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Zentralisierungsprozess als Chance für Stadtentwicklung / Neue Impulse für die Infrastruktur

Der Trend geht zurück in die Mitte

Berlin. In welche Richtung sich eine Stadt entwickelt und welchen Veränderungen ihre Infrastruktur heute ausgesetzt ist, hängt von so vielen Faktoren ab, dass sich ein genereller Trend nicht festmachen lässt: „Es gibt Schrumpfungs- und Wachstumsregionen“, sagt Tine Fuchs, Referatsleiterin für Stadtentwicklung beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Nur eine Tendenz sei eindeutig wissenschaftlich belegt: Nach der Suburbanisierung, jener als „Stadtflucht“ bezeichneten Abwanderungswelle, als große Teile der städtischen Bevölkerung den Innenstädten den Rücken kehrten, um sich im Umland anzusiedeln und sich Funktionen aus der Kernstadt auf die „grüne Wiese“ verlagerten, gibt es wieder einen gegenläufigen Trend: „Ältere Einwohner, aber auch Familien, zieht es zurück in die Städte“, so Fuchs.

Autor:

Karin Rohr

Die Zukunft der Innenstädte – sie ist maßgeblich abhängig von zwei Komponenten: dem demografischen Wandel und dem Wandel im Handel, wo der Einzelhandel über Jahrhunderte traditionell die tragende Säule einer vitalen Urbanität war. Auch heute sei der Handel von existenzieller Bedeutung, sagt die Referatsleiterin für Stadtentwicklung: Eine gut aufgestellte Innenstadt sei allemal attraktiver als die „grüne Wiese“: „Beim Handel sind aber heute mehr denn je Flexibilität und Ideenreichtum gefragt.“ Dazu zählen laut Tine Fuchs Alleinstellungsmerkmale, ein gelungener Branchenmix, Erlebnis-Shopping und gutes Leerstandsmanagement.

Flexibilität heißt das Zauberwort nicht zuletzt im Hinblick auf den demografischen Wandel: „Bis 2050 wird jeder Dritte in Deutschland älter als 60 und mindestens jeder Zehnte über 80 Jahre alt sein“, merkt das Goethe-Institut in einem aktuellen Dossier zum Thema „Stadtlandschaften“ an. Das bedeutet nicht nur verändertes Mobilitäts- und Kaufverhalten, sondern ist auch verbunden mit wachsenden Ansprüchen an eine Multifunktionalität, die über die reine Handelsfunktion hinausgeht: Innenstädte müssen nicht nur die Nahversorgung mit lebenswichtigen Waren und Dienstleistungen bieten, sondern auch als Wohn-, Kultur- und Lebensraum attraktiv sein. Eine zukunftsorientierte Stadtplanung sollte veränderten Wirtschafts- und Sozialsystemen Rechnung tragen und innovative Wohnungskonzepte forcieren.

„Speziell für den Einzelhandel ist der demografische Wandel eine der größten Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft“, ist Carolin Eitner überzeugt, die für die Ruhr-Universität Bochum die Reaktionsfähigkeit des deutschen Einzelhandels auf den demografischen Wandel untersucht hat: „Bereits heute tragen die Personen über 50 Jahren zu 45 Prozent am Gesamtkonsum bei.“ Laut einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) aus dem Jahr 2002 machen sich 50 Prozent der Befragten im höheren Lebensalter lieber ein schönes Leben als immer nur zu sparen. Sie legen Wert auf Qualität und Beratung und haben Service-Bedürfnisse, auf die sich Handel und Dienstleister in den Innenstädten in den kommenden Jahrzehnten einstellen müssen.

Während die Kommunen mit Fußgängerzonen dem Wunsch nach Verkehrsberuhigung und einer Steigerung des Freizeitwertes in Innenstädten nachkommen, befriedigen gut aufgestellte Einkaufscenter oder auch Stadtquartiere mit attraktivem Branchenmix das Bedürfnis nach kurzen Wegen. „Ein Einkaufscenter am optimalen Platz und mit einem optimalen Angebot wirkt befruchtend auf Umgebung und Handelsnutzung“, ist Hans-Hermann Buhr von der IHK Hannover überzeugt.

Das Bestreben nach einer marktgerechten Gestaltung des Geschäftes ist für viele Einzelhändler heute verbunden mit einem größeren Verkaufsflächenbedarf. Der aber scheitert oft am Erhalt historischer Stadtbilder: „Kleinere Flächen zusammenzulegen stellt bei alten Fachwerkhäusern ein technisches Problem dar, hinzu kommen Auflagen des Denkmalschutzes“, schreibt Diplom-Geograf Thomas Wieland in seinem Projektbericht zu „Innenstadtentwicklung und Strukturwandel“ in Holzminden. Hürden, die ein „Immobilienpooling“ überwinden könnte, „wenn sich Eigentümer zur Zusammenlegung, Entwicklung und Vermarktung von innerstädtischen Einzelhandelsflächen zusammenfinden“, meint Buhr. Ob ein Einkaufscenter die Wohnattraktivität einer Innenstadt steigert, wurde bislang nicht untersucht. „Aber ich sehe da keinen Synergieeffekt“, bezweifelt Buhr. Zwar bringt der sich in jüngster Zeit verstärkt abzeichnende Wunsch nach dem Wohnen in der Stadt auch neue Entwicklungsformen mit sich, die der Handel für sich nutzen kann, aber: „Die Möglichkeit von Einkäufen ist nicht die einzige Funktion einer Innenstadt“, warnt schon der Göttinger Geograf Thomas Wieland.

Um Leerständen in Innenstädten zu begegnen, gilt es in erster Linie, diese lebenswert zu machen und so die Wohnkraft zu stärken: Dazu gehört nicht nur ausreichender, adäquater und auf die Bedürfnisse sich verändernder Haushaltsgrößen abgestimmter Wohnraum, sondern zählen auch umfassende Dienstleistungs-, Gastronomie- und Freizeitangebote, die ärztliche Versorgung, eine gute Verkehrsanbindung und genügend Parkplätze. Das sind alles Bausteine, die zur Schaffung optimaler Standortbedingungen beitragen. „Nicht zuletzt ist die Kommune in der Pflicht, für attraktiven öffentlichen Raum zu sorgen“, sagt Buhr. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spiele dabei das Stadt- und Quartiersmanagement. Denn: „Viele Zahnräder müssen ineinandergreifen, damit sich eine Stadt erfolgreich vermarkten kann“, so der IHK-Handelsreferent.

Klar ist: Das strukturelle „Ausbluten“ ländlicher Regionen und suburbaner Umfelder hat zu Zentralisierungsprozessen geführt, von denen die Innenstädte bereits profitieren, oder – bei entsprechender stadtplanerischer Weitsicht – in naher Zukunft profitieren können. „Selbst in Schrumpfungsregionen lassen sich positive Stadtentwicklungen beobachten“, stellt Tine Fuchs fest.




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