserkäfer, Libellen, Ringelnatter und schließlich der Storch, der nach Leckerbissen Ausschau hält, sie sind da zu finden, wo die Laubfrösche überleben können.

Dazu auch Pflanzen wie die schöne Sumpfdotterblume, die Wasserschwertlilie, der Sonnentau oder der Wasserhahnenfuß.

Auf alten Flurkarten oder auch auf Satellitenbildern kann man erkennen, wo früher Teiche, Wiesentümpel oder wassergefüllte Senken vorhanden waren. Die allermeisten von ihnen fielen landwirtschaftlichen Interessen oder Bauvorhaben zum Opfer. Die Bauern legten Drainagen an, um ihr Land überall trockenzulegen, damit es sich leichter bewirtschaften lässt. Oft wurden die Gewässer mit Bauschutt verfüllt. Unkrautvernichtungsmittel trugen dazu bei, dass die Flora an Waldrändern oder auf den Wiesen nicht mehr geeignet ist, eine abwechslungsreiche Landschaft zu erhalten.

Der Nabu will nun auch im Landkreis Schaumburg ein ähnliches Projekt starten, wie es bereits im Jahr 2005 in den Meerbruchswiesen am Steinhuder Meer erfolgreich umgesetzt wurde. Dort legte man an den alten Plätzen neue Tümpel und Teiche an, dazu Hecken und Staudensäume, um schließlich aus Laichballen vorgezogene Kaulquappen auszusetzen, die sich tatsächlich im Laufe eines Sommers zu munteren Laubfrosch-Jungtieren entwickelten.

Ganz schön laut ist es da jetzt. Obwohl die Frösche gerade groß genug sind, um in einer Handkuhle Platz zu finden, sind sie die lautesten Quaker von allen. Sie können ihre Schallblasen so weit aufpusten, dass diese größer werden als der ganze Frosch. Etwa ab 22 Uhr am Abend geht das Froschkonzert los und bis Mitternacht dürften die meisten Weibchen ihren Laich zum Besamen abgelegt haben.

Was übrigens immer noch ein Rätsel ist: warum die Laubfrösche auch noch im Herbst, also längst nach der Paarungszeit, „singen“. Sie erklimmen dann die Bäume in der Umgebung, manchmal bis zu 20 Meter hoch, und lassen lautstark von sich hören.

Die Kaulquappen – etwa 1000 Stück gehören zum jährlichen Nachwuchs einer einzelnen Froschmutter – sie stehen mitten in einer Nahrungskette, wo sie sich von Algen und Kleinsttieren im Wasser ernähren und ihrerseits gerne von Libellenlarven und Gelbkäferlarven gefressen werden. Wer diesen Überlebenskampf übersteht, steigt im Juli aus dem Wasser, immer noch mit einem kleinen Schwänzchen versehen, und macht sich auf die Jagd nach Insekten, seinerseits verfolgt von Eisvogel, Graureiher, Ringelnatter und nachts von Eule und Waldkauz.

Ein Jahr später erreichen die Fröschlein das fortpflanzungsfähige Alter, nachdem sie den Winter starr an einem frostfreien Platz verbrachten.

Laubfrösche sind nicht immer knallgrün. Sie können ihre Farbe ändern, von Hellgrau über leicht gelblich bis hin zum Dunkelgrün. Diese Farbwechsel werden durch Tastreize ausgelöst, die ihnen helfen, sich dem jeweiligen Untergrund anzupassen. Beobachter, die einen Laubfrosch zwischen und auf Gräsern oder am Baumstamm entdecken wollen, müssen schon recht geübte Augen haben. Ein Kuriosum sind die hellblauen Laubfrösche, ihnen fehlt ein bestimmtes Farbpigment, was ihre Überlebenschancen nicht gerade verbessert.

Im Schaumburger Land gibt es einige Gegenden, wo sich die Frösche im Prinzip sehr wohl fühlen könnten, wo sie aber spätestens ab den 1980er Jahren kaum noch zu finden waren. Holger Buschmann nennt da unter anderem die Bückeburger Niederungen, die Sachsenhäger und Rodenberger Auen und insgesamt Randgebiete des Schaumburger Waldes. Überall dort, wo neue kleine Gewässer angelegt werden, können Kaulquappen ausgesetzt werden, alles unter wissenschaftlicher Begleitung und nur mit behördlicher Genehmigung.

Diese Gewässer stehen dann unter strengem Naturschutz und müssen auch regelmäßig in größeren Abständen gepflegt werden.

Möglich ist die Neuansiedlung sowieso überhaupt nur da, wo eine extensive Landwirtschaft betrieben wird, die sich den landschaftlichen Gegebenheiten anpasst, ihre Wiesen nicht zu häufig mäht und vor allem neben dem Verzicht auf starkes Düngen den Einsatz von Pestiziden drastisch reduziert.

„Beides, Chemiedünger und Pestizide sind reines Gift für die Laubfrösche und andere Amphibien“ so Holger Buschmann. „Die Tiere sterben sofort, wenn sie damit in Berührung kommen.“

Kürzlich hielt der Biologe in Rinteln einen Vortrag über den „König“, der ein Reich sucht. Der Rintelner Nabu plant nämlich für dieses Jahr ein „Tümpelprojekt“, in dessen Rahmen er zwölf großflächige Teiche anlegen will, die auch den Laubfröschen helfen sollen, in Schaumburg wieder ansässig zu werden. Wenn alles gut geht, geben sie vielleicht schon im nächsten Frühling ein Konzert.

Und wenn sie auch noch im Herbst quaken, dann könnte das ein Zeichen dafür sein, dass sie sich richtig wohlfühlen.

Früher quakte der Laubfrosch noch in großer Zahl an deutschen Teichen. Inzwischen gehört er zu den gefährdeten Arten. Den Märchenhelden und Wetterpropheten will der Naturschutzbund jetzt wieder in der Region heimisch machen. Denn dort, wo er sich wohlfühlt, halten es auch andere Tierarten gerne aus.




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